Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Brandy Butler startet Schauspielkarriere

Ihr Vater hat mit Häftlingen Theaterstücke inszeniert, ihre Mutter ist ein Musicalfreak. Nun ist Brandy Butler selbst am Theater Neumarkt als Schauspielerin engagiert. Warum die Ex-«Voice of Switzerland»-Kandidatin und Jazzsängerin eine Bereicherung für die Schweizer Bühne ist.
Julia Stephan
Brandy Butler besitzt einen siebten Sinn für Diskriminierung: In die Schweiz hatte sie der Zufall gespült. Bild: Sandra Ardizzone (Zürich, 7. Oktober 2019)

Brandy Butler besitzt einen siebten Sinn für Diskriminierung: In die Schweiz hatte sie der Zufall gespült. Bild: Sandra Ardizzone (Zürich, 7. Oktober 2019)

«Mach keis Ding.» «Mach keis Ding.» «Mach … KEIS … Ding!» Wieder und wieder spricht Brandy Butler, 40, den Satz auf der Bühne des Zürcher Theaters Neumarkt. Er wird zum Mantra. Doch nicht zum Mantra ihrer Wahl. Es ist das Mantra, das die Schweiz murmelt, wenn Minderheiten aufbegehren, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen. Etwa kürzlich, als sich Butler im Lehrerzimmer der Zürcher Primarschule, an der sie Musik unterrichtet, daran störte, dass ein Spiel namens «Zehn kleine Negerlein» auf dem Fenstersims lag. «Wie kann das sein?», fragte sie ihre Kollegin. Die erwiderte: «Brandy, mach keis Ding.» Butler überlegte. Und hat dann doch ein Ding daraus gemacht. Sie suchte die Schulbibliothek nach rassistischen Lehrmitteln ab.

Brandy Butler zieht ihre Dinge durch. Als Musiklehrerin, als Sängerin mehrerer Jazzformationen und neuerdings auch als Schauspielerin. Die ehemalige «The Voice of Switzerland»-Teilnehmerin war an der Zürcher Schauspielhauseröffnung in Christopher Rüpings Inszenierung vom Miranda Julys Roman «Der letzte fiese Typ» eine Wucht. Rüping hatte Butler vor vier Jahren schon als Jazzsängerin engagiert. An den Münchner Kammerspielen, wo Rüping «Der erste fiese Typ» probte, setzte er die Zusammenarbeit fort.

Teilzeitstelle als Schauspielerin gefunden

Der Mirandy-July-Stoff geht der bekennenden Feministin Brandy Butler nah. Und nah geht einem die Inszenierung auch als Zuschauer: Die hohe Emotionalität in diesem mit Videos, viel Kunstblut und Gesang auf die Spitze getriebenen Bühnenorgasmus, der von starken Darstellerinnen getragen wird, reisst einen mit.

Nun arbeitet Butler neben ihrer Anstellung als Musiklehrerin erstmals in Teilzeit als Schauspielerin am Theater Neumarkt. In der sich gerade nach allen Seiten öffnenden Theaterszene, in der singende Intendanten und schwarze Darsteller zur Normalität werden, hat Butler ihren Ort gefunden. Den harten Kampf um die Öffnung des Stadttheaters erlebte sie bereits an den Münchner Kammerspielen. Ebenso die politischen Widerstände, wegen derer der dortige Intendant Matthias Lilienthal bald das Feld räumen muss. Auch in der Schweiz habe es die Bühne als Ort einer ernsthaften gesellschaftlichen Auseinandersetzung immer noch schwer, ist Butler überzeugt.

Trotz dieser Widrigkeiten liebt Butler die Bühne, auf der sie Fragen nach der Identität spielerisch stellen kann. So werde sie im Rahmen von «Zürich tanzt» nächstes Jahr ein Stück über ihren «fetten Körper» erarbeiten. «Ich möchte herausfinden, ob es möglich ist, einen Abend zu gestalten, an dem die Zuschauer ihre Vorurteile nicht auf meinen beleibten Körper projizieren», sagt sie. Dafür wird sie sich nicht in den Humor flüchten, wie so viele Performer es tun. «Dicke Menschen spielen immer lustige Sachen oder machen sich selbst lächerlich, das will ich nicht.»

