Böse Rache an der Familie

Lesbar Literatur

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A. F. Th. van der Heijden Das Biest, Suhrkamp 2016, 303 S., Fr. 36.–

«Du warst mir überhaupt keine Mutter», giftelt Tiny ihre Mutter an. Verkauft, versklavt habe sie sie, spickt die scharfzüngige Tiny ihr entgegen. Wir sind nicht etwa in Somalia oder in einem trostlosen Armenviertel der Dritten Welt. «Das Biest» spielt in Holland, mitten in der kleinbürgerlichen Behaglichkeit. Oder eben mitten im schrecklichen Massaker, das hier Familie heisst. Mitten in der Seelenpein der einen Traumatisierten, mitten in der Hilflosigkeit und Verlogenheit der anderen. Tiny hat sich einen schwarzgalligen Panzer zugelegt. Immer hat sie ein knallgelbes Staubtuch dabei. Neben ihrem Putzterror übergiesst sie ihre Umgebung mitsamt ihrem Ehemann auch noch mit Schimpftiraden, Gemeinheiten und Sadismus. Das hat einen unglaublichen erzählerischen Sog und eine überraschend aufklärerische Kraft. Erzählt wird ihre Geschichte von Albert, Tinys Neffen, der auch noch ein kurzes Verhältnis mit der schönen Tante eingeht. Das bringt den Leser verführerisch nah an die schroffe Tante. Ihre Bosheit ist gleichzeitig abstossend wie attraktiv. Beklemmende Lektüre, meisterhafte Analyse.

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Nina Weijers Die Konsequenzen, Suhrkamp 2016, 361 S., Fr. 31.90

Gefährlich verführerischer Künstlerroman

Schon das Motto, das Nina Weijers ihrem ersten Roman voranstellt, macht klar: Hier geht es um die innige Verbindung von Leben und Kunst. Marina Abramovic sagt in diesem Zitat, sie liebe den Moment, da eine Performance zu leben beginnt. Weijers spielt dieses Kunstspiel mit ihrer Heldin Minnie Panis, einem Star der niederländischen Kunstszene, auf existenzielle Weise durch. Minnie ist jung, eigensinnig, ziemlich verrückt und unterhält eine lose sexuelle Beziehung mit einem Fotografen. Als Kind schon war sie merkwürdig, wollte einfach nicht schreien. Sie war allen ein Rätsel, ihrer Mutter, den Lehrern, dem Arzt, der sie schon als Baby behandelt hat. Als Erwachsene legt sie ihr Leben unters Mikroskop. Ihre künstlerischen Experimente werden immer riskanter und ihr fotografierender Freund wird immer mehr zum Dokumentarist einer radikalen Künstlerexistenz, die aber mit einiger Ironie erzählt wird. Ein kluger Roman über den Wunsch, mit seinem Leben in der Kunst zu verschwinden.

Hansruedi Kugler