BREGENZ: Gross, grösser, gigantisch

Das Kunsthaus feiert sein zwanzigjähriges Bestehen mit «The Theatre of Disappearance». Die Schau des Argentiniers Adrián Villar Rojas ist eine der aufwendigsten in der Geschichte des Hauses.

Kristin Schmidt
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Adrián Villar Rojas’ Umgang mit Michelangelos berühmter David-Skulptur im dritten Obergeschoss des Kunsthauses Bregenz steht im harten Kontrast zur Installation... (Bilder: Jörg Baumann/Courtesy of Adrián Villar Rojas, Marian Goodman Gallery)

Adrián Villar Rojas’ Umgang mit Michelangelos berühmter David-Skulptur im dritten Obergeschoss des Kunsthauses Bregenz steht im harten Kontrast zur Installation... (Bilder: Jörg Baumann/Courtesy of Adrián Villar Rojas, Marian Goodman Gallery)

Kristin Schmidt

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Die Architektur Peter Zumthors fordert in ihrer Strenge und Klarheit die Kunst heraus. Mal wurden die Oberlichter des Kunsthauses Bregenz skelettiert, mal wurde es geflutet und vernebelt. Es wurde an die Belastungsgrenze gebracht, ganze Räume wurden verschüttet, zusätzliche Wände eingebaut oder aufgehängt. Die Architektur ist geduldig, und im Idealfall öffnen die Interventionen den Blick für die Arbeitsweise des Architekten, für Massstab, Material und Lichtführung.

In der aktuellen Ausstellung ist ein solcher Mehrwert ins Gegenteil verkehrt. Die Eingriffe in den Bau sind zwar radikal, aber sie reiben sich weniger an der Qualität des Hauses als dass sie sie negieren: Adrián Villar Rojas hat die Türöffnungen zu den Räumen und Aufzügen verkleinern und auf vier Etagen neue Böden verlegen lassen. Nicht irgendwelche Böden, versteht sich, denn bei Adrián Villar Rojas muss alles eine Nummer grösser sein, eine Nummer gigantischer. So wurde das Erdgeschoss geräumt, der Kassentresen in das Untergeschoss verbannt und der Fussboden vollständig bedeckt mit einer Kopie der «Madonna del Parto» des italienischen Renaissancemeisters Piero della Francesca.

Spuren der Zeit, künstlicher Efeu

Die Madonna ist nun so gross, dass sie den Blicken entzogen ist, aber den Füssen preisgegeben. Sie rückt in die Nähe, da sie sich greifen, ja sogar treten lässt, aber sie bleibt unnahbar, da sie nicht mehr als Ganzes erfasst werden kann – ein 450-Quadratmeter-Bild. Gehilfen des argentinischen Künstlers haben es auf Holzplatten gemalt und auch gleich noch Spuren der Zeit imitiert: Das Holz wurde aufgebrochen, abgeschabt, verletzt und bereitet mit der vernarbten Oberfläche auf das vor, was eine Etage darüber folgt.

Hier, im ersten Obergeschoss, hat Adrián Villar Rojas tonnenweise braune Marmorplatten verlegen und tatsächlich eingeschlossene sowie künstliche Ammoniten stolpersteingleich herausmeisseln lassen. Das Ornament ist wichtiger als die Naturwissenschaft. Künstlicher Efeu rankt über der Glasdecke, und steinzeitähnliche Zeichen an den Wänden verstärken den Kulisseneindruck.

Der Hang zum Monumentalen

Das Höhlengefühl wird ein Stockwerk darüber noch gesteigert. Dunkel und warm ist es hier. Zwischen schwarzen Kristallen züngeln echte Flammen. Sie sind die einzige Lichtquelle im Raum und erhellen nur spärlich eine Kopie von Picassos «Guernica». Das Ambiente mit polierten Marmorplatten am Boden, marmornen Clubsesseln, überdimensioniertem Kamingitter, aus dem auch ein martialischer Lüster geformt ist, entlarvt die Präsentation des Antikriegsbildes als reines Prestigeobjekt. Fehlen nur noch die Mächtigen, die in diesem Bunker die Welt unter sich aufteilen – bis ein Geheimagent eintrifft, vielleicht im Dienste Ihrer Majestät. Vielleicht ist der aber auch schon weitergezogen, so wie der Superheld im Obergeschoss. Dort ist die wohl berühmteste Skulptur der Welt der Last ihres Ruhmes immerhin teilweise entkommen. Nur die Beine der Marmorkopie von Michelangelos David stehen inmitten einer vierteiligen Rampe. Den ganzen grossen Rest der Kolossalstatue entlässt Rojas in die Freiheit und entschädigt dafür mit niedlichen spielenden Katzenkindern. Hehre Grösse oder Kitsch? Kunst oder Kulisse? Solche Kategorien hebelt der Argentinier aus – unbefangen und mit einem deutlichen Hang zum Monumentalen. Zumindest durch diesen Gigantismus wird die Schau innerhalb der Ausstellungshistorie des Kunsthauses Bregenz in Erinnerung bleiben.

Bis 27. August, Kunsthaus Mi, 31.5., 17 Uhr, Dialogführung mit Autor Raoul Schrott und Direktor Thomas D. Trummer

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