Bitterer Blick einfacher Soldaten

Der französische Comiczeichner Jacques Tardi versteht es, die Schrecken des Ersten Weltkriegs in beklemmende Bilder umzusetzen. Die Comic-Romane «Der Grabenkrieg» und «Elender Krieg» gibt es nun in überarbeiteter Neuauflage.

Florian Weiland
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Jacques Tardi setzt Farbe in seinen Bildern sehr gezielt ein. Je länger der Erste Weltkrieg dauert, umso düsterer und weniger farbig sind seine Zeichnungen. (Bild: pd)

Jacques Tardi setzt Farbe in seinen Bildern sehr gezielt ein. Je länger der Erste Weltkrieg dauert, umso düsterer und weniger farbig sind seine Zeichnungen. (Bild: pd)

Jacques Tardi macht keinen Hehl daraus, dass er den Krieg verabscheut. «Wie viel Menschenfleisch es brauchte, um den unersättlichen Appetit unserer Herren zu stillen», lässt er einen jungen Soldaten klagen, «mit Bammel im Bauch und Schiss in der Hose». «Es gibt keine Helden und keine Hauptperson in dem beklagenswerten kollektiven Abenteuer, genannt Krieg. Es gibt nur einen gigantischen, anonymen Aufschrei im Todeskampf», erklärt Tardi im Vorwort zu seinem Comic-Roman «Der Grabenkrieg». Der französische Comiczeichner schildert schonungslos das Grauen des Stellungskampfes in den Schützengräben. Die Schreie der Sterbenden, die Brutalität, die Angst, den Hunger und den Dreck.

Höchstmass an Authentizität

Er sei kein Historiker, fügt Tardi einschränkend hinzu. Doch auch wenn er keine chronologisch genaue Darstellung des Ersten Weltkriegs in Comic-Form abliefert – er wird dies, zusammen mit dem Historiker Jean-Pierre Verney in dem Graphic Novel «Elender Krieg» nachholen – legt er mit seinem im Original bereits 1993 erschienenen Comic eines der eindrucksvollsten Bücher über den Ersten Weltkrieg vor. Tardi richtet seinen Blick ganz auf die einfachen Soldaten und erreicht damit ein Höchstmass an Authentizität. «Der Grabenkrieg» ist ein Antikrieg-Comic, der unter die Haut geht, indem er die ganze Grausamkeit zeigt. Die Bilder der entstellten Verwundeten und zerfetzten Leichen machen ihn darum zu keinem Comic für Zartbesaitete.

Jacques Tardi, Jahrgang 1946, hat sich einen Namen mit Krimiadaptionen nach Romanen von Léo Malet und Jean-Patrick Manchette gemacht. Bekannt ist auch seine phantastische Comic-Serie «Adeles ungewöhnliche Abenteuer», die 2010 von Luc Besson verfilmt wurde. Doch sein grosses Thema sind die beiden Weltkriege. Tardis Grossvater war im Ersten Weltkrieg im Fronteinsatz, sein Vater diente als Soldat im Zweiten Weltkrieg und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft. Im Literarischen Colloquium Berlin ist bis Anfang April eine Ausstellung über Tardis Werk zu sehen.

Je länger, umso düsterer

Anders als «Der Grabenkrieg» ist «Elender Krieg» ein Band, der ohne Sprechblasen auskommt. Textkästen schildern die aneinandergereihten Ereignisse – jedes Kriegsjahr wird auf etwa 15 Seiten abgehandelt –, wiederum aus der sehr persönlichen Sicht eines einfachen Soldaten.

Beide Comic-Romane sind gerade in einer überarbeiteten Neuauflage in der Zürcher Edition Moderne erschienen. Während «Der Grabenkrieg» in Schwarzweiss gehalten ist, präsentiert der französische Comic-Autor «Elender Krieg» in Farbe. Die Farben werden dabei sehr gezielt eingesetzt. Die euphorische Stimmung bei Kriegsausbruch findet ihren Widerhall in bunten Bildern. Doch je länger der Krieg andauert, je mehr Tote zu beklagen sind, desto düsterer werden die Zeichnungen, bis schliesslich Grautöne alles überdecken.

Eindrückliche Geschichtsstunde

Am Ende gibt es keine Sieger. Der französische Soldat, der als Erzähler durch das Geschehen begleitet hat, sitzt verbittert und resigniert in einem Pariser Bistro. «Elender Krieg», das im Anhang eine umfangreiche Fotodokumentation Verneys enthält, ist eine eindrucksvolle Geschichtsstunde in Comic-Form. Ebenso erschreckend wie informativ wird das Elend des Krieges vor Augen geführt. «Putain de guerre!» heisst der Band im französischen Original: «Scheisskrieg».

Tardi: Der Grabenkrieg. Edition Moderne Zürich 2014. 128 S. Fr. 36.– Jacques Tardi/Jean-Pierre Verney: Elender Krieg, 1914–1919. Edition Moderne, Zürich 2014. 144 S. Fr, 46.–

Bild: FLORIAN WEILAND

Bild: FLORIAN WEILAND