Blutleeres Liechtenstein

Die Kulturzeitschrift widmet ein Heft der Kunst und Kultur des diesjährigen Olma-Gastes Liechtenstein. Das Heft bleibt aber vieles schuldig.

Rolf App
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Ein geballtes Mass an Kultur: Oben das fürstliche Schloss oberhalb von Vaduz, unten das Kunstmuseum und in Weiss das neue Ausstellungsgebäude. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Ein geballtes Mass an Kultur: Oben das fürstliche Schloss oberhalb von Vaduz, unten das Kunstmuseum und in Weiss das neue Ausstellungsgebäude. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Wer schon das Glück erlebt hat, das hoch über Vaduz thronende Schloss zu besichtigen, vielleicht sogar geführt vom Fürsten selbst, der weiss: Wo diese Fürsten sind, da ist hochkarätige Kunst nicht weit. Und was für die Fürsten gilt, das trifft auf ihr kleines, nur gerade 160 Quadratkilometer umfassendes Land als Ganzes ebenfalls zu.

Es fehlt weder an Liebhabern noch an Geld

Man braucht dazu nur zu Füssen des Schlosses in Vaduz selbst eine kleine Runde zu drehen. Da ist der schwarze Kubus des Kunstmuseums, und gleich daneben, ganz in Weiss, das neue Ausstellungsgebäude der Hilti Art Foundation. Da ist, noch ein Beispiel geglückter Architektur, das Landtagsgebäude aus dem Jahr 2008. Da ist der Kunstraum Engländerbau, und da ist die Schatzkammer Liechtenstein, in der wunderschöne Preziosen aus Fürstenbesitz zu sehen sind. Schliesslich, ganz in der Nähe, das Liechtensteinische Landesmuseum.

Es fehlt also nicht an Kunst und Kultur, und auch nicht an Kunst- und Kultur-Liebhabern. Und es fehlt nicht an Geld. So übertreibt die Liechtensteiner Kulturchefin Aurelia Frick wohl nicht, wenn sie erzählt, dass von rund 37 000 Einwohnern des Kleinstaates rund 3000 kulturell aktiv sind. Und die Zeitschrift «Du» findet einen reichen Boden vor für jenes Heft über «Kunst und Kultur in Liechtenstein», das sie rechtzeitig zur Olma herausgebracht hat: 35 Chöre, 40 Bands, zwei Orchester, Theater und Operettenbühnen zählt sie in der Einleitung auf, dazu Literaturabende und Literaturtage. Weiter hinten findet sich dann eine Übersicht über die kommunalen Kulturhäuser.

Allerdings ist in der Folge nicht von den Chören und Bands die Rede, auch nicht von Literaturabenden oder Literaturtagen. Schriftsteller kommen in diesem Heft nicht vor. Das TAK Theater Liechtenstein in Schaan, immerhin eine der ältesten Kulturinstitutionen des Landes, muss sich mit ein paar wenigen Sätzen begnügen. Und auch die Musik spielt nur am Rand mit: Zwei Herren von der internationalen Musikakademie erzählen, wie sie junge Musiker auf die Aufnahme an den besten Musikhochschulen der Welt vorbereiten.

Kunst und Kultur: Das reduziert sich in der «Du»-Blickweise rasch auf Kunst. Das sind bildende Künstler wie der 90jährige Georg Malin, wie die im Jahr 2000 verstorbene Anne Marie Jehle, wie Martin Frommelt, mit Jahrgang 1933 auch nicht mehr der Jüngste. Ja, gewiss, in einem kurzen Kapitel werden 13 Künstler und Künstlerinnen jüngeren Datums vorgestellt. Nur bekommen sie kein Gesicht, weil, begleitet von kurzen Texten, nur ihre Werke zu sehen sind.

Der Direktor schreibt gleich selber

Dafür kommen Sammler und Sponsoren zu Wort. Hanny Frick etwa, die heute ihr Leben mit Martin Frommelt teilt. Oder Fredy Vogt von der VP Bank, der versichert, dass Kunst und Bankgeschäft sich ideal ergänzen könnten. Und Peter Goop von der Vereinigung liechtensteinischer gemeinnütziger Stiftungen erläutert die Rolle des privaten Mäzenatentums.

Daran ist selbstverständlich nichts auszusetzen, auch wenn das so gezeichnete Bild etwas gar harmonisch erscheint. Aber es macht auch die Kunst nicht lebendiger, wenn der Direktor des Kunstmuseums selber in die Tasten greift. Der Vorwurf des Gefälligkeitsjournalismus ist da nicht weit.

So verliert die Kunst ihre Bodenhaftung

Dann verliert auch die Kunst, was sie vor allem haben müsste: Bodenhaftung. Dann entfernt sie sich vom Leben, statt dass sie sich auf es zubewegt. Dann werden sogar die Porträts zu Zeugnissen papierener Kunsttheorie. Georg Malin bekommt mit der blossen Aufzählung seiner Ämter kein Gesicht. Begreifen wir den Menschen, Künstler, Geisteswissenschafter und Politiker, wenn wir seine Buchstabenwürfel betrachten? «Der Würfel vermittelt tektonische Stabilität und Gefasstheit», schreibt seine Porträtistin. Alles klar?

Viel spannender wäre gewesen, den Kulturbegriff erstens breiter zu fassen. Also Schriftsteller, Theaterleute, Musiker einzubeziehen. Und zweitens Künstler verschiedener Generationen reden zu lassen. Zu zeigen, wo sie stehen in der Wirklichkeit und in der Geschichte ihres Landes, und wie sie sich mit den Problemen dieses Landes auseinandersetzen. Das wäre dann vielleicht kontroverser herausgekommen. Aber dafür farbiger, aussagekräftiger. Und man wäre bei der Lektüre nicht beinahe eingeschlafen.

Du Nr. 870 Oktober 2016: Kunst und Kultur in Liechtenstein, Fr. 20.–

Du Nr. 870 Oktober 2016: Kunst und Kultur in Liechtenstein, Fr. 20.–