BREGENZER FESTSPIELE: Wotan, die Vogelspinne, und zwei grosse Liebende

Mit Insektenpuppen spielt am Samstag das Theaterkollektiv Hotel Modern Wagners «Ring des Nibelungen» nach. Tags darauf erklingen im Festspielhaus im Sinfoniekonzert der erste Aufzug der «Walküre» und das «Siegfried-Idyll».

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Es gebe nach dieser Premiere noch etwas zum Trinken, sagt der Oboist Bart Schneemann, nachdem der Applaus verklungen ist. Und: «Wir spielen auch noch ein wenig. Allerdings nichts von Wagner.» Seine kraftvolle Musik hat an diesem Samstagabend die letzten anderthalb Stunden beherrscht. «Der Ring in 90 Minuten» ist denn auch das Programm überschrieben, zu der das «Niederländische Bläserensemble» den musikalischen Teil beigesteuert hat.

Doch bevor es das Publikum zum Getränk zieht, will es doch noch jene Schaukästen in Augenschein nehmen, deren fantastische, dschungelartigen Landschaften diesen Samstagabend in der Bregenzer Werkstattbühne beherrscht haben. Zwischen ihnen sind Herman Helle, Arlène Hoornweg und Pauline Kalker vom Theaterkollektiv Hotel Modern aus Rotterdam im Halbdunkel hin- und hergependelt. Einer hat die Kamera gehalten, die eine Miniaturwelt aus Puppen auf einer grossen Leinwand für alle sichtbar macht.

Wagners Figuren werden Käfer und Fliegen

In dieser Miniaturwelt gibt es zwei schwarze und einen goldenen Käfer (Alberich, Fasolt, Siegfried), drei rosa Quallen (die Rheintöchter), zwei tanzende Schwebfliegen (die Walküren), aufsässige Ameisen (die Nibelungen) – und eine wütende Vogelspinne (Wotan, der Göttervater). Und jenen goldenen Ring, der bei der Besichtigungstour überall in den Schaukästen liegt. Er ist das Objekt der Begierde in jenem Weltendrama, das Richard Wagner mit seiner 16 Stunden dauernden Tetralogie «Der Ring des Nibelungen» entworfen hat, und dessen Stoff auch heute noch zu faszinieren vermag. Nicht zuletzt wegen der Musik, die das «Niederländische Bläserensemble» so effektvoll-dunkel zum Klingen bringt, als wäre es ein richtiges, grosses Orchester.

Wir schauen von oben auf uns herab

Ein solches trifft man tags darauf, beim von Philippe Jordan geleiteten Orchesterkonzert an, das an den Ring vom Vorabend anknüpft und nicht nur Wagners «Siegfried-Idyll» spielt, sondern auch den ersten Aufzug der «Walküre», wie der zweite Teil der «Ring»-Tetralogie heisst. Es ist ein Morgen der Gegensätze: Von zartester Machart das überaus friedliche «Siegfried-Idyll», das mit Streichern und Holzbläsern auskommt, und das Jordan achtsam in vielen Farben ausleuchtet und sehr genau in den rhythmischen Strukturen gestaltet. Auch in der «Walküre» kommt das nun gross besetzte Orchester ins Singen, aber es mischen sich von Anfang an heftige Aufwallungen und ein bedrohliches Element hinein, dem Kwangchul Youn als Hunding mit seinem tiefschwarzen Bass auch stimmlich Ausdruck verleiht. Martina Serafin bildet mit warmem Sopran als Sieglinde den Kontrast – zusammen mit dem Tenor Andreas Schager als besonders gefordertem Siegmund.

Gefühl der Zuneigung prägen die Musik dieses ersten Aufzugs über weite Strecken, und Philippe Jordan achtet sehr darauf, dass die Steigerungen genau dosiert werden. Auch hier wird, wie im «Ring» als Ganzem, die ganze Bandbreite menschlichen Verhaltens ausgeleuchtet, auch Gewalt und Tod – wie am Abend zuvor. Wie dort die Insekten in ihrer Gold-Gier alle Rücksichten fallen liessen, das war – sehr menschlich. Schon in Gioachino Rossinis Oper «Moses in Ägypten» hatte Hotel Modern ein Spiel im Spiel eingefügt. Beim «Ring in 90 Minuten» wird das Miniaturhafte zur Hauptsache. Die Wirkung ist durch den Verfremdungseffekt der Insektenwelt die selbe: Wir schauen von oben auf uns herab, auf helle und dunkle Seiten.

 

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch