Brodelndes Biotop für Neue Musik

Die Donaueschinger Musiktage erweisen sich auch in diesem Jahr als spannender Ort für Neue Musik. Zu hören sind scharfe Dissonanzen, unerhörte Klangmassen, unendliche Längen, offene Formen, Stücke, generiert durch Zufallsmechanismen, Musik aus Referenzen, Musik ohne Spieler, Digitalkunst.

Charles Uzor
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Armin Köhlers Tod letztes Jahr markiert eine Zäsur der Donaueschinger Musiktage, des weltweit bedeutendsten Festivals für Neue Musik. Seit 1921 werden hier revolutionäre Werke uraufgeführt: von Strawinsky, Boulez, Nono und Stockhausen. Komponisten, die ein neues Hören forderten und Musikgeschichte schrieben. In den 80er-Jahren traten hybride Kunstformen der Postmoderne in Szene: Elektronik, Klangkunst, Videoinstallation. Mit amerikanischer Nonchalance radierte Cage etablierte Hörgewohnheiten aus.

All das steht für Donaueschingen, dessen Publikum – eingefleischte Neutöner und musikliebende Laien – jede Herausforderung annimmt. In rund 400 Uraufführungen hat Köhler diesen Trends ein Gesicht gegeben. Die Aufträge für 2015 vergab Köhler, der neue Intendant Björn Gottstein verspricht Kontinuität.

Musik ohne Musik

Das «Präambel»-Konzert mit Wolfgang Haas' Posaunen-Oktett gerät etwas zahm. Es zeigt solides Handwerk: reizvolle Klangspektren, aber wenig instrumentelle Ideen. Die offensichtliche Liebe zu Wagners wabernden Liegeklängen kann ein Manko an melodischer Phantasie nicht verbergen. Das eigentliche Eröffnungskonzert setzt mit Orchesterstücken von Johannes Kreidler, Richard Ayres, Yoav Pasovsky und Johannes Boris Borowski einen Kontrast. «Musik über Musik» und «Musik ohne Musik» könnte man diese Stücke betiteln – «...wie Musik» bei Kreidlers kreisendem «TT1», dessen digitale Klavier-Samples unablässig in den Orchesterklang hineinpfuschen. Ayres knüpft in «No. 48 (night studio)» an Philip Guston und Strawinskys Puzzle-Stil an, zelebriert aber eine Ästhetik der Verflachung: Musik über Musik.

Borowskis «Serac» hingegen beeindruckt durch eine hochvirtuose Handschrift. Im Bild einstürzender Gletschertürme werden chaotische Orchestermassen gekonnt durch grosse Spannungsbögen geführt. Die junge Generation (Stefan Prins, Michael Beil, Thierry Bruehl, Mark Barden, Luis Antunes Pena, Stephan Winkler und Orm Finnendahl, aber keine Komponistinnen!) integriert raffiniert Tablets, Live-Video und Live-Elektronik, verweigert aber hartnäckig Authentizität, Verbindlichkeit und Momentum.

Adorno und Muppet Show

Konsternation ebenso wie Schmunzeln erregt Patrick Franks derbe Theorie-Oper «Freiheit», ein anarchistisches Manifest frei nach Adorno und Muppet Show, das unverfroren linke Essayistik, Blues Brothers und Publikumsumfrage mixt. Olga Neuwirths mit Spannung erwartete «Encantadas o le avventure nel mare delle meraviglie» erfüllen den eigenen Anspruch nicht ganz. Die Rekonstruktion der Echoakustik der San-Lorenzo-Kirche in Venedig und die eingespielten Naturklänge (Wind, Wasser, Kirchenglocken, Vögel) wirken poetisch, aber die im Hexagon wandernden Klänge verbinden sich, quasi auf den Spuren Melvilles, selten zur fasslichen Form. Statt im «fiktionalen Abenteuerroman» glaubt man manchmal, im Venedig-Prospekt zu blättern.

Im Bann der Klarinette

Im Schlusskonzert wird vom SWR-Orchester jedes Jahr die Komposition mit der interessantesten Orchestrierung gekürt. Der Preis verpflichtet das Orchester zu einer weiteren Aufführung. Ob die Tradition nach der prekären «Fusion» der SWR-Orchester erhalten werden kann, ist offen. 2015 geht der Preis an Mark Andres' Klarinettenkonzert «über». Das tastend-perkussive Werk entwickelt eine verinnerlichte Virtuosität (Solo: Jörg Widmann) und nimmt das Publikum über 30 Minuten in Bann. Jedes Orchesterinstrument ist durch die Klangmöglichkeiten der Klarinette durchdrungen – vom Hauch langer Töne zu den Klappengeräuschen, Trillern, Mehrklängen und subtilen elektronischen Erweiterungen. Anders als die platten Bach-/Schumann-Zitate der Konkurrenz (Yves Chauris, Alvin Currin und Francesco Filidei) ist Andres' Werk verbindlich, fast bekenntnishaft. Selten wurde die Klarinette so leise und differenziert gespielt und jedes Lippenzucken wahrgenommen – Musik, die in sich zusammenfällt, Melodie und Rhythmus hinter und vor sich lässt.

Abgesehen von diesem Ausnahmewerk werden die Musiktage 2015 kaum in Erinnerung bleiben. Dennoch ist dieses Festival der Ort für die Frage, was eigentlich (noch) Musik ist und warum (nicht).