Bretter, die auch Geld bedeuten

Ein Jungschauspieler am Theater St. Gallen verdient vielleicht nicht mehr als eine Verkäuferin, aber doppelt so viel wie sein Kollege am Theater Konstanz. Das Konstanzer Schauspielensemble hoffte auf mehr, die Stadt lehnte ab.

Dieter Langhart
Drucken
Teilen
Theater St. Gallen: Proben zu «Weites Land». (Bild: Benjamin Manser)

Theater St. Gallen: Proben zu «Weites Land». (Bild: Benjamin Manser)

KONSTANZ/ST. GALLEN. Es ging um 68 000 Euro oder 0,8 Prozent des städtischen Haushalts. 18 Gemeinderäte waren dafür, 18 dagegen – den Ausschlag gab das Nein von Oberbürgermeister Uli Burchardt.

Patt also am 17. Dezember für den Antrag der Freien Grünen Liste, die niedrigsten Schauspielergehälter auf 2000 Euro anzuheben. Die Jungschauspieler erhalten weiterhin 1800 Euro brutto für 48 Stunden die Woche. Der Normalvertrag Bühne sieht für die unterste Stufe eine Mindestgage von 1650 Euro (1765 Euro ab 2016) vor – alles andere ist frei verhandelbar. Und der bundesweite Normalvertrag berücksichtigt nicht, wie teuer das Leben in der jeweiligen Stadt ist.

Die Reserven plündern?

Die Stadt lobte die wertvolle Arbeit des Theaters und war sich einig, dass die Theaterschauspieler mehr Geld verdient haben – die Frage war nur, aus welcher Schatulle. Eine Budgeterhöhung lehnte der Gemeinderat ab, der Oberbürgermeister regte an, das Theater solle die 68 000 Euro seinen Rücklagen entnehmen.

Für Intendant Christoph Nix, der 2006 in ein verschuldetes Haus gekommen war, ist die Plünderung der Reserven «keine Option». Denn die Rücklage von gegenwärtig 133 000 Euro sichere in Notfällen die Handlungsfähigkeit des Theaters und dürfe nicht für den laufenden Betrieb eingesetzt werden.

St. Gallen zahlt mehr

In der Schweiz ist alles anders: Trägerschaft, Gagen, Lebenshaltungskosten. Am Theater St. Gallen erhalten Schauspieler mindestens 3800 Franken monatlich, sagt der Geschäftsführende Direktor Werner Signer; jede Gage wird individuell festgelegt.

Basis ist der Gesamtarbeitsvertrag zwischen dem Schweizerischen Bühnenverband SBV und dem Schweizerischen Bühnenkünstlerverband SBKV. «Uralt» sei dieser GAV, sagt Signer, und werde jedes Jahr von der paritätischen Tarifkommission neu ausgehandelt, je für Solokünstler wie Schauspieler und für Gruppen (Ballett oder Chor). Der Mindestlohn hängt von der Finanzkraft des Hauses und von den Lebenshaltungskosten ab; in Zürich liegt er bei 4050 (Opernhaus) beziehungsweise 4000 Franken (Schauspielhaus), am Luzerner Theater bei 3600. Für die Gagen in der freien Theaterszene gibt es nur Empfehlungen.

Wie alle grossen Bühnen in der Schweiz ist das Dreispartenhaus St. Gallen eine privatwirtschaftliche Genossenschaft und wird von Stadt und Kanton unterstützt («das ist unsere Verantwortung», sagt Signer), während Theaterhäuser in Deutschland öffentlich-rechtliche Kultureinrichtungen sind.

«Sprungbretthaus»

Signer betont die «Identifikation» der Spieler mit seinem Haus. Und ebenso, wie wichtig Fluktuation sei: «Wir wollen jungen Schauspielern eine Chance geben und nehmen unsere Verantwortung als <Sprungbretthaus> wahr.» Dem Ensemble gehören vierzehn Mitglieder unter Schauspieldirektor Tim Kramer an. Ihn löst in der nächsten Spielzeit der St. Galler Jonas Knecht ab. «Wir investieren in den Nachwuchs», sagt Signer über den erst 42-Jährigen.

Und was hält Werner Signer von der Konstanzer Idee, Gagen mit Hilfe der Rücklage zu erhöhen? «Das ist sehr gefährlich.»

Theater Konstanz: Hauptbühne und Zuschauerraum im Stadttheater. (Bild: Theater Konstanz)

Theater Konstanz: Hauptbühne und Zuschauerraum im Stadttheater. (Bild: Theater Konstanz)

Aktuelle Nachrichten