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Blättern unter Joggelis Birnbaum

Kinder lieben Helden wie Pitschi und den Schellen­Ursli; für Eltern und Grosseltern sind Bilderbücher eine Brücke in die Kindheit. Das Landesmuseum Zürich macht sie sinnlich begehbar.
Bettina Kugler
Lisa Wengers «Joggeli söll ga Birli schüttle» ist seit 110 Jahren lieferbar. Der Henker, rechts im Bild, wird heute nicht mehr mitgeliefert. (Bild: Schweizerische Nationalbibliothek, Bern)

Lisa Wengers «Joggeli söll ga Birli schüttle» ist seit 110 Jahren lieferbar. Der Henker, rechts im Bild, wird heute nicht mehr mitgeliefert. (Bild: Schweizerische Nationalbibliothek, Bern)

Ein riesengrosses Bett, grösser als manches Kinderzimmer, wartet nur darauf, dass sich hier jemand die Decke bis an die Ohren zieht, um gesund zu werden. Hans ten Doornkaat, Gastkurator der soeben eröffneten Ausstellung «Joggeli, Pitschi, Globi ... Beliebte Schweizer Bilderbücher» im Landesmuseum Zürich, kann sich an diesem Möbel freuen wie ein Kind im besten Pitschi-Alter. Mit dem von ihm konzipierten kulturgeschichtlichen Rundgang durch sechs Jahrzehnte Bilderbuchschaffen in der Schweiz zielt er vor allem auf Gefühlswerte.

Kindheitsschätze für mehrere Generationen

Interessiert hat ihn die Frage, was sich beim Bücheln tief in die Kinderseele einprägt. Etwa die Proportionen der berühmten Doppelseite aus «Pitschi»: ein Kätzchen, das munzig klein zwischen einem üppigen Kissengebirge hervorlugt. Als langjähriger Lektor und profunder Kenner der Bilder- und Kinderbuchgeschichte schöpft Hans ten Doornkaat zum einen aus dem Erfahrungsschatz seiner Verlagsarbeit. Im Herbst 2017 lancierte er zudem einen Aufruf im «Grosseltern»-Magazin und bat Leserinnen und Leser darum, Erinnerungen an ihr Lieblingsbilderbuch aus Kindertagen aufzuschreiben. Ausführlich erzählten sie von ihren bevorzugten Helden, von Schlüsselszenen und Bildern, die im Gedächtnis geblieben sind, sowie vom Buch selbst: als kindliche Habseligkeit, als Geschenk und kostbares Gut.

Aufbruch vor 1968: H. U. Stegers «Reise nach Tripiti». Die Originalspielsachen sind in Zürich zu sehen. (Bild: 1967 Diogenes Verlag AG Zürich)

Aufbruch vor 1968: H. U. Stegers «Reise nach Tripiti». Die Originalspielsachen sind in Zürich zu sehen. (Bild: 1967 Diogenes Verlag AG Zürich)

Teddy Theodor kehrt der Schweiz den Rücken

Beliebtheit sollte im Vordergrund der Schau stehen, die grafische Qualität aber ebenso beleuchtet werden wie die Tatsache, dass Bilderbücher Kinder ihrer Zeit sind und deren Mentalität spiegeln: Das ist ten Doornkaat und Projektleiterin Anna Wälli vom Schweizerischen Landesmuseum rundum gelungen. Zwei Räume, nicht einmal sonderlich gross, genügen, um von den Anfängen des eigentlichen Bilderbuchs – mit der klassischen Struktur, links Text und rechts die dazugehörige Bildseite – zum spürbaren Aufbruch Ende der 1960er-Jahre vorzudringen. Nicht das Revoltejahr 1968 ist es in «Joggeli, Pitschi, Globi ...». Sondern schon 1967. Der Weg geht über die Jahre zwischen den Kriegen, mit Kinderclubs von Globi & Co., dem Maggi-Liederbuch, mit Treuepunkten und illustrierten Sammelalben.

