Biographie, rückwärts

DVD YUSUF-TRILOGIE Zahlreich waren die Preise – darunter der Goldene Bär an der Berlinale – und begeistert Publikum und Kritik über «Bal – Honig», den Spielfilm von Semih Kaplanolu um den schüchternen, siebenjährigen Yusuf.

Drucken
Teilen

DVD YUSUF-TRILOGIE

Zahlreich waren die Preise – darunter der Goldene Bär an der Berlinale – und begeistert Publikum und Kritik über «Bal – Honig», den Spielfilm von Semih Kaplanolu um den schüchternen, siebenjährigen Yusuf. Der begleitet am liebsten seinen Vater in die Wälder, wo dieser Honig sammelt. Mit dem Erfolg von «Bal» wurde eigentlich erst allgemeiner bekannt, dass der 1963 in Izmir geborene Regisseur hiermit eine Trilogie abgeschlossen hatte. Vorausgegangen waren «Yumurta– Ei» (2007) und «Süt - Milch» (2008). Erzählerisch aussergewöhnlich an der Trilogie: Der türkische Regisseur hat die fiktive Biographie des Dichters Yusuf auf den Kopf gestellt; er begann mit dem 40jährigen Yusuf, darauf folgte «Süt», worin der 20jährige Yusuf seinen Weg im Leben sucht und danach «Bal» mit dem Schulbuben zum Schluss.

In welcher Chronologie man sich die Filme ansieht, spielt keine Rolle. Semih Kaplanolu erzählt sie so, dass jede für sich funktioniert. Und die Beziehungen und Verweise unter den Filmen schillern in beide Richtungen. In «Süt» bringen sich Yusuf und seine Mutter damit durchs Leben, dass sie vom Verkauf der Milch und des Käses ihrer Kühe leben. Und der jugendliche Mann schöpft Hoffnung auf eine andere Zukunft, als sein erstes Gedicht veröffentlicht wird. In «Yumurta» kehrt Yusuf nach langer Zeit von der Stadt zurück ins Dorf der Kindheit, weil seine Mutter gestorben ist. Er will schnell wieder weg, muss aber ein Versprechen einlösen und einen Widder opfern. Tradition und Moderne, Pflichten und Sehnsüchte sind in allen drei Filmen wichtige Themen.

Manche Rituale und Verhaltensweisen bleiben für einen zentraleuropäischen Zuschauer rätselhaft. Doch im Kern drehen sich die Geschichten um universelle Fragen wie Freundschaft, Eltern, Liebe und Trauer. Eine bedeutende Rolle wird der Natur als eine sinnliche Erfahrung eingeräumt. Besonders ausgeprägt ist das in «Bal», aber in den beiden weiteren Filmen widmet sich Kaplanolu dem Blick auf und dem Verhältnis zur Natur ebenso. So wird der 40jährige Yusuf erst am Schluss, allein auf einem weiten, nächtlichen Feld, bewacht von einem Hund, um seine verstorbene Mutter weinen können.

Yusuf-Trilogie (Türkei 2007–2010), R: Semih Kaplanolu, D: Nejat Isler, Melih Selçuk, Bora Altas (Yusuf); Saadet Isil Aksoy; Trigon Film, DVD-Edition 190

Andreas Stock