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BLEISTIFT: Der Stift zum Dichten und Spielen

Das einfachste aller Schreibgeräte steht für Spontaneität und Unkompliziertheit. Gerade im digitalen Zeitalter schätzen viele Kreative wieder vermehrt seine Intimität.
Beda Hanimann
Ob weich oder hart, kurz oder lang, neutral lackiert oder mit Firmenaufdruck: Bleistifte sind patente Begleiter durch den Alltag. (Bild: Ralph Ribi)

Ob weich oder hart, kurz oder lang, neutral lackiert oder mit Firmenaufdruck: Bleistifte sind patente Begleiter durch den Alltag. (Bild: Ralph Ribi)

Da müht er sich ab, kratzt zunehmend nervöser mit dem Kugelschreiber über den Zettel. Der bleibt hartnäckig leer, zeigt vielmehr schon beinahe Rissspuren. Nun schüttelt der Mann seinen Schreiber wie einen Fiebermesser, haucht warmen Atem an die Stiftspitze: Es nützt nichts, der Kugelschreiber ist der Kälte nicht gewachsen.

Hätte der Mann einen Bleistift bei sich gehabt, ein Stummel hätte schon gereicht: Er hätte den Firmennamen auf dem vorbeifahrenden Lieferwagen mitsamt Adresse innerst Sekunden aufnotiert. Auf einen Bleistift ist immer Verlass, die Milchmänner wussten das, die Handwerker vertrauen darauf, die Pfadfinder schwören auf ihre Grundausstattung mit der Abkürzung SBB. Sie steht für Schnur, Block, Bleistift.

Der Name basiert auf einem Irrtum

Aber eigentlich bräuchte der Bleistift solche billigen Alltagstriumphe gar nicht. Es ist etwas Archa­isches um ihn, das macht das einfache Gerät so besonders. Ob man mit einem Bleistift etwas auf einen Zettel notiere oder mit einem verkohlten Ast auf einer Höhlenwand seine Spuren hinterlasse, sei kein grundsätzlicher Unterschied. Das sagen die Produzenten eines amerikanischen Bleistift-Podcasts im Buch «Schreibwaren», das im digitalen Zeitalter die Rückkehr von Stift und Papier verkündet (siehe Zweittext).

Nun, bis zu den Höhlenmalereien reicht die Geschichte des Bleistifts allerdings nicht zurück. Als Schreibgerät geht er auf die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück, als im englischen Cumberland-Gebirge ein schwarzes Material entdeckt wurde, das weich und schwarz war und sich zum Schreiben eignete. Man hielt den Stoff für ein Bleierz, doch das erwies sich als Irrtum. Es handelte sich um ein auf Kohlenstoff basierendes Mineral, dem der Chemiker Carl Wilhelm Scheele Ende des 18. Jahrhunderts den Namen Graphit gab. Bald wurde die Bleistiftherstellung verfeinert, man mischte Graphit mit Ton und brannte diese Mischung. Je nach Verhältnis der beiden Stoffe entstehen härtere oder weichere Minen.

Ruhiger und besinnlicher arbeiten mit Bleistift

Diese Abstufungen von Weichheit und Härte gehören zur Faszination des Bleistifts. Dazu kommt die Eigenschaft, dass seine Spuren mit einem Radiergummi problemlos wieder ausgelöscht werden können. Das verleiht ihm etwas Leichtes, Unverbindliches, Inoffizielles. Der Bleistift steht für das Unkomplizierte. Für den spontanen Gedanken, für die erste Idee, für die frühe Phase des Werdenden. In seinem Text «Das Turnier der Bleistiftritter» zitiert der Schweizer Schriftsteller Klaus Merz den Maler und Zeichner Heinz Egger: «Der Bleistift ist für mich so wichtig, weil er etwas Konjunktivisches an sich hat.»

Auch Robert Walser hat das Provisorische zu schätzen gewusst. Der Schweizer Schriftsteller schrieb in den 1920er-Jahren Hunderte von Texten mit Bleistift auf kleine Notizzettel und leere Couverts, sie erschienen ab den 1980er-Jahren postum unter dem Titel «Aus dem Bleistiftgebiet». Das Schreiben mit Bleistift half ihm über eine Schreibblockade hinweg. «Für mich liess es sich mit Hülfe des Bleistifts wieder besser spielen, dichten», schrieb er 1927 an den Publizisten Max Rychner. Im Text «Bleistiftskizze» formulierte er: «Mir schien unter anderem, ich vermöge mit dem Bleistift träumerischer, ruhiger, behaglicher, besinnlicher zu arbeiten.»

Damit schlägt Walser gar einen Bogen ins 21. Jahrhundert. «Analog ist persönlicher und intimer, digitale Verfahren ermöglichen es, unsere Arbeit der Gesellschaft zu übermitteln», sagt Johnny Gamber, einer der Moderatoren des erwähnten Podcasts. Das zeigt: Die Ausgestaltung des Geschriebenen hat sich dank elektrischer Schreibmaschine und Computer zwar rasant verändert, die Urzelle der Kreativität aber ist für viele die Bleistiftnotiz oder -skizze geblieben. Oder wird es gar zunehmend wieder stärker. Als Reaktion auf das glatte Erscheinungsbild des digital Erstellten, wie John Z. Komurki in «Schreibwaren» schreibt.

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