BREGENZER FESTSPIELE: Stierkampf am See

Am See wird jetzt gebaut, während die Künstler längst am Werk sind. Sie bereiten für die Festspiele Bizets «Carmen» und Rossinis «Moses in Ägypten» vor – und Wagners «Ring».

Rolf App
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Adele in einer Kulisse der «Carmen»-Bühnenbildnerin Es Devlin. (Bild: Ralph Larmann/Bregenzer Festspiele)

Adele in einer Kulisse der «Carmen»-Bühnenbildnerin Es Devlin. (Bild: Ralph Larmann/Bregenzer Festspiele)

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@tagblatt.ch

Man wird an diesem Abend des 19. Juli kommenden Jahres vor allem auch auf das achten müssen, was die englische Szenographin Esmeralda Devlin, die sich der Einfachheit halber Es Devlin nennt, mit der Bregenzer Seebühne und Georges Bizets «Carmen» angestellt hat. Wer ihre Bilder und Zeichnungen zu vielen anderen Projekten auf Instagram anschaut, kann nur gespannt sein. Denn Es Devlin liebt zwar die Oper, aber sie kennt keine Grenzen. Nicht nur Opernintendanten vertrauen ihr, sondern auch Rock- und Popgrössen wie U2, Miley Cyrus oder Adele, Modeschöpfer oder Sportveranstalter. «Ich halte mich für eine Aussenseiterin in jedem Medium, in dem ich arbeite», zitiert das Magazin der Bregenzer Festspiele sie. «Ich fühle mich wohler, wenn ich nicht alle Regeln kenne.»

«Ich möchte Erinnerungen bauen»

Manchmal verschwinden bei ihr die Künstler fast ganz (wie U2 inmitten riesiger Projektionen), oder sie rutschen wie Miley Cyrus plakativ auf einer Zunge herab. Jeder Star, jedes Projekt braucht seine eigene Sprache. Im Unterschied zu einer Architektin entwerfe sie geistige Konstruktionen, hat Es Devlin dem «New Yorker» gesagt. «Denn Erinnerungen sind tragfähig – und das ist es, was ich bauen möchte.»

Mal schauen also, was bleibt an Erinnerungen von den Bregenzer Festspielen, die am 19. Juli mit Georges Bizets Stierkampf-Oper starten und bis zum 20. August dauern. Regie führt bei «Carmen» der Däne Kasper Holten, der seit 2011 in London das Royal Opera House leitet. «Es interessiert mich, Carmens verlorene Unschuld zu finden», sagt er, und: «Carmen und Don José sind beide Aussenseiter.» Das Menschliche steht also im Zentrum, denn, sagt Holten auch: «Es ist mir ein grosses Anliegen, dass die sogenannte spanische Atmosphäre nicht zum Klischee wird. Das Werk hat Temperament, und wir werden uns durch Luft, Wasser und Feuer bewegen.»

Damit das möglich wird, ist man in Bregenz schon intensiv an der Arbeit. Sogar zwischen Weihnachten und Neujahr wird die Baustelle in Betrieb sein. Vom 27. Dezember an liefert eine Stahlbaufirma eine rund zwanzig Meter hohe und 26 Meter breite Konstruktion aus Stahlröhren an, die als Unterkonstruktion für das Bühnenbild dienen wird.

Wagners «Ring» spielt in der Insektenwelt

Gesucht werden derweil noch Statisten: Männer für «Carmen» auf der Seebühne und «Moses in Ägypten» im Festspielhaus. Gioachino Rossinis da geplante Oper erfordert überdies zwanzig Kinderstatisten. Und auch dort sind aussergewöhnliche Leute am Werk. Die Regisseurin Lotte de Beer arbeitet nämlich mit dem niederländischen Theaterkollektiv Hotel Modern zusammen, dessen Medium verformbare fingergrosse Puppen und andere Spielfiguren sind. Auf diese Weise hat Hotel Modern etwa in «Kamp-Lager» den Alltag im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau nachgestellt.

Wenn wir schon beim Kleinen sind: Auch Richard Wagners Opernzyklus «Der Ring des Nibelungen» wird handlich verkleinert. Hotel Modern erzählt die vier Abende des «Rings» in neunzig Minuten, statt in der Götter- spielt er in der Insektenwelt. Nicht die drei Rheintöchter bewachen das Gold, sondern drei Quallen. Und kein Riesenorchester spielt, sondern 21 Bläser.

Richard Wagner hat auch Philippe Jordan im Gepäck, der Chefdirigent der Wiener Symphoniker, der an seiner zweiten Arbeitsstelle in der Pariser Oper schon viel Wagner dirigiert hat – und dies im kommenden Jahr auch in Bayreuth tun wird. Diesmal erklingt er in Wiener Klangkultur: Das Orchesterkonzert vom 30. Juli eröffnet mit Wagners Siegfried-Idyll und bringt dann den ganzen ersten Aufzug der «Walküre» – mit Martina Serafin als Sieglinde, Andreas Schager als Siegmund und Kwangchul Youn als Hunding.

Bizet und Wagner begegnen sich

Mit Wagner und Bizet treffen sich zwei Antipoden – mindestens in den Augen jenes Philosophen, der vom Freund Wagners zu dessen beredtestem Gegner wurde. Bizets «vollkommene» und «liebenswürdige» Musik schwitze nicht, hat Friedrich Nietzsche angemerkt. Was aber wohl nicht gelten wird für jene Sängerinnen und Sänger, die auf der Seebühne bei Wind, Wetter, Hitze und Kälte gefordert sein werden.

Doch kehren wir zurück ins Trockene, diesmal auf die Werkstattbühne. Dort nähert sich ein Lieblingsprojekt der Bregenzer Intendantin Elisabeth Sobotka seinem Abschluss. Gleich zu Beginn ihrer Amtszeit wollte sie dem Publikum zeigen, wie eine zeitgenössische Oper entsteht.

Was Elisabeth Sobotka in drei Tagen tun würde

Unter dessen Augen ist so die Kammeroper «To the Lighthouse» von Zesses Seglias nach dem Roman von Virginia Woolf entstanden. Elisabeth Sobotka lobt zudem die Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus: Mit Jakob Kolding habe sich auch ein bildender Künstler darauf eingelassen. Und die Intendantin hat auf die Frage, was sie als Besucherin in drei Tagen Bregenz unternehmen wolle, rasch eine Antwort: «Alle Vorstellungen besuchen, und in der freien Zeit würde ich mir die Museen anschauen, im Bregenzer Wald wandern gehen, mit einem Boot auf den See fahren, gut essen gehen…»

Das ganze Programm unter bregenzerfestspiele.com