Mein Lieblingswerk
Andreas Bründler: «Grosse Geschichten von einer freien Welt»

Der Basler Architekt Andreas Bründler wählt Clifford Stills Bild «1957 - D No. 2» als sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

Andreas Bründler
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Clifford Still: «1957 - D No. 2», 1957, 289 x 407.3 cm; Öl auf Baumwolle. MARTIN P. BÜHLER /KUNSTMUSEUM BASEL

Clifford Still: «1957 - D No. 2», 1957, 289 x 407.3 cm; Öl auf Baumwolle. MARTIN P. BÜHLER /KUNSTMUSEUM BASEL

«An einem Clifford Still kann man auch locker vorbeigleiten. Er drängt sich einem nicht unmittelbar auf. Genügend Weissraum, der die Bildebene mit der Ausstellungsumgebung verbindet, in seiner Dimension eher schon Teil des Raumes, zurückhaltende Farbigkeit, kaum semiotische Hinweise. Es war wohl nicht Intention des Künstlers, sein Werk intensiv zu streuen, denkt man da. Und tatsächlich, Still arbeitete am liebsten in ferner Abgeschiedenheit in Colorado und versuchte seine Arbeiten bei sich zu halten wie der Hirt die Schafe.

Darum gibt es in der Welt leider auch nur wenige zu sehen. Doch wenn man nun diesen Still zu sehen bekommt, wenn man innehält, dann wird man sich der virtuosen Bildgewalt allmählich bewusst und die lässt einem nicht mehr los. Atmen, entspannt und tief Atmen und Ruhe kehrt ein. Das Bild in seiner eindrücklichen Dimension nimmt mich als Betrachter auf. Die Reduktion auf Schwarz und Weiss steigert den offenen Deutungsraum weiter.

Ich liebe die Grosszügigkeit der amerikanischen abstrakten Expressionisten. Aber im Gegensatz zum immensen Farbkosmos eines Barnett Newman beispielsweise, der auch etwas schmerzfrei wirken kann, kommt bei Still eine weitere, suggestive Tiefe zum Tragen. Die immerwährende Bewegtheit im subtilen Annähern von Figur und Grund. Ein fast suchender Formverlauf und dann doch wieder Halt dank durchaus grosszügigem und bestimmtem Duktus.

Man folge der Abrisslinie. Aus virtuos pendelnder Unschärfe entsteht ein Vibrieren. Hier kann man sich in jeden Pinselstrich verlieren. Narrative Exotik eines Landschaftsmalers? Oder doch die reine Abstraktion im Makro- und Mikrokosmos? Anlässlich der berühmten Ausstellung von 1946 in Peggy Guggenheim’s Art of This Century Gallery kam von Robert Motherwell der Kommentar zu Still: ‹the most original. A bolt out of the blue. Most of us were still working through images . . . Still had none.›

Ich bin sprachlos, versunken in kontemplativen Tiefen. Mit stoischer Ruhe und endloser Hingabe erzählt Still grosse Geschichten von einer freien Welt. Ein Glück, weiss man dieses Kunstwerk hier Zuhause.»