Böhmisches Rendez-vous in der Tonhalle

ST. GALLEN. Nein, er hat heute lieber kein Hahnenwasser getrunken vor dem Konzert, sagt Cellist Lionel Cottet – dann spielt er als Zugabe noch einen Satz aus der Cellosuite des Spaniers Gaspard Cassadó. Auf den Tag genau vor 122 Jahren starb Pjotr Tschaikowsky in St.

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ST. GALLEN. Nein, er hat heute lieber kein Hahnenwasser getrunken vor dem Konzert, sagt Cellist Lionel Cottet – dann spielt er als Zugabe noch einen Satz aus der Cellosuite des Spaniers Gaspard Cassadó. Auf den Tag genau vor 122 Jahren starb Pjotr Tschaikowsky in St. Petersburg an Cholera – vermutlich war ein Glas Wasser daran schuld. Ein Glück, dass Tschaikowsky die zauberhaften, Mozart nachempfundenen Rokoko-Variationen da bereits komponiert hatte: Das Werk nämlich passt dem Westschweizer Rising Star wie angegossen.

Klassisch-schlanker Ton

Gemeinsam mit dem Sinfonieorchester St. Gallen unter der Leitung des jungen Usbeken Aziz Shokhakimov nahm es Cottet am Sonntag im 2. Tonhallekonzert hinreissend grazil, mit unaufgeregter Virtuosität noch in der heiklen siebten Variation. Sein leichter Strich, der klassisch schlanke, wohldosierte Ton brachte die Holzbläserstimmen schön zur Geltung, ohne je glatt und gefällig zu wirken. Stattdessen erlebte man einen Solisten, der selbst zu staunen schien angesichts der Fülle an Möglichkeiten, mit dem liedhaften Material zu spielen.

Dvoráks Selbstfindung

Den Auftakt hatten die «Tre Ricercari» von Bohuslav Martinu gemacht: eine klug programmierte Ergänzung sowohl zu den übrigen Werken des Konzertes als auch zur Tanzpremiere in der Lokremise am Abend zuvor. Wiederum begeisterte die Raffinesse, mit der Martinu diverse Stile zu einer persönlichen Klangsprache verband, hier mit zwei Klavieren (Claire Pasquier, Mihaela Stefanova) als Gegenstimme des Orchesters.

Grosse Sinfonik dann nach der Pause: Dvoráks 8. Sinfonie, bühnenfüllend besetzt, angelegt als strahlend-gelöste Selbstfindung. Auch hier liess der blutjunge Dirigent von Beginn an das Feuer lodern, steckte an mit rhythmischem Drive. Da darf der Walzer im dritten Satz ruhig ein bisschen sentimental sein.

Bettina Kugler