Blind Date mit «Esmerelda» in Montreux

«Vertrau mir», sagte der Freund nur. Er hatte mich zu einem Konzert am Jazzfestival Montreux eingeladen, «an dem Dir gefallen wird, was Du zu hören bekommst». Zum Vertrauensbeweis gehörte, nicht auf der Homepage des Festivals nachzusehen, um was für ein Konzert es sich handelte.

Andreas Stock
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«Vertrau mir», sagte der Freund nur. Er hatte mich zu einem Konzert am Jazzfestival Montreux eingeladen, «an dem Dir gefallen wird, was Du zu hören bekommst». Zum Vertrauensbeweis gehörte, nicht auf der Homepage des Festivals nachzusehen, um was für ein Konzert es sich handelte. Das musikalische Blind Date wurde auf der Fahrt an den Genfersee lange nicht aufgelöst, denn wir haben uns im Auto bewusst nicht die Musik angehört, die wir live erleben würden.

Zwar waren mir schon Songs von Ben Howard zu Ohren gekommen, aber richtig zugehört hatte ich noch nicht. Einer seiner Hits, das munter-eingängige «Keep your head up», gehört immer noch nicht zu den liebsten Songs. Doch das Konzert des britischen Singer-Songwriters im Sommer 2013 ist eines jener, die im persönlichen Schatzkästchen mit den auserlesensten, unvergesslichen Konzerten aufbewahrt wird. Das berauschte Hochgefühl nach dem Auftritt hätte uns zweifellos noch bis auf den Rochers-de-Naye, den Hausberg von Montreux, hinauflaufen lassen. Die besondere Spieltechnik von Howard, seine facettenreichen Zupf- und Schlagmuster auf der Gitarre und die mal traurig-warme, mal nasale Stimme, sie kommt auch im Song «Esmerelda» einnehmend zum Ausdruck. Ein Lied, das Howard in Montreux solo spielte, mit geschlossenen Augen vor dem Mikrophon sitzend. Entrückt, zugleich ungemein präsent.

«Oh, blinded, now I see that I could not hold you», beginnt die von einem schlichten Akkord angetriebene Ode an eine verflossene Liebe: «Schwarze See, das Monster tötete die Melodie, die Du geliebt hast», liesse sich in etwa eine andere Zeile übersetzen. «Esmerelda» entfaltete in jener Nacht in Montreux in meinen Ohren freilich einen anderen, wunderbaren Zauber.

Ben Howard: «Esmerelda», The Burgh Island EP, 2012