Kunst

Atelier Oï: Die mit den Händen denken

Das Atelier Oï überrascht von der Tasse bis hin zu Häusern. Nun präsentiert sich Oï mit seinen Arbeiten im Museum für Gestaltung

Silvia Schaub
Drucken
Teilen
Lässt die Besucher in eine Atmosphäre aus Licht, Farbe und Bewegung eintauchen: das Atelier Oï.

Lässt die Besucher in eine Atmosphäre aus Licht, Farbe und Bewegung eintauchen: das Atelier Oï.

Atelier Oi

Vorn der Bielersee und die St. Petersinsel, hinten die Weinberge – die Sicht aus dem Moïtel, der Schaltzentrale des Atelier Oï in La Neuveville, bietet eine beeindruckende und meditative Atmosphäre. In den Zimmern des einstigen Motels, die zum Gang hin geöffnet wurden, sitzen die Designer und Architekten an ihren Projekten.

Man hört Deutsch, Französisch, Englisch. Und überall im Gebäude begegnet man den Objekten und Prototypen des renommierten Büros: den Blüten-Girlanden aus weissem Washi-Papier, den Foscarini-Leuchten aus Metall-Stäben, dem weissen Wogg-Tisch, den Stühlen und Tischen für Röthlisberger.

Patrick Reymond schwirrt ins Sitzungszimmer. Er ist in Jeans und Hoodie gekleidet und setzt sich in den Eames-Stuhl. Er muss kurz durchatmen. Derzeit ist der Mitbegründer der Design-Troika – des Dreigespanns, dessen Name sich aus der Wortmitte von «Troika» ableitet – an allen Ecken und Enden gefragt. Wir treffen ihn kurz vor der Eröffnung der Ausstellung im Museum für Gestaltung in Zürich. Eine Ehre sei das für sie, sagt er.

Auf 900 Quadratmetern wird das Atelier Oï einen Überblick über sein Schaffen präsentieren. Von einer Retrospektive will Reymond nicht sprechen, eher von einer Momentaufnahme. «Wir wollen nicht die besten oder schönsten unserer Objekte oder Projekte zeigen, sondern vielmehr aufzeigen, wie unsere Prozesse ablaufen.» Dazu erscheint im Verlag Lars Müller ein Buch, das sich ebenfalls diesem Aspekt widmet.

Normen brechen

Die Arbeitsweise des Atelier Oï ist in der Tat bemerkenswert. Während sich bei anderen Designern an den Objekten eine bestimmte DNA ablesen lässt, überrascht und verblüfft das Team um die drei Gründer Aurel Aebi, Armand Louis und Patrick Reymond immer wieder neu. «Formell sieht man unseren Objekten nicht an, dass sie von uns sind.» Aber wenn man den Prozess betrachte, sehe man sehr wohl einen roten Faden. Und diesen bezeichnet er als «kreative Undiszipliniertheit».

«Wir versuchen, die Normen zu brechen, und navigieren zwischen den einzelnen Bereichen von Architektur, Inneneinrichtung und Design», erklärt Reymond. Sie entwerfen Möbel und Leuchten für Foscarini oder Louis Vuitton, Glastassen für Nespresso, aber auch Einfamilienhäuser und Fabrikgebäude. «Wir können einen kleinen Teller anrichten, aber auch ein grosses Buffet.»

Das habe wohl damit zu tun, dass Aebi und er die Ausbildung an der Ecole Athenaeum in Lausanne abgeschlossen hatten, einer Privatschule von Alberto Sartoris, einem Architekten und Designer, der mit Le Corbusier und Gropius zu den Begründern der rationellen Architektur gehörte. Inzwischen beschäftigt das mehrfach preisgekrönte Unternehmen rund 40 Mitarbeitende; ein Drittel davon Architekten, ein Drittel Innenarchitekten und ein Drittel Designer.