Hans-Ulrich Steger, bekannt für seine AKW- und militärkritischen Karikaturen im «Tages-Anzeiger», schickt 1967 in «Reise nach Tripiti» den Teddybären Theodor und ein Gefolge abgeliebter Spielsachen aus der verregneten Schweiz an einen Sehnsuchtsort in Griechenland. Neu für die Gattung Bilderbuch ist nicht nur Stegers karikaturesker Strich (deshalb erscheint «Reise nach Tripiti» auch nicht in einem der einschlägigen Bilderbuch­verlage, sondern bei Diogenes in Zürich). Sondern noch mehr die Tatsache, dass Teddy Theodor am Ende nicht reumütig in die Schweiz zurückkommt.

Spielbauten, Bücherkisten und Kulturgeschichte

Selbstverständlich kann man an dieser Endstation der Ausstellung in einem Exemplar des Buches blättern, wie in allen beispielhaft herausgegriffenen Titeln der Schau. Ein kurzer Text informiert über den Zeichner Steger, über die Aufbruchstimmung zu seiner Zeit. Doch ebenso wichtig ist der sinnliche Zugang zu Theodor und seiner Bilderbuchwelt. Hans-Ulrich Steger nämlich nahm seinen eigenen geliebten Stoffteddy zum Modell: Das Original und alle anderen Spielsachen sind für die Ausstellung aus «Tripiti» zurückgekehrt – in eine Zürcher Vitrine.

Hans Fischers Pitschi aus dem Jahr 1948. (Bild: NordSüd Verlag)

Hans Fischers Pitschi aus dem Jahr 1948. (Bild: NordSüd Verlag)

Der Rundgang ist konzipiert als generationsübergreifende Familienausstellung: Kaum sonst ein Thema würde sich besser dafür eignen. So können Kinder ab etwa drei Jahren ausgiebig spielen, unter Joggelis Birnbaum etwa. An ihm hängen Holzfrüchte mit eingebauter Hörmuschel, für alle, die noch nicht lesen ­können. Oder sie krabbeln in die Zwergenhöhle unter Moos und Wurzelwerk, dem Bilderbuchkosmos des Berner Künstlers Ernst Kreidolf nachempfunden.

Das «Ur-Pitschi»: Bianca Fischer, krank im Bett

Da gibt es das auf Hochglanz polierte Replikat eines Saurer-Postautos mit Sitzbänken zum Schmökern, einen Lesefauteuil mit Katzenkörbchen – und, nicht zu vergessen: das grosse Bett. Man darf es nicht nur berühren, sondern sich sogar hineinlegen. Und in der Vitrine nebenan einen Blick in Hans Fischers Taschenagenden voller flink aufs Papier geworfener Zeichnungen werfen. Darunter auch das «Ur-Pitschi»: Ehefrau Bianca, krank im Bett, winzig wie das Kätzchen.

Kultfigur Globi: Das Werbemaskottchen gründet Clubs und reist herum. Die Bücher kommen erst später. (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

Kultfigur Globi: Das Werbemaskottchen gründet Clubs und reist herum. Die Bücher kommen erst später. (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

Derweil erfahren die Grossen mehr über die Entstehungszeit der Klassiker, über Kreidolf und den Ersten Weltkrieg, über das Joggeli, seit 110 Jahren durchgehend lieferbar, in der Erstausgabe noch mit einem Henker hinter dem Metzger. Später war er für zarte Kinderseelen nicht mehr zumutbar: ein Ausdruck neuer pädagogischer Tendenzen. Prägend für die Ästhetik populärer Schweizer Bilderbücher sind überwiegend Illustratoren und Künstler, die von der Werbe­grafik kommen: Alois Carigiet, Schöpfer des «Schellen-Ursli», der Basler Herbert Leupin, der unter ­anderem das legendäre Circus-Knie-Plakat entwarf, Celestino Piatti mit seinen markanten schwarzen Konturen.

Ein Seitenblick fällt auf die weniger bekannten, künstlerisch aber wesentlich innovativeren Frauen: Berta Tappolet, Suzi Pilet, Warja Lavater mit ihren abstrakten Märchen- und Sagenleporellos. Popstar Nummer eins freilich ist, wenig überraschend, der fröhliche Warenhausvogel Globi.

Bis 14. Oktober. Öffnungszeiten unter landesmuseum.ch

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