Bis die Seele schmerzt

Neun Jahre hat das Festival da Jazz in St. Moritz an der Verpflichtung von Diana Krall laboriert. Ihr Konzert belegt eindrucksvoll, wieso sich jeder einzelne Tag des Wartens gelohnt hat.

Michael Hasler
Merken
Drucken
Teilen
Diana Krall bereitete dem Publikum in zwei Stunden ihre ganze musikalische Welt aus und bescherte St. Moritz einen grossen Abend. (Bild: fotoSwiss.com/cattaneo)

Diana Krall bereitete dem Publikum in zwei Stunden ihre ganze musikalische Welt aus und bescherte St. Moritz einen grossen Abend. (Bild: fotoSwiss.com/cattaneo)

Knapp nach 20 Uhr, noch eine Viertelstunde vor der offiziellen Türöffnung, ist der Parkplatz vor dem Dracula Club am Samstagabend mit einer adretten Auswahl an Ferraris, Maseratis, Porsches und Mercedes restlos besetzt. Auch die hoch aufgeschossenen Hostessen beim Empfang der wichtigsten Location des Festival da Jazz in St. Moritz wirken aufgeregter als auch schon.

Die Presseverantwortliche warnt präventiv davor, dass allenfalls keine Bilder gemacht werden dürfen. Will heissen, die vielleicht erfolgreichste Jazzerin der Gegenwart, Diana Krall, hatte schlechte Laune. Im Club selber, ein schmuckloser Holzstadel, in dem sich die Weltelite des Jazz im intimen Setting die Ehre gibt, sind die besten Plätze 60 Minuten vor Konzertbeginn bereits besetzt. Man würde dem Festival fundamental Unrecht tun, es als Treffpunkt der Geldprominenz abzutun. Denn wer hierher kommt, tut dies in allererster Linie wegen der Musik.

Norman Foster im Publikum

Dies gilt an diesem Abend auch für Stararchitekt Sir Norman Foster, Gunter Sachs' Sohn Rolf oder Hans Marquardt. Diana Krall lässt gegen 21 Uhr tatsächlich noch etwas auf sich warten. Festivaldirektor Christian Jott Jenny, der sich vorzugsweise Director of Art nennt, greift zum Mikrophon: «Vor neun Jahren hatte ich den Traum, Diana Krall nach St. Moritz zu holen und habe drei Jahre lang auf eine Antwort ihres Managements gewartet», eröffnet er den Abend mit einer markigen Pointe. «Nun ist sie hier und wird hoffentlich gleich bei uns sein», seine gemimte Zuversicht klingt beinahe wie ein Stossgebet.

Scheu und zurückhaltend

Wenige Minuten später steht sie tatsächlich keine 50 Zentimeter entfernt vor ihrem Publikum. Sie ist kleiner und schlanker, als dies das Internet erwarten lässt, aber so zurückhaltend, ja scheu, wie dies immer wieder kolportiert wurde.

Weit aus ihrer Komfortzone

So bald als irgend möglich vergräbt sie sich dann hinter ihrem Klavier und lässt auch ihr etwas allzu «amerikanisches» Kleid vergessen. Was dann folgt, ist ein Gipfeltreffen an Spielfreude, Intimität, graziöser Melancholie und unlimitiertem Können. Spätestens nach zwei Songs ist klar, dass sich die 51-Jährige hier oben, im vielleicht exklusivsten Jazzclub der Welt, weit aus ihrer Komfortzone herausbewegen wird. Standards wie «I have a feeling», die auf ihren mehr als 15 Millionen Mal verkauften Tonträgern übertemperiert ins SmoothJazz-Genre abzudriften drohen, werden an diesem Abend zu 13minütigen Jazzabenteuern. Dass dies auf diesem Champions-League-Niveau gelingt, liegt auch an Kralls exquisiter Band. Allen voran Anthony Wilson an der Gitarre erweist sich als eine zweite Entdeckung des Abends. Seine Soli sind kraftvoll, virtuose, intelligent und sein Verstärker scheint immer wieder entzückt aufzuschreien.

Spätestens nach dem hingehauchten Arrangement der Ballade «How deep is the ocean» sind die Herzen des Publikums wieder ausschliesslich in der Hand der melancholischen Jazzgöttin. Jene leidet sich so wunderbar unaufdringlich durch ihre Gesangslinie, dass die Haut rebelliert und später auch die Seele schmerzt. Sie ist – ohne Zweifel – eine Spätherbstfrau. Eine, mit der man gerne einen Spaziergang durch die letzten sterbenden Blätter vor dem Wintereinbruch machen würde. Nach zwei Stunden hat sie ihre Welt ausgebreitet, ohne jegliche Distanz, vielleicht ein halbes Dutzend Sätze gesagt, aber das Publikum ist in ihr versunken. Ein grosser Abend – ein ganz grosser sogar.