Bilder einer pulsierenden Moderne: die Ziegelhütte wird zum Musikladen

In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden Notenblätter von populären Musikstücken mit Titelblättern illustriert. Die Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell zeigt 200 solche Musiktitel. Diese sind vom Zeitgeist geprägt: Wild, bunt und modern.

Urs-Peter Zwingli
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Das Ehepaar Dora und Walter Labhart hat die ausgestellten Musiktitel auf Reisen durch Europa, die USA und Südamerika zusammengesucht. (Bild: Urs Bucher)
12 Bilder
René Magritte gestaltete das Notenblatt eines Stücks der Langlois-Brüder. (1926) (Bilder: PD)
Titel von Jacques Thévenet zur Partitur von Arthur Honeggers Pacific 231. (1924)
Emmy Sagais Notenblatt-Umschlag von Oh, Donna Clara! (1930)
Beziehung zwischen Musik und bildendereKunst schon vor dem Art déco: Pablo Picasso gestaltete das Notenblatt eines Ragtime von Igor Strawinsky. (1919)
Max Bill's Cover einer Partitur von Vladimier Vogel
Canon Inc

Das Ehepaar Dora und Walter Labhart hat die ausgestellten Musiktitel auf Reisen durch Europa, die USA und Südamerika zusammengesucht. (Bild: Urs Bucher)

Die Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell hat in ihrer über 450-jährigen Geschichte viele Wandlungen durchgemacht: Einige Jahrzehnte nach ihrer Erstellung zerstörte 1606 ein Sturm das Holzgebäude. Nach dem Wiederaufbau fertigten Arbeiter noch bis 1957 Ziegel nach traditioneller Art an. Danach stand das Gebäude leer, es drohte der Abriss – bevor das Industriedenkmal 2003 als Kulturzentrum eröffnete.

Aktuell hat sich das Innere der Ziegelhütte, das von altem Mauerwerk, Holzbalken und Betonkuben geprägt ist, in einen Musikladen verwandelt: Die Noten­hefte zu Musikstücken mit Titeln wie «Mach dir doch ‘nen Bubikopf», «Saxofon Suzi» oder «Du siehst ja aus wie ein Mann, mein Schatz» sind im hellen Ausstellungsraum im Obergeschoss in dichten Reihen in an die Wand gelehnten Vitrinen präsentiert. «So soll der Eindruck entstehen, man wandle durch einen Musikkiosk», sagt Roland Scotti, Kurator der Ziegelhütte, beim Rund­gang durch die am Freitag eröffnete Ausstellung «Oh, Donna Clara». Diese zeigt über 200 Musiktitel – das sind Deckblätter von Notenbögen – aus der Zeit des Art déco in den 1920er- und 1930er-Jahren.

Getriebener Musiksammler hinter Ausstellung

Es ist ein wilder Mix von Formen, Farben und Schriften, der den Museumsbesuchern entgegenspringt. «Die Künstler des Art déco wollten die pulsierende Moderne der Zwischenkriegszeit festhalten. Sie haben sich an den verschiedensten Stilen bedient. Grenzen oder Regeln der Gestaltung gab es kaum», erklärt Scotti die optische Vielfalt.

Zusammengetragen hat die raren Musiktitel das Ehepaar Dora und Walter Labhart. «Auf Reisen durch Europa, die USA und Südamerika haben wir die ausgestellten Exemplare vor Jahrzehnten zusammengesucht», sagt der 75-jährige Musikforscher und Kulturjournalist ­Walter Labhart. Seine Frau erinnert sich mit einem Schmunzeln:

«Das bedeutete, in einfachen Hotels unterzukommen und Antiquariate zu durchstöbern.

Der im aargauischen Endingen lebende Walter Labhart ist ein getriebener Sammler von allem, was mit Musik verschiedenster Genres zu tun hat. «In unserem Haus lagern mehrere 10 000 Partituren, Tonträger, Handschriften und eben auch Titelblätter von Musiknoten», erklärt er. Die Sammlung umfasst die Jahre 1800 bis etwa 1933. Die Musiktitel in der Ziegelhütte sind wohl einige der knalligsten Werke, die in dieser in der Schweiz einmaligen Bibliothek erfasst sind.

Berichte aus einer bewegten Zeit

Die Titel berichten von einer bewegten Zeit. Zwischen den Weltkriegen herrschte eine gesellschaftliche und technologische Aufbruchsstimmung: Jazzmusik wurde populär, Frauen trugen kurze Haare, das Nachtleben pulsierte und immer mehr Autos rollten über die Strassen. «Die Verbreitung des Radios hat damals dazu geführt, dass viel mehr Musik die Menschen erreichte», sagt Kurator Scotti. «So wurden die Musiknoten begehrt.»

«Die Menschen wollten, was sie im Radio hörten, zu Hause oder in Kneipen nachspielen und -singen.»

Auch die zentrale Stellung des Radios wird von der Ausstellung aufgegriffen: Im Zentrum des Raumes stehen originale Radios der Epoche aus der Sammlung des Röhrenradio-Museums Ledergerber in Bühler.

Die Musiktitel sind – entsprechend den Möglichkeiten der damaligen Zeit – alle von Hand gezeichnet. Sie zeigen vor allem stilisierte Menschen im weiten Kontext von Tanz, Liebe und Musik. Die Titel im «Musikkiosk» sind zur Orientierung in Themenblöcke wie «Liebelei», «Lost Love», «Dandy und Vamp» und «Tango» gegliedert. Von einem damals populären Tangostück ist der Ausstellungstitel «Oh, Donna Clara» entlehnt. Musikforscher Labhart hat 2017 zum Thema ausserdem ein gleichnamiges Buch herausgebracht.

Von Jazz und Blues über Schlager bis zu zeitgenössischer Klassik

Labharts Hang zur akribischen Recherche zeigt sich in einem liebevollen Detail: Von allen 56 Grafikern, die Musiktitel gestaltet haben, haben Labhart und Scotti Kurzbiografien zusammengetragen. Bei einigen Namen heisst es nur «Lebensdaten unbekannt». Das weist auf die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs hin, welcher der interna- tional ausgerichteten Art-déco-Be- wegung ein Ende setzte – und viele Grafiker und Künstler vergessen machte. «Wir wollen Gelegenheit bieten, die Bilder und die Musik von damals neu zu entdecken», sagt Scotti. Die ausgestellten Musikstücke – sie reichen von Jazz und Blues über Schlager bis hin zu zeitgenössischer Klassik – werden in mehreren Konzerten in der Ziegelhütte wiederaufgeführt.

Über dem «Kiosk» werden im Obergeschoss zeitliche Vorläufer des Art déco gezeigt, darunter grosse Namen: So ist ein Musiktitel, den Pablo Picasso für einen Ragtime von Igor Strawinsky illustriert hat, zu sehen. Zudem liegen Musiktitel des spanischen Surrealisten Salvador Dalí, des Schweizer Künstlers Max Bill sowie des französischen Malers Jean Cocteau aus. Sie zeigen, dass die Beziehung zwischen der Musik und der bildenden Kunst schon vor dem wilden Art déco fruchtbar war.

Während der Ausstellung wird ein Rahmenprogramm mit Führungen und Konzerten für Erwachsene und auch Kinder angeboten. Dieses ist aufrufbar unter www.h-gebertka.ch/home