BIOPIC: Mit Himmelblau gegen das Grau des Lebens

Das Leben der kanadischen Folk-Art-Malerin Maud Lewis war hart und wundersam. Sally Hawkins spielt sie im Film «Maudie» so eindrucksvoll, dass sie dabei alle Kitsch-Klippen umschifft.

André Wesche
Merken
Drucken
Teilen
Zwei Aussenseiter: Everett (Ethan Hawke) und Maud (Sally Hawkins). (Bild: Frenetic Films)

Zwei Aussenseiter: Everett (Ethan Hawke) und Maud (Sally Hawkins). (Bild: Frenetic Films)

Eine sichtlich eingeschränkte, ­ältere Dame schwingt mit Mühe, aber auch mit einer grossen Zärtlichkeit den Pinsel. Ihre Farben hat sie in alten Fischbüchsen angerührt. Die Malerei ist naiv, Volkskunst. Diese Frau ist die Kanadierin Maud Lewis (1903 –1970), dargestellt von der wundervollen Sally Hawkins. Der ausnehmend schöne Film «Maudie» wurde von der Irin Aisling Walsh als Künstlerbiografie, Aussenseiterstory und Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe in Szene gesetzt. Nach dem Tod der Eltern wird Maud von ihrem Bruder bei einer Tante einquartiert. Die junge Frau, deren Körper seit ihrer Jugend schwer von rheumatischer Arthritis gezeichnet ist, kann angeblich kein selbstständiges Leben führen. Das Elternhaus ist längst verkauft und Maudes wenige Habseligkeiten werden ihr in einem Karton ausgehändigt.

Aber sie denkt keinen Augenblick daran, als alte Jungfer zu enden. Als der örtliche Fischhändler und Gelegenheitsarbeiter Everett Lewis (Ethan Hawke) via Aushang nach einer Frau sucht, die seinen Haushalt schmeisst, ergreift Maud die Gelegenheit. Everett tritt recht aggressiv auf und hat intellektuelle und soziale Defizite. Seine winzige Hütte bedarf dringend einer helfenden Hand. Die Annäherung der beiden Aussenseiter gestaltet sich zunächst schwierig. Aber während sich die Leute die Mäuler zerreissen, lernt Everett die Frau im Hause sehr zu schätzen. Schliesslich heiratet er sie sogar. Und Maud, die in jeder freien Minute malt, wird bald zum Einkommen beitragen.

Selbst Präsident Nixon möchte einen «Maud Lewis»

Die elegante New Yorkerin Sandra (Kari Matchett), die ein Ferienhaus in der Gegend bewohnt, erkennt das Potenzial der schlichten, farbenfrohen Motive. Sie kauft Maud erste Werke ab und sorgt dafür, dass die Künstlerin bekannt wird. Schliesslich berichten sogar die grossen Medien von der kleinen, lebensfrohen und genügsamen Frau. Und selbst Präsident Nixon möchte einen echten «Maud Lewis» erstehen. Die Hauptdarsteller Sally Hawkins und Ethan Hawke mögen zwar etwas attraktiver als die realen Vorbilder sein, aber sie beide spielen ihre Rollen mit sehr viel Herzblut. Schnell hätte ihre Vorstellung ins unfreiwillig Komische umschlagen können. Aber unter einer stilsicheren Regie werden die Figuren nie blossgestellt oder diskreditiert. Wenn Maudie lacht, geht auf der Leinwand die Sonne auf. Everett lacht hingegen nie. In seiner vielleicht besten Rolle spielt Ethan Hawke ausgerechnet einen Mann, der nie gelernt hat, seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen. Und doch ist seine Darbietung zutiefst gefühlvoll. Sally Hawkins muss freilich niemandem mehr etwas beweisen.

André Wesche

«Maudie» ab sofort im Kino