Houllebecq am Schauspielhaus Zürich: Blick in den Abgrund

Johan Simons stellt mit Michel Houellebecqs «Unterwerfung» am Zürcher Pfauen deutliche Fragen ans Publikum.

Valeria Heintges
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Blickt in den Abgrund: Stefan Hunstein (mitte) als François.

Blickt in den Abgrund: Stefan Hunstein (mitte) als François.

Bild: zvg

Er habe «einen Blick in den Abgrund» getan und dann «einen Blick aufs Handy» geworfen, sagt François mehrfach. So, wie Stefan Hunstein den Text in Michel Houellebecqs «Unterwerfung» spricht, scheint es, als wäre auch der Blick aufs Handy ein Blick in den Abgrund – schliesslich meldet sich die Freundin schon seit Tagen nicht. Der Abgrund, das sind vordergründig die Schluchten der Dordogne, in die sich François geflüchtet hat. Es sind aber auch die politischen Verhältnisse in Frankreich, denn während François’ Abwesenheit gewinnt Mohammed Ben Abbes von den Muslimbrüdern die Stichwahl gegen Marine Le Pen und wird Präsident des Landes. Der Abgrund, in den François schaut, ist in der Inszenierung von Johan Simons auch ein Wust billiger Einrichtungsgegenstände.

2015 brachte Simons «Unterwerfung» in einer Doppelinszenierung mit Houellebecqs «Plattform» am NTGent zur Premiere, diesen Januar folgte der Abend am Schauspielhaus Bochum, wo Simons Intendant ist. Die halbierte Version mit «Unterwerfung» allein ist nun im Pfauen zu sehen.

Simons interessiert weniger Houellebecqs Vision einer Übernahme Europas durch die Islamisten. Denn François ist zwar auch der typisch Houellebecq’sche schlaffe, abgehalfterte, vereinsamte, lebensmüde Europäer – Hunstein zeichnet ihn phänomenal, mit genau gesetzter Mimik und Gestik. Doch zeigt die Inszenierung, wie sich die ganze Intelligenzia den neuen Herrschern an den Hals wirft: der opportunistische Kollege Steve (schleimig: Guy Clemens) und Marie-Françoise (lebensprall-anpasserisch: Mercy Dorcas Otieno), die sich sogar damit arrangiert, dass Frauen unter der neuen Regierung weder studieren noch lehren dürfen, ihnen stattdessen aber die Vielehe, gerne auch mit Minderjährigen, neue Chancen eröffnet.

Die Verlierer der Kungelei setzt Simons in Gestalt von Myriam (Karin Moog) für alle sichtbar auf die Bühne. Sie ist bei Houellebecq François’ Geliebte, die erste Studentin, die er nicht nach einem Jahr abserviert. Und sie ist Jüdin und damit Ziel islamistischer Anwürfe. Ihre Familie flieht nach Israel, ein Land, das der aufgeklärten Frau auch sprachlich fremd bleibt. Als spielerisch-liebevolle Rollerei-Liebelei zeigt Simons die letzte gemeinsame Liebesnacht – bis François Myriam wegschubst und sie fortan, nackt und verletzlich, an der Seite sitzen bleibt. Keiner kümmert sich um sie, alle räumen um sie herum, als sei auch sie nur ein weiterer billiger Plastikstuhl.

Am Ende überlegt sich François, weichgeklopft auch in Diskussionen mit dem neuen Rektor der Universität, den Mourade Zeguendi als eitel-selbst­­ver­liebten, aber hochgescheiten Kopf spielt, dass auch er zum Islam konvertieren könnte, um wieder lehren zu dürfen. Houellebecq lässt ihn das im Konjunktiv sprechen. Unausgesprochen, aber deutlich steht die Frage im Raum, die Simons wirklich interessiert: Was würdet ihr tun, wenn eure Kultur verleugnet, mit den Frauen die Hälfte der Bevölkerung von der Bildung abgeschnitten wird und die Juden vertrieben würden?

«Unterwerfung» von Houellebecq. Schauspielhaus Zürich, Pfauen. Bis 29.3.