BIENNALE WEIERTAL: Bomben im Bachbett

Zum fünften Mal lädt der Kulturort Weiertal in Wülflingen bei Winterthur zur sommerlichen Skulpturenschau. Zwanzig Kunstschaffende bespielen den idyllischen Ort und loten das Thema Refugium im politischen Kontext und im Dialog mit der Natur aus.

Martin Preisser
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Kunstinstallation auf dem Weiher: «Contradictory Complicities» von Monica Ursina Jäger und Michael Zogg (Bild: .)

Kunstinstallation auf dem Weiher: «Contradictory Complicities» von Monica Ursina Jäger und Michael Zogg (Bild: .)

Martin Preisser

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@tagblatt.ch

Städter brauchen die Natur als Refugium, als Rückzugs- und Regenerationsort. Als Ort zum Aufatmen. Um viel mehr als nur ums Aufatmen geht es bei den Flüchtlingen, nämlich um ein kleines Stück Sicherheit, um eine Chance auf Überleben und menschenwürdiges Leben. «Refugium», die neue Skulpturenausstellung im Weiertal, thematisiert diese beiden Felder und lässt Kunst sich auf Natur beziehen, aber auch auf drängende aktuelle Migrationsfragen. Entstanden ist viel mehr als einer der üblichen Skulpturenparks. Zwanzig Kunstschaffende nähern sich dem Thema Refugium ansprechend und anspruchsvoll, klar und poetisch, sinnlich und rätselhaft.

Rückzugsorte funktionieren meist nur mit Grenzen. Das Künstlerduo Huber und Huber markiert diese mit einem gol­denen Elektrozaun. Die Schweiz als goldener Käfig? Natur als Idylle ist immer mehr auch eine bedrohte. Gregor Frehner sagt «Feuer frei!» dazu und hat den Bach durch den Kulturort Weiertal mit Bomben aus Beton «bespielt», die in der Bauart an Fliegerbomben aus dem Ersten Weltkrieg erinnern. Heile Welt ade!

Überhaupt wirkt es an manchen Ecken und Enden des Geländes recht bedrohlich, fast ein wenig wie an der ehemaligen Zonengrenze zur DDR. Ilona Ruegg geht so weit, dass sie einen durch spezielle Lackierung vom Radar nicht erfassbaren Jägerhochstand bewusst ausserhalb des Ausstellungsortes platziert. Das Refugium wird so vom Nachbargrundstück aus bewacht.

Kunst soll sich auf die Landschaft beziehen

«Sich mit dem Refugium zu beschäftigen bedeutet, über das Wesen und den Sinn von rea­len und symbolischen Grenzen nachzudenken», sagt Kuratorin Kathleen Bühler, eine mit der Schweizer Gegenwartskunst profund vertraute Kunstexpertin. Ihre Auswahl der künstlerischen Positionen, die sich bewusst auch auf die vorgegebene Landschaft beziehen sollten, bürgt für hohe Qualität und bekannte Namen. Maya Bringolf, Thomas Hirschhorn, Yves Netzhammer oder Pipilotti Rist, die den Mutterleib als Refugium im Keller des Weiertal-Anwesens mit einer Videoarbeit thematisiert, mögen exemplarisch für die Liste einfallsreicher Skulpturen und Installationen stehen.

Refugium, das bedeutet auch, dass Privilegierte in ihm leben, es schützen, klare Gesetze vorschreiben und definieren, wer hin­ein darf. Demgegenüber stehen die Besitzlosen, die Schutzlosen, für die Refugium erst einmal eine Verschnaufpause bedeutet. «Das Refugium lädt zur kritischen Beschäftigung mit dem Flüchtlingsproblem, der Klassengesellschaft sowie der privilegierten Lage in der Schweiz ein», sagt Kathleen Bühler, der es als Kuratorin auch ein wichtiges Anliegen war, die Natur als Mitspielerin dieser beziehungsreichen Kunstaktion einzubeziehen.

Refugium sieht sie als Begriff, der «zwiespältige Gefühle» auslöse. Musik, Klangkultur, auch das ist für viele Menschen Refugium. Die Künstlerin Maya Bringolf setzt diesem musikalischen Rückzugsort eine verstörende Installation entgegen. Direkt in der Datscha, mit romantischem Blick auf den Teich, häuft sie in der Arbeit «Trondheim» Orgelpfeifen an, verbunden mit rätselhaften Schläuchen in undurchschaubaren Kreisläufen. Statt Orgelmusik hört man beunruhigende Miss­töne. Fragen nach den oft nicht fassbaren Kreisläufen, aber auch nach unseren Wertesystemen wirft diese Arbeit auf.

Wie als Gravitationszentrum, sich ruhig auf dem Weiher bewegend, wirkt die Skulptur «Contradictory Complicities» von Mo­nica Ursina Jäger und Michael Zogg. Hier wird mit möglichst wenig Material ein Grösstmass an Architektur angestrebt. Schutz und Stabilität, aber auch Offenheit und das geheimnisvoll Treibende dieser geometrisch faszinierenden Skulptur werden in einer auch ein wenig hintergründigen, stillen Art thematisiert.

Aus vielen Einzelarbeiten entsteht ein Netz

Erfolgreich schafft es die bereits fünfte Biennale Weiertal, nicht nur qualitätvolle Kunstpositionen aneinanderzureihen. Die Arbeiten beziehen sich auch oft aufein­ander, obwohl das vorher nicht planbar war. Und durch die kuratorisch stringente Umsetzung des vielschichtigen Themas Refugium entsteht neben 17 Einzel­stationen auch ein spannendes Kunstnetz, das sich fast unmerklich über das Gelände spannt.

7000 Besucher kamen vor zwei Jahren ins Weiertal. «Unsere Skulpturenausstellungen wollen auch Toleranz erzeugen für Kunst im öffentlich Raum», sagt Organisatorin Maja von Meiss. Wie facettenreich diese Kunst sein kann, davon zeugt die ak­tuelle, recht hochkarätige Schau Schweizer Gegenwartskunst.

Bis 10. September; Kulturort Weiertal, Rumstalstrasse 55, Winterthur-Wülflingen; Mi–Sa 14–18, Fr 14–22, So 11–17 Uhr; skulpturen-biennale.ch