BIBLIOTHEKSPREIS 2017: In Wil kommt der Bücherbote zu Besuch

Sie senken die Schwellen zum Buch und sind Begegnungsorte. Gestern wurden vier ausgewählte Projekte am kantonalen Bibliothekstag vorgestellt, gewonnen hat die Stadtbibliothek Wil.

Merken
Drucken
Teilen

Allzu bescheiden und leise durfte die Präsentation im Raum für Literatur gestern nicht ausfallen. Es galt, akustisch gegen den Baulärm in der St. Galler Hauptpost anzukommen, sich mindestens so laut zu behaupten wie die Bohrmaschine in der Nähe – und die Kolleginnen und Kollegen aus den Bibliotheken der Kantone St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden zu überzeugen. Gut hörbar und einleuchtend waren alle vier Projekte, die es aus knapp zwanzig eingereichten in die engere Wahl für den zum zweiten Mal verliehenen kantonalen Bibliothekspreis geschafft hatten. Und sie beweisen eindrücklich, dass Bibliotheken die längste Zeit stille Orte waren, an denen sich nichts bewegt. Im Gegenteil: Sie verstehen sich als Vermittlungs- und Begegnungsorte, als soziale und kulturelle Baustellen.

Leseförderung ist ein sozialer Dienst

Sei es, dass sie eng mit den Schulen zusammenarbeiten, am Leitfaden des Lehrplans 21 ein Spiralcurriculum für den «Lernort Bibliothek» auf allen Schulstufen entwickelt haben, wie die Gemeindebibliothek Ebnat-Kappel. Sei es, dass sie gemeinsam mit Behinderten aus der Region das Pro-Infirmis-Label «Kultur inklusiv» erhalten haben, wie die Bibliothek Rorschach-Rorschacherberg. Ziel war ein schwellenloser Zugang zu Büchern und Medien – baulich wie inhaltlich.

Ein zweitägiges Kinder- und Jugendliteraturfestival hatte die Stadtbibliothek St. Katharinen im November 2016 auf die Beine gestellt und dabei mit einem reichhaltigen Programm rund um gruselige Monster Schulklassen und Familien begeistert. Das Festival soll künftig möglichst im Zweijahresturnus stattfinden.

Anregend und nachahmenswert seien sämtliche vorgestellte Projekte, betonte Katrin Meier, Präsidentin der Bibliothekskommission, bevor sie verriet, welches bei den Anwesenden am meisten Anklang gefunden hatte. Es ist das Projekt «Die Bibliothek kommt nach Hause» der Stadt­bibliothek Wil, vorgestellt von ­Irène Häne und Ruth Schlauri. Gedacht ist es als Angebot für ältere Kunden, denen der Weg in die Bibliothek zunehmend beschwerlich wird. In Zusammenarbeit mit Pro Senectute haben die Bibliotheksmitarbeiterinnen nach Freiwilligen gesucht: nach «Bücherboten», die die Seniorinnen und Senioren zu Hause besuchen, sich nach ihren Lesewünschen erkundigen, ihnen Bücher mitbringen und sie zurückgeben. Der soziale Aspekt ist dabei mindestens so wichtig wie die Büchervermittlung. Dotiert ist der Preis mit 2000 Franken. Blumen freilich gab es für alle – und reichlich Applaus.

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch