BLINDE FLECKEN: Ein Herz für die Finsternis

Der Fotojournalist Dominic Nahr ist Augenzeuge und Chronist der Krisenherde dieser Welt. Seine Ausstellung «Blind Spots» in der Fotostiftung Schweiz zeigt, wie schön schreckliche Bilder sein können.

Dieter Langhart
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«Das sind Kleider toter Kinder»: Dominic Nahr vor seiner Aufnahme der Völkermordgedenkstätte in Nyamata, Ruanda. (Bild: Dieter Langhart)

«Das sind Kleider toter Kinder»: Dominic Nahr vor seiner Aufnahme der Völkermordgedenkstätte in Nyamata, Ruanda. (Bild: Dieter Langhart)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Das erste Bild ist zugleich das unscheinbarste und grösste der Ausstellung. Ein Teppich aus Kleidern, ein orange-braunes Still­leben. «Nyamata, Ruanda» steht an der Wand. War da nicht ein Völkermord? «Das sind Kleider toter Kinder», sagt der Fotograf Dominic Nahr, «aufbewahrt in einer Gedenkstätte.» Dieses Bild ist kennzeichnend für Nahrs Zugangsweise. Er macht keine Bilder von der Front, auch wenn er seit zehn Jahren von den Krisenherden der Welt berichtet, für Zeitungen und Magazine wie die NZZ, das «Time Magazine» und «Spiegel» oder «Stern».

Dominic Nahr richtet seinen Blick gewissermassen von der Front zurück. Ihn interessieren die Menschen. Die Fliehenden und Vertriebenen, die Leidtragenden und Vergessenen. Und ihn interessieren die Zusammenhänge hinter den Geschehnissen.

Nahr weist über die Tagesaktualität hinaus

«Blind Spots» heisst die Einzelausstellung in der Fotostiftung Schweiz, «blinde Flecken». Nahr meint damit die blinden Flecken in der medialen Wirklichkeit, die Lücken in der Wahrnehmung und die Mechanismen der Verdrängung. Damit tut sich jeder Fotograf schwer.

Dominic Nahr hat sich vom Kurzzeitwert der Tagesaktualität gelöst. Konsequent nutzt Nahr manuelle Leica-Kameras, die ihm Zeit abverlangen, Schnellschüsse verunmöglichen. Gewiss sind auch sie Momentaufnahmen, aber sie sind nicht dem ­Moment geschuldet, sondern der Relevanz. Ethische Gesichtspunkte sind Nahr wichtiger als dokumentarische Standards. Wie einem anderen Ostschweizer, Meinrad Schade, beim Langzeitprojekt «Krieg ohne Krieg», das vor zwei Jahren in der Fotostiftung Schweiz zu sehen war.

Und Dominic Nahr beweist einen unbedingten Gestaltungswillen. So entstehen schöne, perfekte Bilder, die das Grauen nur erahnen lassen, es nicht zum Thema machen. Die Kuratoren Peter Pfrunder und Sascha Renner stellen zu Recht den voyeuristischen Kitzel zur Diskussion: «Können wir sicher sein, nicht einer Art dunkler Faszination anheimzufallen?» Und: «Wie ist der Zauber des Dargestellten auszuhalten, wenn man erfährt, dass die Wirklichkeit von einer kaum zu übertreffenden Trostlosigkeit ist?» Auch Nahr zeigt Tote, aber weitaus häufiger Lebende, Überlebende, oft in Einzelaufnahmen. Hier ein im Wasser liegender Soldat, da ein ins Hafenbecken von Mogadischu springender Mann; für Nahr eine «Mischung aus Risiko und Lebensfreude».

In Heiden geboren, in ­Hongkong aufgewachsen

Vier Räume, vier afrikanische Länder: Südsudan, Somalia, Mali, Demokratische Republik Kongo. Die Schwelle für Nachrichten aus Afrika ist hoch geworden, die Medien richten ihr Augenmerk auf andere Orte. Dominic Nahr lebt seit 2009 in Kenias Hauptstadt Nairobi und konzentriert sich seither auf den afrikanischen Kontinent. Und da auf Länder, in deren Konflikte sich fremde Kämpfer einmischen.

Südsudan: Ende 2010 war Dominic Nahr erstmals da, dokumentierte den Weg zur Unabhängigkeit 2011. Jetzt konzentriert er sich auf die humanitären Folgen des Bürgerkriegs. Bürgerkrieg auch in Somalia, Dürren und Hungersnöte seit 2011, eine Viertelmillion Tote im Bürgerkrieg. «Das Leben da passiert ‹one step at a time›», sagt Dominic Nahr. Immer wieder mischt sich Englisch in seine Erklärungen. Geboren wurde Nahr 1983 in Heiden. «Ein Zufall», sagt er, «meine Eltern waren gerade in den Ferien.» Seine Mutter stammt aus Heiden, in seiner Jugend besuchte er oft seine Grosseltern. In der Schweiz hat er aber nie gelebt, er ist in Hongkong aufgewachsen.

Mali: «Ich bin verliebt in dieses Land mit seiner Mischung aus Liebe, Poesie und Musik», sagt Dominic Nahr. Unabhängigkeit von Frankreich, Rebellionen, Dürren, Militärdiktatur. 2010 kam Nahr erstmals in das riesige Land, 2013 dokumentierte er die französische Militärintervention, 2016 flog er für den «Stern» nach Mali. «No peace, no war», sagt er, und: «Keine Hilfe, alle sind still.» Und zeigt auf sein Lieblingsbild: Menschen bei einem Konzert.

Kongo: Dieses Land kennt der Fotograf am längsten: 2008 hat er erstmals Afrika bereist und über den Konflikt im Osten des Kongos berichtet. In der Demokratischen Republik, seit 1960 von Belgien unabhängig, habe er eines gelernt, sagt Dominic Nahr: «Whatever happens, don’t take it seriously. Was immer auch passiert, nimm es nicht so ernst.»

Dominic Nahr: Blind Spots, Fotostiftung Schweiz, Grüzen­strasse 45, Winterthur; bis 8.10. Di–So 10–18, Mi 11–20 Uhr

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