Bewegungstheater in Weinfelden: Vom Tier zum Menschen und zurück

Der Weinfelder Bewegungsschauspieler Samuel Mosima nutzt die Tierwelt zur humorvollen Illustration des allzu Menschlichen. In seinem zweiten Soloabend «Affengaffen» geht er der Frage nach, wie sich Tiere im Zoo fühlen. 

Rolf App
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Samuel Mosima führt im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden sein zweites abendfüllendes Programm «Affengaffen» auf. (Bild: Reto Martin)

Samuel Mosima führt im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden sein zweites abendfüllendes Programm «Affengaffen» auf. (Bild: Reto Martin)

«Affengaffen» heisst sein zweites abendfüllendes Programm, das am Freitag im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden Premiere hat, wo er auch wohnt. Im Probenraum wird rasch klar: Samuel Mosima hat es mit den Tieren.

Er brüllt wie ein Löwe und erklärt in Züritütsch, wie er sich in seinem Gehege die Welt so vorstellt. Demokratisch und multikulti, klar. Also mit Zebras und Gazellen, mit seinen Weibchen als Jägern – damit der König der Tiere zu seinem Zmittag kommt. Das einzige Problem, das er noch lösen muss: Dass die kleineren Tiere mitreden wollen. Das geht natürlich nicht.

Mosima mag Tiere, auch wenn er keine hat. Er geht mit Frau und kleinem Bub gern in den Zoo, schaut sich Tiere an und beobachtet Menschen.

«Manchmal überlege ich mir: Was könnte dieser oder jener für ein Tier sein?»

Und: Welchen Dialekt würde dieses Tier dann sprechen? Nicht nur die Tatsache, dass wir selber dieser Tierwelt angehören, verbindet uns mit ihr. Sie steckt vielmehr in uns, und wir spiegeln uns in ihr. Beobachtung und Fantasie fliessen ineinander, wir basteln uns Fantasiewesen wie das Einhorn oder träumen vom König der Tiere, der brüllend durch die Savanne stolziert.

Samuel Mosima hat das für den Fotografen demonstriert, mit ganzem Körpereinsatz. «Bewegungstheater/Kabarett» lautet denn auch der Untertitel seines Programms.

Als Berufswunsch nennt er: Clown

Zu seiner Kunst gekommen ist er über die Berufsberatung. «Ich habe nicht recht gewusst, was ich nach der Kantonsschule machen sollte», erzählt er. «Als die Berufsberaterin mich fragte, was ich am liebsten werden will, da habe ich gesagt: Clown.»

So richtig ernst gemeint habe er das nicht. Aber sie empfahl ihm die Schule Comart in Zürich, wo wie in der Scuola Dimitri im Tessin die Bewegung im Mittelpunkt der Figurentwicklung steht.

Die Tierwelt steckt in uns, und wir spiegeln uns in ihr - Samuel Mosima in seinem Soloabend «Affengaffen». (Bild: Reto Martin)

Die Tierwelt steckt in uns, und wir spiegeln uns in ihr - Samuel Mosima in seinem Soloabend «Affengaffen». (Bild: Reto Martin)

So mühelos, wie Mosima von Tier zu Tier springt, wechselt er auch den Dialekt. Und findet das gar nicht schwierig. Was mit seiner Herkunft zu tun hat: «Ich bin im ausserrhodischen Wald aufgewachsen, in einem Haushalt, in dem viele Dialekte präsent waren – die Mutter St.Gallerin, der Vater Berner, die Verwandten aus Basel und Bern. Die Appenzeller hatte ich vor der Haustüre, und der Bündner Dialekt hat mir schon immer gefallen.» So kommt eines zum andern.

Von Vorstellung zu Vorstellung gewinnt er Sicherheit

Schon in der Schauspielausbildung sind Tiere ein grosses Thema. Mosima spürt, dass da seine Stärke liegt. Zehn Jahre tanzt er bei der Choreografin Denise Lampart. Er spielt im Theater Bilitz, und er arbeitet bis heute zu fünfzig Prozent als Behindertenbetreuer. Auch das gehört zu einer Lebensschule, die einfliesst in die Kunst.

2015 wagt er den grossen Sprung mit seinem ersten Einzelprogramm. Es ist ein doppelbödiger Start. Denn in «Der Bauernhof» wird die Idylle der heimischen Tiere jäh gestört durch die Ankunft fremder Zirkustiere – was in der damaligen Flüchtlingskrise einen aktuellen Anknüpfungspunkt ergibt.

Das Wagnis lohnt sich. Die Verbindung von körperlich-sprachlicher Komik und untergründigem Ernst kommt an. «Besser, als ich erwartet habe, auch weit jenseits des Thurgaus», sagt Mosima.

Von Vorstellung zu Vorstellung gewinnt er Sicherheit. Er lernt, dass das Publikum verschiedenartig reagieren kann, und auch, dass er ihm Raum lassen muss zum Applaudieren, und nicht nur seinem eigenen Rhythmus folgen darf.

Er braucht die Aussensicht seiner Mitstreiter

Den Start erleichtert haben ihm seine Frau Anja, die auch jetzt fürs Administrative und für die Technik zuständig ist, und Roland Lötscher, der als Regisseur auch dieses Programm betreut.

Für «Affengaffen» hat Samuel Mosima Eindrücke gesammelt, dann in Improvisationen eine Geschichte entwickelt. (Bild: Reto Martin)

Für «Affengaffen» hat Samuel Mosima Eindrücke gesammelt, dann in Improvisationen eine Geschichte entwickelt. (Bild: Reto Martin)

Es geht dabei, wie Lötscher erklärt, in der Schlussphase vor allem ums Weglassen. Mosima hat Eindrücke gesammelt, in Improvisationen eine Geschichte entwickelt und sich vor ziemlich genau neun Monaten entschieden, daraus ein Programm zu formen. Erst spät ist die Geschichte zu Text geworden, der seither gestrafft wird.

Es ist auch der richtige Rhythmus, nach dem Mosima sucht, er braucht dabei die Aussensicht seiner Mitstreiter. «Ich habe meine blinden Flecken», sagt Mosima. «Da ist es gut, wenn Anja und Roland mich korrigieren.»

Samuel Mosima: «affengaffen», Premiere 13.9.2019, 20.15 Uhr, Theaterhaus Thurgau Weinfelden

Ein Lama aus Basel und ein bekiffter Esel

Der Schauspieler Samuel Mosima aus Weinfelden bringt sein erstes Solostück auf die Bühne, spielt Bauer und mehr als ein Dutzend Tiere. «Der Bauernhof» klingt nach Idylle, doch es geht um den Umgang mit Fremden und wie unterschiedlich Ansichten sein können.
Dieter Langhart