Conrad Gessner
Als der erste «information overload» drohte, behielt dieser Zürcher den Überblick

Der Zürcher Universalgelehrte Conrad Gessner lebte in einer Zeit, als sich die Bücher und die bekannte Welt verdoppelten.

Christoph Bopp
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Conrad Gessner (1516-1565): Der Theologe, Philologe, Arzt und Naturforscher – vor 500 Jahren geboren.Wikipedia

Conrad Gessner (1516-1565): Der Theologe, Philologe, Arzt und Naturforscher – vor 500 Jahren geboren.Wikipedia

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Er ist mit Sicherheit einer der berühmtesten Söhne Zürichs. Vielleicht sogar der Schweiz, wenn man es richtig betrachtet. Denn zeit seines Lebens war Conrad Gessner im Ausland eher bekannter als im Heimatland. Das war und ist eigentlich etwas überraschend, denn Gessner würde heute seinen 500. Geburtstag feiern. Und 1516 gab es natürlich weder Internet noch Fernsehen. Bis Nachrichten von einem Ende Europas zum andern drangen, dauerte es mindestens Tage, es konnten auch Wochen sein.

Aber es waren keineswegs langweilige Zeiten. In mehrerer Hinsicht durchaus vergleichbar mit den unsrigen. Man stelle sich vor: Seit rund 20 Jahren weiss man, dass die Erde mindestens doppelt so gross ist, als man glaubte. Auch wenn auf den Weltkarten der Zeit der amerikanische Kontinent noch bemerkenswert dünn eingezeichnet wird. Und der Buchdruck hat Fahrt aufgenommen. Immer mehr Drucksachen – nach den Flugblättern vermehrt auch Bücher – erscheinen. Wissenschaftshistoriker sprechen von einem ersten «information overload», dem sich die damalige Gelehrtengilde ausgeliefert sah.

Überblick und Ordnung

Conrad Gessner (1516 bis 1565) war ein Universalgelehrter. Heute benutzt man derlei Kennzeichnungen nur noch in Anführungszeichen, um an etwas Ausgestorbenes zu erinnern. Kann sein, dass dieser Anknüpfungspunkt nicht so gut funktioniert. Und 500 Jahre alte Wissenschaft? Das waren doch die Zeiten, als man noch an Monster glaubte und dass Nordlich-
ter und andere Himmelserscheinungen Kriege und anderes Unheil andeuteten. Es kann aber funktionieren, wenn man sich auf die Zeiten einlässt und die Leistungen des Mannes in den Möglichkeiten und Grenzen, die sie boten, würdigt.

Und da kann man ob dieses Gessners wirklich nur staunen. Er muss ein ebenso fleissiger wie sorgfältiger Schaffer gewesen sein, ein Forscher, ebenso begeisterungsfähig wie klar urteilend, und ein Wissenschafter, der trotz der vielen neuen Sachen, die auf ihn einstürzten, kühlen Kopf behielt. Er erkannte schnell und glasklar, dass jetzt Überblick und Ordnung nötig waren. 1545, als 29-Jähriger, gab er die Biblioteca universalis heraus, ein Buch, das einen Überblick gab über die gedruckte gelehrte Literatur in Griechisch, Latein und Hebräisch. Mehr als 5000 Autoren mit ihren Werken sind verzeichnet, zu mehreren verfasste er Anmerkungen. Gessner trug die Informationen zusammen – keine leichte Aufgabe damals. Kataloge, Prospekte, mündliche und briefliche Mitteilungen, viel mehr an Quellen gab es noch nicht.

Nun, da in der gedruckten Welt wieder einigermassen aufgeräumt war, wandte sich Gessner der belebten Welt zu. Mit der «Historia animalium», einem monumentalen Werk mit dem Anspruch, über alle Tiere Auskunft zu geben, betrat er auch Neuland als Wissenschaftsautor. Er gliederte seinen Stoff in Rubriken, sodass man auch «quer lesen» konnte. Seine Enzyklopädien waren deshalb eher eine «Suchmaschine» als ein Lexikon.

Gessner sollte Theologe werden, musste dann Medizin studieren (er war Stadtarzt von Zürich), seine Leidenschaft aber war die Natur. Aus den Büchern der Antike erfuhr er vieles, was er – so weit möglich – nachprüfte, durch eigene Beobachtungen, Sektionen und Literaturvergleiche. Er hielt auch – in der Stadt – Haustiere, vor allem der «unnützen Art», Vögel und Reptilien und war sicher der erste Meerschweinchenhalter der Schweiz.

Geld zum Reisen hatte er nicht viel. Ein weitverzweigtes Korrespondentennetz ver-
schaffte ihm trotzdem viele Informationen. Und er besass ein gutes Auge – für Tiere und Pflanzen. Das verraten seine Zeichnungen und Illustrationen. Er wusste, worauf es ankam, dass eine Illustration auch nützen konnte. Nicht zu detailliert, aber das Wesentliche musste da sein.

Man müsse in die Zeiten eintauchen, so hiess es weiter oben, in denen Gessner schrieb und forschte. Die Ausstellungen im Landesmuseum, im Zoologischen Museum der Uni Zürich und andernorts eignen sich hervorragend dafür.

www.gessner500.ch - Bei NZZ Libro gibt es zwei hervorragend gestaltete und illustrierte Bände: «Facetten eines Universums» und die Gessner-Biographie von Urs B. Leu.