Bit-Tuner verzichtet auf Beats: Der St.Galler Musiker überrascht mit seinem siebten Album «EXO»

Der elektronische Musiker Bit-Tuner hat in Athen und Kairo Klänge gesammelt und daraus ein neues Album gemacht. Live führt er es im Palace als audiovisuelle Show auf, bebildert mit Animationen des Digitalkünstlers Joerg Hurschler.

Timo Posselt
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Als sei eine invasive Pflanze mit der Grafikkarte des Computers verwachsen: der Digitalkünstler Joerg Hurschler hat zum Sound von Bit-Tuner Bilder animiert.

Als sei eine invasive Pflanze mit der Grafikkarte des Computers verwachsen: der Digitalkünstler Joerg Hurschler hat zum Sound von Bit-Tuner Bilder animiert. 

PD

Athen 2016. Eine Stadt in Aufruhr. Die Menschen sind wütend. Ihrem Zorn über Auslandschulden und Wirtschaftskrise machen sie mit Protesten Luft. Gleichzeitig bereitet sich die Stadt auf die grösste Kunstveranstaltung Europas vor: Die Documenta soll 2017 in der griechischen Hauptstadt steigen.

Mitten in diese Gemengelage reist der St.Galler Musiker Marcel Gschwend alias Bit-Tuner. Während seine Partnerin für die Kunstausstellung arbeitet, streift er mit seinem Aufnahmegerät durch die Stadt. Gschwend sammelt «Field Recordings» – Feldaufnahmen.

Marcel Gschwend alias Bit-Tuner

Marcel Gschwend alias Bit-Tuner

PD

Nach zwei Jahren in der griechischen Metropole und einem weiteren Aufenthalt im ägyptischen Kairo giesst er die dunkel vibrierenden Stimmungen der beiden Städte in neue Tracks. Zusammen bilden sie das siebte Bit-Tuner-Album «EXO».

Das Album «EXO» ist eine fiepende Landschaft

Falsch. So stimmt das nicht. Denn «EXO» ist kein Album. Es klingt zumindest nicht so. «EXO» verlangt ungeteilte Aufmerksamkeit. Zu «EXO» wird man nie tanzen können, höchsten zucken. Denn «EXO» schenkt uns keinen einzigen Beat. Hört man «EXO» laut zu Hause, fragt die Mitbewohnerin, welchen Science-Fiction-Film man schaut. Hört man «EXO» live, wird es einem entweder umhauen oder nachhaltig verstören. Oder beides.

Denn «EXO» ist ein schwärzendes Virus, ein virtuelles Gemälde, eine fiepende Landschaft. Und: «EXO» erzählt eine Geschichte. Natürlich ist der Plot diffus. Das Einzige, was sich mit Sicherheit sagen lässt: Die Welt liegt im Argen.

Der Digitalkünstler Joerg Hurschler hat den Sound von Bit-Tuner verfilmt: Fleischige Tentakel wabern durch bedrückende Räume in Pastell. Es sieht aus, als sei eine invasive Pflanze mit der Grafikkarte des Computers verwachsen und spuckte nun ihre verpixelt-organischen Visionen auf den Bildschirm. Heute Abend wirft Hurschler sie erstmals live zu den Klängen von Bit-Tuner auf die Leinwand des Palace.

Fleischige Tentakel wabern durch bedrückende Räume: Einblick in die neuen 3D-Visuals der Bit-Tuner-Live-Show.

Fleischige Tentakel wabern durch bedrückende Räume: Einblick in die neuen 3D-Visuals der Bit-Tuner-Live-Show. 

PD

St.Gallen kennt keinen vielseitigeren Musiker als Marcel Gschwend. Nach der KV-Lehre in der St.Galler Textilbranche setzt er alles auf den Sound: Ohne Masterplan und Ziel will er nur Musik machen. Dafür arbeitet Gschwend nebenbei zwei Tage die Woche als Kaffeeröster und tüftelt hauptberuflich an Klängen.

Solotüftler und Stahlberger-Bassist

2006 schickt ihn die städtische Kulturförderung für ein halbes Jahr ins Residenzatelier nach Berlin. Gschwend vergräbt sich im Sound. Schliesslich folgen erste Kooperationen: Für ein Tanzstück im Theater St.Gallen zimmert er die Klangkulisse, bespielt später Modeschauen und vertont Filme.

Seit der Schulzeit ist er Bassist. Gschwend erwog gar zeitweilig ein Studium an der Jazzschule. Heute spielt er den Bass in der erfolgreichsten Band der Stadt: Stahlberger. Kürzlich veröffentlichte er zudem mit dem Rapper Göldin sein drittes gemeinsames Album «D.R.A.M.A.». Seit dem Umzug nach Zürich spielt Gschwend jeden letzten Donnerstag im Monat im Club Helsinki mit der Ansage: «Bit-Tuner at work» – Bit-Tuner bei der Arbeit. 89-mal in acht Jahren ist er so aufgetreten.

Montag bis Donnerstag im Studio

Heute lebt Marcel Gschwend von der Musik. Montag bis Donnerstag verkriecht er sich in sein kleines Studio am Zürcher Stadtrand. Freitag und Samstag tritt er auf. Als Künstler ist er unermüdlich, vorwitzig, kompromisslos. Bit-Tuner zielt weder aufs grosse Publikum noch auf institutionelle Anerkennung. Verdient hätte er beides.

7.12.. 22 Uhr, Palace
(Support und DJs: Belia Winnewisser und Ink!)