Bloss keine Aufregung

Während es sich die Rolling Stones gemütlich im Halbruhestand einrichten, hat es ihren Gitarristen Keith Richards wieder in den Fingern gejuckt – auf dem dritten Soloalbum.

Michael Gasser
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Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards hat sein drittes Soloalbum eingespielt. (Bild: Universal Music)

Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards hat sein drittes Soloalbum eingespielt. (Bild: Universal Music)

Keith Richards muss nicht mehr, aber er darf. Das bringt Narrenfreiheit mit sich, die er jetzt zu «Crosseyed Heart» nutzt, seinem ersten Soloalbum seit 23 Jahren. Seine Band, die Rolling Stones, plant zwar auch 2016 vereinzelt aufzutreten, aber grundsätzlich geniessen die Briten ihren Halbruhestand. Diesen versüsst sich Richards mit 15 neuen Liedern und dem Dokumentarfilm «Keith Richards: Under The Influence», der am kommenden Freitag auf Netflix lanciert wird. Da heisst es für den 71-Jährigen, die Werbetrommel zu rühren.

Richards teilt kräftig aus

Eine Pflicht, der er gerne nachkommt. Mit Hinblick auf die Veröffentlichungen gibt Richards so viele Interviews wie schon lange nicht mehr und teilt dabei auch aus. Das Beatles-Album «Sgt. Pepper's Lonely Heart Club Band» bezeichnete er gegenüber den Medien als Müll und Bands wie Metallica oder Black Sabbath als Witz. Ein Niedermachen, hinter dem sich wohl plazierte Schaumschlägereien verbergen. Und die Tatsache, dass es Richards hin und wieder etwas langweilig sein dürfte. Mit ein Grund, warum er ein paar alte Weggefährten wie den Gitarristen Waddy Wachtel oder den inzwischen verstorbenen Saxophonisten Bobby Keys zusammengerufen hat, um ein paar Tracks einzuspielen. Wie «Illusion», ein launiges Duett mit Norah Jones, oder die Ballade «Robbed Blind», auf der Keith Richards wie ein entspannter Halbbruder von Mark Knopfler klingt.

In seiner 2010 erschienenen Autobiographie «Life» erzählte Richards auf humorvolle Weise Episoden aus seinem Leben. Dabei erfuhr man etwa, dass er seinen langjährigen Freund und Bandkollegen Mick Jagger wahlweise mit Brenda oder als «Your Majesty» anspricht. Seit 2006, als er auf den Fidschi-Inseln von einer Palme auf den Kopf fiel, behauptet der Musiker, keine harten Drogen mehr zu nehmen. In «Amnesia», einem ebenso lockeren wie verdreckten Blues, erzählt der fünffache Grossvater mit der Raspelstimme vom Augenblick nach dem Sturz: «Ich kann mich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern, ich bin nirgends.» Das ist selbstironisch, entwaffnend und hat Charme.

Gealterte Herrenriege

Qualitäten, die das Album ansonsten eher selten zu Tage fördert. Meist begnügt sich Keith Richards damit, launisch auf seiner Gitarre zu schrummeln. Die Devise lautet dabei: Bloss keine Aufregung. Entsprechend wirken Lieder wie «Heartstopper» oder die soulige Otis-Redding-Hommage «Lover's Plea» nach einer in Würde gealterten Herrenriege, die gar nicht erst vorgibt, Grossartiges zu leisten, sondern einzig Spass und ein paar Biere haben will.

Ein flaches Rattern

Das liegt auch daran, dass Richards' Gesang über ein flaches Rattern nicht hinauskommt. Nun liesse sich argumentieren, dass der Künstler keinen allzu grossen Effort leistet, doch das ist auf der Platte nicht der Punkt. Im Vordergrund steht anderes: Hier agiert einer, der dem Tod schon häufiger von der Schippe gesprungen ist, der sich seiner Sterblichkeit nur zu bewusst ist und der nichts anderes kennt, als die Gitarre zu schwingen und dem Blues zu huldigen. Auf «Crosseyed Heart» geht's weniger um die Musik, als um das Gesamtkunstwerk Keith Richards. Dieses bringt zwar keine unbekannten Seiten zu Tage, fügt aber weitere Puzzlesteine hinzu.

«Das Leben ist eine seltsame Sache. Keiner will alt werden, doch jung sterben, das will auch niemand», sagt der Musiker im Dokumentarstreifen «Under The Influence» und lacht, bis er hustet. Ein Bild, das verdeutlicht, dass Keith Richards nicht daran denkt, sich still zu verhalten und auf sein Altenteil zurückzuziehen. Stattdessen wird er weitermachen – bis zum Umfallen.

Keith Richards: «Crosseyed Heart» (Virgin/Universal). Das Album erscheint am kommenden Freitag.