Böse Seele an der Nabelschnur

In Charles Lewinskys neuem Roman «Andersen» erwacht ein ehemaliger Gestapo-Folterer dreissig Jahre nach seinem Tod als Fötus – mit eiskaltem Bewusstsein im Wohlstands-Deutschland. Eine Wiedergeburt als literarisches Abenteuer.

Hansruedi Kugler
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Charles Lewinsky, schriftstellerisches Multitalent, scheut auch in «Andersen» kein erzählerisches Risiko. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Charles Lewinsky, schriftstellerisches Multitalent, scheut auch in «Andersen» kein erzählerisches Risiko. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Mal ehrlich: Wer hat seine Knirpse nicht schon verärgert oder überfordert als «Monster» bezeichnet? Einfallsreiche Schauspieler und Manipulatoren, die sie nun mal gelegentlich sind? Charles Lewinsky, bald 70jähriger Erfolgsautor und Multitalent, selbst Vater und Grossvater, macht daraus einen wahnwitzig-brillanten Roman. Einen sympathischen Helden präsentiert er uns wahrlich nicht. Man muss sich auf das schlimmste Gegenteil gefasst machen. Auch wenn man auf den ersten Seiten Mitleid spürt: Denn der Erzähler ist bei klarem Bewusstsein und mit fast intaktem Gedächtnis. Sein Körper aber ist wie betäubt, um ihn herum ist es warm und dunkel. Und er fragt sich: Bin ich eingesperrt? Tot? In einer Gummizelle? Werde ich bald verhört?

Wer den Roman «Andersen» kauft, den erwartet ein aberwitziges Leseabenteuer. Eine Warnung sei angebracht: Gut möglich, dass einige Leser den Roman auf Seite 37 am liebsten weglegen würden. Der Erzähler schaukelt im Fruchtwasser und erinnert sich, wie er als Folterer einem Pianisten den Mittelfinger abgehackt hat, damit dieser seine Komplizen verrät. Er wird noch einige Müsterchen seiner Folterkunst erzählen. Aber: unbedingt weiterlesen! Der Roman bietet weit mehr als Gruselkunst.

Wiedergeburt des Bösen

1945 muss er untergetaucht sein, sich eine neue Identität als «Andersen» gegeben haben. Die Erinnerung an dieses spätere Leben aber ist gelöscht. Er wird sich auf die Suche danach machen. Es findet hier eine Wiedergeburt des Bösen statt – mitten im verweichlichten Deutschland der Gegenwart. Das Timing könnte nicht besser sein, feiert doch die nationalistische Hetze in Europa gerade eine Wiederauferstehung. Ein politischer Roman ist «Andersen» aber nur hintergründig. Vordergründig erleben wir einen düster-faszinierenden Entwicklungsroman. In einer Parallelmontage berichten das heranwachsende bösartig-manipulierende Kind, das nun Jonas heisst, und sein rührend-unsicherer Vater Arno in einem Tagebuch abwechselnd vom ersten Lebensjahr und von der Zeit, als Jonas mit 12 Jahren plötzlich verschwindet.

Literarisches Hochrisiko

Das Bewusstsein eines skrupellosen Gestapo-Folterers als Wiedergeburt in einen Fötus, dem Urbild der Unschuld, zu versetzen, ist ein ungeheuerliches Experiment. Und ein literarisches Hochrisiko. Charles Lewinsky aber hat schon andere historische Greuelgeschichten bewältigt. Zum Beispiel in den Romanen «Gerron» und «Kastelau». Verblüffend, wie Lewinsky auch in «Andersen» kein erzählerisches Risiko scheut. Hier wird uns ein Gruselroman und ein philosophischer Essay serviert, ein Entwicklungsroman, eine moderne Beziehungsstudie, ein Abenteurer- und Nachkriegsroman. Stofffülle für mindestens vier Romane steckt in diesem Buch, das uns überraschende Wendungen beschert, aber auch einen langen Atem voraussetzt.

Normales kippt in Horror

Mit der Wiedergeburt der eiskalten, bösen Seele in einer blendend beschriebenen, zeitgenössischen Jungfamilie montiert Lewinsky zwei Zeitalter, zwei Mentalitäten zusammen. Das ist ergiebig, wenn auch etwas breitgetreten und überraschungsarm: Das militaristische Männerbild der Zeit von 1900 bis 1945 mit Disziplin, Siegeswahn, Skrupellosigkeit und Empathielosigkeit wird der heutigen Jungfamilie gegenübergestellt. Und da werden sich alle Leser im Perfektionswahn wiedererkennen und in der Ratlosigkeit, die Eltern angesichts ihrer gelegentlich rätselhaften Knirpse überfällt. In den besten Passagen gelingt Lewinsky gerade dies: wie das Normale in den Horror kippt. Der Vater ist ein IT-Spezialist, ein etwas fader Softie, nachgiebig, sentimental und das Gegenbild zu seinem Sohn Jonas, der als Meister der Manipulation immer auf der Hut ist, nicht entdeckt zu werden. Denn er verfolgt mit hellwachem Kopf einen Fluchtplan, den der Leser erst allmählich erahnt. Die Hauptfiguren sind sorgfältig ausgearbeitet. Flacher wirken die Nebenfiguren, die einer TV-Soap entsprungen sein könnten.

Eltern bleiben ratlos

Mit dem Wechsel der Erzählerstimme bringt Lewinsky zusätzlich Spannung in seinen Roman. Jonas ist ein sonderbar beherrschtes Kind mit erwachsen scheinenden Eigenheiten: Als Säugling hält er beim Gähnen die Hand vor den Mund, kann seinen Ekel vor der Brust seiner Mutter nicht verbergen, will nicht in die Badewanne, weil ihn das an die Foltermethode des Waterboarding erinnert. In ihrer Brillanz erschreckend ist die zynische Menschenkenntnis, die der Erzähler aus seinem früheren Foltern erworben hat und nun das Manipulieren seiner Umgebung erlaubt. Jonas erklärt es dem Leser, seine Eltern bleiben ratlos. Für sie ist Jonas der zwar etwas sonderbare, aber eben hochbegabte Junge. Uns aber wird klar: Jonas ist ein kleines Monster, das sein Kindsein und körperliche Hilflosigkeit in dieser von ihm verachteten Familie als Gefängnisstrafe empfindet, minutiös seine Flucht plant, um herauszufinden, wer er nach seinem Untertauchen geworden war. Man ist versucht, so wenig wie möglich über den Inhalt des Buches zu verraten, denn der Roman funktioniert am besten, wenn man sich den heiss-kalten Überraschungen ohne Vorwarnung aussetzt.

So viel sei trotzdem verraten: Lewinsky schliesst mit einem überraschend melancholischen Ende – Jonas Eltern bleiben ratlos, der Leser applaudiert einem Grossen der Schweizer Literatur.

Charles Lewinsky: Andersen. Nagel+Kimche. 400 S., Fr. 29.90

Charles Lewinsky: Andersen. Nagel+Kimche. 400 S., Fr. 29.90