Mundart-Rap

Black Tiger veröffentlicht sein drittes Solo-Album

Das Basler Rap-Urgestein Black Tiger legt «Transformation» vor. 14 Jahre Warten haben sich gelohnt.

Stefan Strittmatter
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Urs Bauer alias Black Tiger bleibt sich treu und entwickelt sich dennoch weiter.

Urs Bauer alias Black Tiger bleibt sich treu und entwickelt sich dennoch weiter.

Julian Jakobsmeyer

Wer einst der Erste war, muss nicht immer auch der Schnellste sein: Urs Baur alias Black Tiger darf sich auf die Fahne schreiben, einen Vers auf Basler Dialekt aufgenommen zu haben, als niemand daran dachte, dass Hip-Hop und Helvetien, Reimkunst und Regionalbezug, Street­cre­dibility und Schweizerdeutsch kompatibel sein könnten.

In seinen wuterfüllten ­Zeilen auf «Murder by Dialect» von P-27 erklärte Black Tiger 1991 die Essenz der zumindest in Europa noch jungen Kunstrichtung Hip-Hop. Gleichzeitig sicherte sich der damals 19-Jährige Rapper seinen Platz auf der Landkarte der Schweizer Musikszene – im Terra Incognita.

Der Pionier-Geist sprach aus seinen ersten Zeilen, ebenso wie die anfängliche Selbstkritik: «Ich bi dr erschty Typ, wo uf ­Baseldütsch räppt / das isch erscht a Versuech und nonig perfäkt.» Am Basler Dialekt hat Black Tiger festgehalten, in weiteren Kollaboration hat er seine Skills geschärft und sein Standing vergrössert.

Profane Gründe für die lange Wartezeit

Dennoch verging nach dem Einstand ein Dutzend Jahre, bis Black Tiger mit «Solo» (2003) ein erstes Album unter seinem Namen veröffentlichte. Bis zum Zweitling «Beton Melancholie» dauerte es nur drei weitere Jahre, doch damit fand der rasantere Release-Turnus bereits wieder ein Ende. 14 Jahre sind seither ins Land gestrichen. 14 Jahre, in denen Black Tiger nicht un­tätig war: So stemmte er unter anderem das Monster-­Projekt «1City, 1Song», das es mit über 150 Mitwirkenden und 83 Minuten Songlänge ins Guinness-­Buch der Rekorde schaffte.

Dass seine Fans nun bis vor wenigen Tagen auf ein drittes Solo-Album warten mussten, hat ganz profane Gründe, wie der Musiker auf Anfrage erklärt: «Ich hatte kein Geld. Die Plattenfirma, bei der ich war, stritt sich intern bankrott, und ich schloss mein Studium als Psychologe ab.» Das klingt, als sei der 14-jährige Hiatus nur äusseren Umständen geschuldet, doch hat sich Black Tiger – der Titel des neuen Albums spielt darauf an – auf dem Weg zu «Transformation» auch musikalisch weiterentwickelt.

Mit 48 Jahren stehe er an einem anderen Punkt als zu Zeiten von «Beton Melancholie», so Black Tiger: «Mit 34 hatte ich Power ohne Ende. Heute bin ich entspannter.» Und selbstbewusster, was sich schon daran zeigt, dass er auf den 15 Tracks von «Transformation» zum ersten Mal neben den Texten auch für die Beats und Sounds verantwortlich zeichnet.

Mit 34 hatte ich Power ohne Ende. Heute bin ich entspannter.

(Quelle: Black Tiger, Musiker)

«Ich habe täglich Musik produziert, Hunderte Midi-Instrumente gekauft und Tutorials verschlungen», beschreibt Black Tiger die Entstehung des neuen Albums. Ein komplettes Album habe er vor rund fünf Jahren verworfen, weil es ihm «zu leblos» klang. Irgendwann sei der Knopf aber aufgegangen und der Autodidakt habe begonnen, die «analogen Instrumente von früher» besser zu verstehen.

In dieser Zeit habe sich sein «Gehör, Groove und Geschmack» gewandelt. Früher, so gibt er offen zu, habe er damit gehadert, dass er kein Instrument beherrsche und «kein richtiger Musiker» sei. Doch dieses Gefühl habe er mit dem neuen Album nun beerdigen können.

Irgendwann in dem Prozess sei ihm bewusst geworden, dass er plötzlich mehrere Aufgaben innerhalb der Musikproduktion inne habe. «Das wollte ich klar trennen», sagt er. Und so liest man in den Credits nun «Text: Black ­Tiger, Musik: Beat Baur».

Abgesehen von der Hilfe von seinem neu erschaffenen zweiten Pseudonym hat Black Tiger auf «Transfor­mation» so gut wie alles alleine gemacht. Neben Musik und Texten auch die Fotos fürs Artwork und schliesslich auch Vertrieb und Promotion.

Halb voll und dennoch restlos ausverkauft

Letzteres hat nicht ganz reibungslos geklappt, so wurde die Plattentaufe vor rund zwei Wochen kaum beworben. Was vielleicht aber auch gut war, denn Corona-bedingt sei die Kapa­zität im Sommercasino eingeschränkt gewesen und das Konzert «zwar halb voll, aber dennoch restlos ausverkauft».
Er sei nun selbstständig und das heisse «alles selber und ständig zu machen», erklärt Black Tiger. Mit diesem Album sei er «sozusagen wieder ein Newcomer», sagt er. Einer, der alles neu erlernen müsse. Und wolle.

Das mag für die Business-­Seite teilweise stimmen, aber bestimmt nicht für die Musik und Texte. «Transformation» zeigt einen Black Tiger, der sich treuer ist denn je, und dabei ­zunehmend die Klischees des Genres hinter sich lässt. Der Verzicht auf poppige Hooklines und der konsequente Fokus auf die selbstreflexiven Texte bringen ihn womöglich um das verdiente Radio-­Airplay. Der «Grown Men Rap», wie Black Tiger seinen Stil neu beschreibt, steht ihm jedoch gut zu Gesicht.

Wer ein Pionier ist, von dem erwartet man nicht, dass er sich stetig weiterentwickelt. Schön, wenn er es dennoch tut.

Black Tiger: «Transformation».