Identitätsschärfung im Ausland

Die studierte Jazzflötistin aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania kam 2003 als Au-pair in die Schweiz. Zwischen Putzen und Kleinkinderbetreuung in einem Dorf nahe Zürich, in das sie der Zufall gespült hatte – «die Familie aus der Schweiz hatte mir übers Internet das beste Angebot gemacht» – wurde ihr schnell klar: Die im Ausland angestrebte Identitätsschärfung würde zwischen Kochen und Putzen bald flöten gehen. Schnell knüpfte sie auf Open-Mic-Bühnen in Zürich Kontakte zur Schweizer Musikszene, wurde als Backgroundsängerin von Schweizer Musikgrössen wie Sophie Hunger, Steff la Cheffe oder Seven engagiert und tourte mit Florian Ast. Mit ihrer Teilnahme an der Castingshow «The Voice of Switzerland» 2012/13 wurde sie von der Back- zur Frontsängerin und zur öffentlichen Figur.

«Ich fühlte mich nach ‹The Voice› sehr krank, die Erfahrung hat mich belastet, aber ich bin auch sehr dankbar dafür», sagt sie heute. «Die Show gab mir diesen Schub, mir endlich Gedanken über mich selbst zu machen.» Denn gegen die Fernsehleute, die ihr ein Image aufdrücken wollten, das ihr nicht entsprach – «so ein Schreiduell mit Nicole Bernegger war nun wirklich nicht mein Ding» –, konnte sie nur bestehen, wenn sie diesen Vorschlägen mit einem starken Ich entgegentrat.

«Ich fühlte mich nach ‹The Voice› sehr krank, die Erfahrung hat mich belastet, aber ich bin auch sehr dankbar dafür.»
Brandy Butler, Sängerin, Schauspielerin, Performerin

Zu den Meilensteinen dieser Ich-Findung gehörte die erste Soloalbumveröffentlichung 2017. Daneben ist Butler Teil des Mino Collectives, eines Frauentrios, das mehr Sichtbarkeit für Frauen und Minderheiten in der Musikindustrie fordert. Mit ihrem daraus entstandenen «Drag-Queen-StoryTime»-Projekt tritt die Mutter einer kleinen Tochter mit Dragqueens oder Dragkings regelmässig vor Kindern auf. «Ich versuche den Kleinen klarzumachen, dass es eine spielerische Freiheit gibt, wenn es um die Gestaltung des eigenen Ichs geht», erzählt sie.

Vater inszenierte Stücke mit Häftlingen

Dass Butler einen siebten Sinn für Diskriminierung besitzt, hat nicht nur mit ihrer eigenen Minderheitenrolle als schwarze Künstlerin in der Schweiz zu tun, sondern auch damit, wie sie aufwuchs. Ihr schwarzer Vater und ihre weisse Mutter, beide Bürgerrechtler und sozial engagierte Lehrer, erweiterten die Familie, bis Butler zwölf Jahre alt war, mit bis zu 30 Pflegekindern aus schwierigen Verhältnissen. «Teenagerjungs, die niemand wollte», wie sie sagt. Ihr Vater inszenierte Theaterstücke mit Häftlingen im Gefängnis und nutzte das Theater in Workshops als Mittel zur Thematisierung von Gewalt. Ihre musicalbegeisterte Mutter schärfte ihren Blick für die Bühne auf andere Art. «Zwischen 1985 bis 1990 schaute sie mit mir in New York jede Broadway-Show, die es gab», erinnert sich Butler.

Über die Bühne gesellschaftliche Themen auszuagieren, wurde Brandy Butler also quasi in die Wiege gelegt. Und die Erkenntnis, dass das Wahrnehmen der Bedürfnisse verschiedener Minderheiten das Leben nicht zwangsläufig komplizierter macht, sondern bereichern kann, ist tief in ihrer DNA angelegt. Dass in der Schweiz dieses Öffnen gegenüber dem Unbekannten oft mit einem «Mach keis Ding» weggewischt wird, damit hadert sie heute noch manchmal. Auf der Bühne, so hofft sie, «werde ich als schwarze Künstlerin mit meinen Anliegen hoffentlich besser reflektiert.»

Brandy Butler. Nächste Drag-Queen-Show für Kinder zwischen 3 bis 8 Jahren anlässlich «Zürich liest», 28.10., GZ Riesbach, 14.30 bis 16 Uhr.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.