Bilder als Mahnmal

Der Maler Gerhard Richter hat seinen «Auschwitz-Zyklus» vollendet. Fünf Jahre hat der 83-Jährige, einer der weltweit wichtigsten Maler, daran gearbeitet. Das Unfassbare lässt sich nicht gegenständlich darstellen, nur im Abstrakten.

Roland Mischke
Drucken
Teilen
Der Meister und «Ella»: Gerhard Richter beim Hängen seiner Werke. (Bild: Oliver Killig)

Der Meister und «Ella»: Gerhard Richter beim Hängen seiner Werke. (Bild: Oliver Killig)

Aufblitzendes Weiss versackt in fahlem Grau. Schwarze Fetzen wirken bedrohlich. Rot und Grün wollen sich ins Bild schieben, werden aber von dunkleren Farbtönen überlappt. Als fiele Ascheregen auf die rechteckigen Formate.

Flammend rote Linie

Auf einem der Bilder hebt sich eine unterbrochene Horizontlinie, flammend rot, aus dem matschartigen Ganzen heraus. Doch es ist abzusehen, dass sie von den düsteren Farben angenagt und bald absorbiert werden wird. Helle Schlieren kämpfen um ihren Platz, sie schreien stumm. Es sind übereinander gebrachte Bildschichten, die bei der Betrachtung eine plastische Tiefe öffnen, die dann keiner Erklärung mehr bedarf.

Die Bilder sind viele Male mit Schabeisen und Rakel bearbeitet worden. Sie haben grosse Masse, jedes 260 mal 200 Zentimeter. Sie wurden an der Längswand im Oberlichtsaal in der Galerie Neue Meister im Dresdner Albertinum nebeneinander gehängt, was ihre Wirkung erhöht.

Lang erwarteter Abschluss

Sie stellen den lang erwarteten Abschluss von Gerhard Richters Serie «Abstrakte Bilder(973/4)» dar, vier abstrakt gemalte Gemälde, der «Auschwitz-Zyklus». Fünf Jahre hat der jetzt 83-Jährige – mit grossen Abständen – daran gearbeitet. Das Unfassbare lässt sich nicht gegenständlich darstellen, das Abstrakte ist aber eine Möglichkeit, ihm zu begegnen.

Fotos mit Schmuggelkamera

Es gibt für sie eine Vorlage. Im Sommer 1944 hatten zwei Häftlinge, die dem polnischen Widerstand entstammten, mit einer eingeschmuggelten Kamera im KZ Auschwitz-Birkenau, drei Kilometer vom Stammlager Auschwitz I entfernt, fotografiert. Die vier Aufnahmen zeigen, wie Frauen in die Gaskammer getrieben und ihre Leichen nach dem Gifttod verbrannt werden. Die Häftlinge gehörten zu einem streng isolierten Sonderkommando, sie wurden gezwungen, die Opfer zu töten, – und danach selbst ermordet. Eine infame Methode, um keine etwaigen Zeugen zu haben.

1,1 Millionen Häftlinge, davon eine Million Juden, wurden in dem Vernichtungslager in Auschwitz zu Opfern des Nationalsozialismus. Die Exekutionen fanden Zeugen und SS-Tätern zufolge regelmässig statt, aber sie waren nicht dokumentiert. Diese Fotografien belegen das Ungeheuerliche. Die belichteten Filmstreifen schmuggelte eine Frau, die in der SS-Kantine arbeitete, in einer Tube nach draussen. Richter hat die Bilder bei seinen Streifzügen durch Archive aufgespürt und über Jahre an der Wand seines Ateliers hängen lassen. Immer wieder schaute er sie an, bis sich eine Idee der künstlerischen Umsetzung einstellte.

Kontrapunkt zur Romantik

Der weltweit sehr gefragte und derzeit teuerste lebende Maler beschäftigt sich seit etwa 50 Jahren mit den NS-Konzentrationslagern. Es war abzusehen, dass Gerhard Richter ein weit weg vom Naturalistischen und Figürlichen entstehendes Werk schaffen würde.

Seine Serie ist auch ein einzigartiges Mahnmal. 1932 wurde Gerhard Richter in Dresden geboren, die NS-Zeit hat er als Kind miterlebt. Es ist kein Zufall, dass er die Stadt für diese Gemälde aussuchte, er hat sie sogar eigenhändig an der Wand befestigt. Sie sind zum ersten Mal zu sehen. Richter konterkariert damit die Romantik Dresdens, für die Maler wie Caspar David Friedrich und Ludwig Richter stehen.

Der Künstler hat eine eigene Suite im Albertinum. Durch das Einbringen der Zyklus-Bilder sind die vorhandenen Gemälde umgehängt worden. Zu ihnen gehört «Ella», das Bild seiner halbwüchsigen Tochter, das am Eingang des Saales zu betrachten ist. Das Kind auf dem Brustbild hat die Augen niedergeschlagen – das ist die einzig richtige Haltung vor dem «Auschwitz-Zyklus».

Gerhard Richter im Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister, bis 27. September, geöffnet Di–So 10–18 Uhr, www.skd.museum

Der Auschwitz-Zyklus ist vollendet: Gerhard Richters «Abstrakte Bilder» (973/1–4) in der Neuen Galerie der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. (Bild: David Brandt)

Der Auschwitz-Zyklus ist vollendet: Gerhard Richters «Abstrakte Bilder» (973/1–4) in der Neuen Galerie der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. (Bild: David Brandt)