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Philippe Herreweghe im KKL: Brahms reloaded und «Finderlohn»

Ein Barockspezialist und ein Orchester mit historischen Instrumenten wagen sich an Brahms. Diese Ausgangslage, die nicht ohne Risiko ist, beschert ein überraschendes Ergebnis.
Roman Kühne
Konzert Orchestre des Champs Elysées mit Dirigent Philippe Herreweghe und Pianist Alexander Lonquich im Konzertsaal des KKL (Bild: Manuela Jans-Koch)

Konzert Orchestre des Champs Elysées mit Dirigent Philippe Herreweghe und Pianist Alexander Lonquich im Konzertsaal des KKL (Bild: Manuela Jans-Koch)

Was soll man davon halten? Der grosse Romantiker Johannes Brahms und seine Sinfonien, gespielt auf historischen Instrumenten? Ist das nötig? Brauchen wir die Wiederentdeckung seines «authentischen» Klanges.

Brahms, gestorben 1897, verfügte über genügend Zeitzeugen, Musiker und Dirigenten, die sein Erbe bis hin zu den ersten Schallplatten bewahrten und belebten. Pierre Monteux, Bruno Walter, Arturo Toscanini oder Wilhelm Furtwängler – reich ist die Liste der Namen, die des Komponisten Schöpfung am Leben hielten.

Was also kann es bringen, wenn Philippe Herreweghe sich mit seinen 71 Jahren dem deutschen Komponisten zuwendet? Der Belgier ist mit Bach-Einspielungen berühmt geworden, hat im Soge der beiden Pioniere Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt die historisch informierte Aufführungspraxis alter Musik entscheidend mitgeprägt. Seine Aufnahmen der Matthäus-Passion (Bach) oder der Marienvesper von Monteverdi sind ein Genuss. Doch schon andere vor ihm haben sich weit aus dem Fenster gelehnt und sind gescheitert. Erinnert sei hier nur an die missglückte «Porgy & Bess»-Einspielung von Harnoncourt.

Reduziert auf das Maximum

Nicht so Philippe Herreweghe: Am Pfingstsonntagmorgen im KKL im Rahmen des Lucerne Chamber Circle interpretiert der Dirigent die 3. Sinfonie in F-Dur von Johannes Brahms. Zusammen mit «seinem» Orchestre des Champs-Élysées gelingt ihm eine überraschende, frische Lesart des romantischen Werkes. Das berauschte Schmausen, die selbsterklärende, unmittelbar emotionelle Weite eines Furtwänglers ist zwar nicht einmal im Ansatz vorhanden. Doch was die Zuschauer hier zu hören bekommen, ist schlichtweg ausgezeichnet. Es mag zwar etwas verloren gehen, doch so viel mehr wird gewonnen.

Herreweghes Stil kommt es entgegen, dass Brahms Dritte seine feinste, ja kammermusikalischste Sinfonie ist. Achtsam und vorsichtig spielen sich die Musiker durch die Partitur. Der klare Klang, das praktisch vibratofreie Spiel machen aus dem Stück einen reinen Quell. Nur selten - und dann sehr kontrolliert – werden ausbrechende Spitzen gesetzt. Aber gerade in dieser Reduziertheit beginnt die Musik zu atmen, entfaltet ihre dringliche Weite.

Der allgegenwärtige dritte Satz, Ideengeber für Songs von Frank Sinatra bis Carlos Santana und ein halbes Dutzend Filme, schwebt fern jedes pathetischen Pomps. Das herrliche Piano der Holzbläser, die Leichtigkeit der Blechsolisten, die ausgezeichnete Spielerin an der Kesselpauke, – sie alle zwingen die Gäste, genau hinzuhören. Es ist ein Kammerspiel der feinsten Art.

Die Latte hoch gelegt

Wenn im vierten Satze die Musiker sinfonisch triumphieren, so geschieht auch dies in einem geheimnisvollen Schleier, setzen die Streicher ein rätselhaftes Flirren unter die majestätischen Trompeten und Posaunen. Bis dann das Stück, sterbender Schluss, in der Ferne schwindet. Ein glücklicher Moment des Findens. Und eine hohe Latte für die zwei Brahms-Aufführungen der kommenden Woche (siehe Hinweis).

Einen ähnlichen Moment musikalischer Entführung gibt es in der ersten Hälfte des Konzertes zu geniessen. Mit der gleichen Sorgfalt, ja Anschmiegung begleitet das Orchester auch den Solisten Alexander Lonquich in Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll (op. 54). Der Pianist musiziert auf einem originalen Instrument der Epoche. Klanglich unterscheidet sich dessen Spiel deutlich von heutigen Tastenapparaten, ist kernig und schlank. Auch intoniert der Solist direkt, sehr klar, bestimmt, ja fast dominant. Nicht tastend und suchend, sondern selbstbewusst und energetisch verschmilzt er sprichwörtlich mit dem Stück.

Mit viel Rubato und einem langen Bogen zeichnet er eine grosse, emotionelle Geschichte über das Werk, verzahnt die Teile und das Orchester mit seinem romantischem Universum. Die Zugabe «Aufschwung» aus den Fantasiestücken (op. 12) von Schumann ist der i-Punkt auf diesem erfreulichen Pfingstmorgen.

Brahms Sinfonie Nr. 4 im KKL. Bernard Haitink, Festival Strings Lucerne, Mittwoch 23. Mai, 19.30 Uhr. Christian Thielemann, Sächsische Staatskapelle Dresden, Donnerstag 31. Mai, 19.30 Uhr.

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