Bowlingbahn Liebesleben

Das Theater Parfin de siècle zeigt als Schweizer Erstaufführung John von Düffels «Othello. Therapie». Othello ist tot. Aber was Frauen über sich und über Männer denken, ist heute so aktuell (und amüsant) wie zu Shakespeares Zeiten.

Martin Preisser
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Sind wir noch küssbar? Das ist nur eine der Fragen, die sich Juana von Jascheroff, Regine Weingart und Pia Waibel (v.l.) zwischen Selbstzweifel und Selbstbewusstsein stellen. Emmanuel Florias als Rodrigo taucht dazwischen immer wieder als stumme Verkörperung des Männlichen auf. (Bild: Reto Martin)

Sind wir noch küssbar? Das ist nur eine der Fragen, die sich Juana von Jascheroff, Regine Weingart und Pia Waibel (v.l.) zwischen Selbstzweifel und Selbstbewusstsein stellen. Emmanuel Florias als Rodrigo taucht dazwischen immer wieder als stumme Verkörperung des Männlichen auf. (Bild: Reto Martin)

Einfach nur einen Mann? Nein! Desdemona wollte immer «eine Geschichte haben». Die hatte sie. Aber Othello ist ferne Vergangenheit, ist gar auf der Liste der verbotenen Wörter gelandet. Sein Name fällt nicht mehr. John von Düffel hat sich aus dem Shakespeareschen «Othello» nicht das Dramatische herausgepickt, sondern das, was Frauen vielleicht auch vor vierhundert Jahren über ihre Männer geklatscht, getratscht, gegiftet haben könnten.

Und so sind Desdemona (Regine Weingart), Emilia (Pia Waibel) und Bianca (Juana von Jascheroff) in der Jetztzeit gelandet. Sie träumen von der Liebe und verdammen sie gleichzeitig, sie glauben nicht wirklich an die Männer und wünschen sich dennoch nichts sehnlicher, als sich wieder einmal so richtig fallen zu lassen.

Nett und leichtgewichtig

Gespräche über Männer und Liebe, da herrscht schnell einmal Zickenkrieg und Konkurrenz darüber, wer in der Männerwelt noch Chancen hat.

John von Düffels Stück von 2001, das das Parfin de siècle als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne bringt, ist nett, unterhaltsam, spritzig, insgesamt aber doch eher leichtgewichtig. Der Titel «Othello. Therapie» verspricht etwas mehr, Shakespeare kommt nur noch von ferne zum Zug. Die Inszenierung (Arnim Halter) lässt den Dramatiker in kleinen Intermezzi mit Renaissancemusik und abgedunkelter Bühne nur noch kurz aufleben.

Das Liebesleben scheint eine Bowlingbahn, der Volltreffer selten. Den vor allem unterhalten wollenden Stoff setzen die drei Protagonistinnen im Parfin de siècle mit Verve um. Man hängt an den drei Frauen, die alle auf ihre Art mit ihren Statements über die Männer «recht» haben, so gegensätzlich sie auch ausfallen. Regine Weingart punktet als Desdemona, die gekonnt ins Nostalgische kippt und mimisch überzeugend von der nicht mehr ganz Jungen zur gerne noch einmal jung sein Wollenden.

Pia Waibel gibt eher die Coolness Versprühende, die ihre schauspielerischen Höhepunkte hat, wenn sie das Spöttische, Illusionslose ausspielt und gegen die Konkurrenz einsetzt.

Rotzfreches Girl

In der Jetztzeit ist es Ludovico, der den drei Frauen nochmals das Herz höher schlagen lässt. Gelandet bei diesem ist einzig die als laszives Show-Girl agierende Bianca (Juana von Jascheroff). Sie bringt jugendliche Frechheit ins Stück, ein wenig Punk-Stimmung. So rotzfrech können die anderen beiden nicht einmal zusammen sein.

Aber auch Biancas Glück ist von kurzer Dauer und mit einigen Blessuren erkauft. Wenn Bianca ziemlich ramponiert und mit blutiger Nase von ihrem Date zurückkommt, ist das einer der Höhepunkte des Abends.

Das kecke Wortspiel dominiert in John von Düffels Stück, das trotz Shakespeare-Touchs und ein paar geistreicher Sprüche doch deutlich der unkomplizierten Unterhaltung frönt. Viel nachdenken will und muss man nach dieser Inszenierung jedenfalls nicht.

Und viel Neues über die beiden Geschlechter, die ja bekanntlich auf verschiedenen Planeten zu Hause sind, erfährt man nicht.

Die Inszenierung setzt auf die Dialoge, das Bühnenbild (Urban Breitenmoser) ist mit einer Wurlitzer-Music-Box und zwei Gymnastikbällen schon perfekt. Dem ganzen Othello-Therapie-Stoff etwas klein wenig Hintergründiges geben die Bowlingbahnen hinter der eigentlichen Handlung, auf der Nathalie Hubler als «hässliche Bärbel» und Emmanuel Florias als «Rodrigo, der Hässliche» praktisch immer stumm agieren.

Sie scheinen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie das Geschlechterverhältnis vielleicht auch ganz einfach gehen könnte, und geben, fast wie Marionetten, stumme Kommentatoren für die Drei-Frauen-Szenen ab. Desdemona will «eine Geschichte haben». Dieses «Geschichte haben» bildet ein kleines, jetzt doch minim philosophisches Leitmotiv durch Düffels Stoff.

Und das verhängnisvolle Taschentuch aus dem «echten» «Othello» ist ein zweites Leitmotiv, indes aber eher in einer Art Kasperle-Theater gezeigt.

Weitere Aufführungen: Heute, morgen Sa sowie 19., 20., 24., 26., 27., 30. November; 1., 3., 4., 7., 8. Dezember, jeweils 20 Uhr. Karten: www.parfindesiecle.ch oder 071 245 21 10