Kreative Kettenreaktion

Interessant ist die experimentelle Herangehensweise des Kollektivs an das Material. Im Keller des Moïtels haben sie eine Sammlung mit allen Materialien angelegt, die sie in den letzten 27 Jahren zusammengetragen haben. Weit über 20 000 Werkstoffe sollen es sein. «Das ist unsere Küche», meint Reymond schmunzelnd. Aus diesem Fundus holen sie sich bei einem neuen Projekt die Grundzutaten und mischen sie neu. «Wir denken mit den Händen und stellen wie ein Koch ein neues Gericht zusammen, probieren, schauen, wie Materialien in einer anderen Kombination neu reagieren oder sich zusammenfügen lassen.»

Manchmal kommt ein Material nach 20 Jahren wieder zum Zuge, in einem völlig anderen Kontext. Wie etwa die Schnüre, die sie einst für eine Installation im Designmuseum Mudac in Lausanne entworfen hatten. Später gaben sie die Inspiration für eine Garderoben-Kollektion für Atelier Pfister, und anschliessend standen sie Pate für die Schnur-Sessel «Reel» für B&B Italia. Eine kreative Kettenreaktion sozusagen.

Wo bleibt das typisch Schweizerische, wollen wir von Patrick Reymond wissen. Er hält inne, überlegt und greift sich in die Haare. «Doch, doch, irgendwie haben unsere Arbeiten schon etwas Schweizerisches, auch wenn man das nicht unbedingt sieht. Ein gemeinsamer Nenner ist, dass wir sehr gründlich sind – und das ist doch schon sehr typisch für unser Land.»

Genau damit erobert das Atelier Oï von La Neuveville aus die Welt. Seine Auftraggeber umspannen den ganzen Globus – von Annecy über Lima bis Schanghai. Eine Chance sei es, hier in diesem Niemandsland und sozusagen auf dem Röstigraben zu arbeiten, sagt Patrick Reymond. «Der Esprit des Handwerks mit der Uhrenindustrie hat uns geprägt.» Es bedeute auch, dass sie stets den Blick nach aussen haben müssen.

Das spürt und sieht man beim Betrachten ihrer Objekte. Etwa bei den luftigen weissen Blüten «Minoshi» oder den «Brindilles», den Zweigen aus Stoffbändern und schlanken Holzstäben und bei den «Helicoïdales», den grossen Spiralen aus dünn geschnittenen Arvenholzstreifen. Sie alle werden die grosse Halle des Museums für Gestaltung für ein halbes Jahr in eine Zauberwelt verwandeln.

Zurück zu alter Würde und neuem Glanz

Lange drei Jahre wurde das denkmalgeschützte Gebäude aus den Dreissigern renoviert. Nun zeigt sich das Museum für Gestaltung an der Ausstellungsstrasse in Zürich (daneben wird das Museum am Standort Toni-Areal weiterhin bespielt) in neuem Glanz. Dabei wurde im Innern einiges verändert. So wurde die Ausstellungshalle mit den charakteristischen Stützen wieder in ihren historischen, doppelgeschossigen Zustand zurückversetzt.

Zur Wiedereröffnung gibt es gleich fünf Ausstellungen. Neben der Hauptausstellung «Oïphorie» von Atelier Oï in der Halle werden im Untergeschoss über 2000 Glanzstücke aus der rund 150-jährigen Sammlung zu entdecken sein. Gleich daneben werden in «Ideales Wohnen» unterschiedliche Wohnträume des 20. Jahrhunderts in sieben Musterzimmern präsentiert.

In der «Swiss Design Lounge» kann man auf Tuchfühlung mit Schweizer Design-Klassikern gehen und in der Ausstellung «Plakatgeschichte» in die grösste Plakatsammlung der Welt eintauchen.

Museum für Gestaltung, Wiedereröffnung am 3. März, Ausstellungsstrasse 60, Zürich, www.museum-gestaltung.ch.