Bis zum bitteren Ende

Das Theater Konstanz zeigt in der Spiegelhalle eine Bühnenversion von Peter Stamms Roman «Agnes». Sie zerlegt ihn in die Einzelteile und setzt diese neu zusammen.

Brigitte Elsner-Heller
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Kammerspiel im Schneetreiben: Elisabeth-Marie Leistikow (links) als ältere Agnes, Natalie Hünig als junge Agnes und Ich-Erzähler Georg Melich. (Bild: pd/Bjørn Jansen)

Kammerspiel im Schneetreiben: Elisabeth-Marie Leistikow (links) als ältere Agnes, Natalie Hünig als junge Agnes und Ich-Erzähler Georg Melich. (Bild: pd/Bjørn Jansen)

«Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.» Erste Sätze heben sich in der Literatur gern vom Rest des Textes ab, und wenn der Autor ambitioniert ist, entwirft er darin gleich eine Chiffre für alles Folgende. So auch der Schweizer Peter Stamm in seinem Roman «Agnes» von 1998. Es gibt hier also die junge Frau Agnes, eine Figur, die in der Geschichte Realität für sich beansprucht. Und dann entwickelt sich die Geschichte in der Geschichte, in der ein erfolgloser Autor seine Beziehung zu Agnes in eine Erzählung übersetzt, die auch die Zukunft nach und nach mit einbezieht. Eine fatale Entscheidung.

Gedankenspiel als Kammerspiel

Stamms Roman ist ein Gedankenspiel, das als Kammerspiel angelegt ist. Es ist eine stille Geschichte, bei der man wie durch einen Vorhang zuschaut. Das Theater Konstanz hat nun die Spiegelhalle zum Austragungsort dieses Kammerspiels erkoren, hat den Roman für die dramatische Fassung in seine Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt. Oder eher: Man präsentiert die Fragmente in nichtlinearer Reihenfolge, so, als wolle man die Fragilität menschlicher Beziehungen noch eine Stufe weiter ausloten (Dramaturgie: Adrian Herrmann).

Dazu ist das Paar «Ich-Erzähler und Agnes» überdies gleich in zweifacher Ausführung auf der Bühne anzutreffen. Während Natalie Hünig und Georg Melich tendenziell die junge, weitgehend unbeschwerte Phase der sich entwickelnden Liebe auf die Bühne bringen, stehen Elisabeth-Marie Leistikow und Ralf Beckord mehr für das belastende Ende, für die Momente, in denen Realität und Fiktion sich überkreuzen.

Regisseurin Holle Münster hat dieses Spiel, das für «Uneingeweihte» nicht immer leicht zu entziffern sein dürfte, in eine karge Traumlandschaft eingebettet, in der unaufhörlich Schnee rieselt – der Schnee, in dem Agnes wohl am Ende Erlösung gesucht haben dürfte. Das Bild mag stimmig daherkommen, doch die Metapher, die auch Peter Stamm für sein Finale benutzt, wirkt doch auch klischeehaft (sie erinnert zudem an Robert Walsers Ende).

Vom Leben abgeschnitten

Die Figuren, die Peter Stamm entwirft, sind abgeschnitten vom pulsierenden Leben. Agnes' Kontakte beschränken sich auf die Mitglieder eines Quartetts, in dem sie Cello spielt, während der Ich-Erzähler sich noch auf die Reize von Louise einlässt, nachdem Agnes eine Fehlgeburt erlitten hat. Peter Stamms Entwurf wird immer leiser in der Engführung des Lebens, während auf der Bühne die Gefühle durchaus Lautstärke für sich beanspruchen. Suchte die Regisseurin Holle Münster damit einen Weg, einen Ausweg aus dem Dilemma, dass im Roman anders agiert werden kann als auf der Bühne?

Der Egoismus des Ich-Erzählers

Die Schauspieler haben gegeben, was sie konnten, doch eine Verschmelzung der Figuren mochte nicht so recht gelingen. Eine weitere Herausforderung bestand zudem darin, die Kurzzeitgeliebte Louise noch mit auf die Bühne zu bringen. Reicht da ein Paar gelbe Schuhe, um «umzusteigen»? Oder sollte Louise damit nur zu einer anderen Agnes werden, die im Angebot ist? Dem Egoismus und der Unfähigkeit des von Peter Stamm gezeichneten Ich-Erzählers könnte diese Interpretation gerecht werden.