Bevor die Masken fallen

In Cannes wurde Maren Ades Tragikomödie «Toni Erdmann» von der Kritik gefeiert und mit dem Fipresci-Preis geehrt. Morgen startet die grossartige Vater-Tochter-Geschichte im Kino.

Walter Gasperi
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Mit seiner Verkleidung als Lebenscoach Toni Erdmann provoziert Wilfried (Peter Simonischek) seine Tochter (Sandra Hüller). (Bild: pd)

Mit seiner Verkleidung als Lebenscoach Toni Erdmann provoziert Wilfried (Peter Simonischek) seine Tochter (Sandra Hüller). (Bild: pd)

162 Minuten für eine Vater-Tochter-Geschichte. Bedenken mag man angesichts der Rahmenbedingungen haben, doch alle Ängste wischt Maren Ade schon mit der ersten Einstellung weg: Unbewegt blickt die Kamera von Patrick Orth minutenlang auf die Haustür eines deutschen Einfamilienhauses, lässt den Pöstler klingeln und den Hausbesitzer mit ihm seine Scherze treiben.

Kunst der genauen Beobachtung

Wie in dieser Szene setzt die 39jährige deutsche Regisseurin auf eine ruhige, genaue Beobachtung des Alltags; sie schaut wie der Brite Mike Leigh oder ihr Landsmann Andreas Dresen dem Leben bei der Arbeit zu. Spielerisch leicht gewinnt sie durch diese Erdung und die daraus resultierende Schein-Authentizität das Interesse des Zuschauers und kann getrost auf dramatische Handlungsentwicklung verzichten. Viel Raum lässt sie dafür in langen Einstellungen ihren Schauspielern, um ihre wechselnden Gefühle zu vermitteln. Filmmusik ist nicht nötig, die Wahrhaftigkeit des Spiels reicht, um zu emotionalisieren.

Der Alt-68er ist ihr peinlich

Im Leben des 65jährigen Musiklehrers Winfried (Peter Simonischek) läuft es nicht rund. Soeben ist ihm sein letzter Schüler abgesprungen. Seiner Tochter (Sandra Hüller), die als Unternehmensberaterin in Bukarest arbeitet, hat er nicht viel zu sagen, als er sie bei einer Familienfeier trifft. Und dann stirbt auch noch sein Hündchen Willi.

Maren Ade dramatisiert nicht, kommt ohne Worte aus, wenn Winfried morgens neben dem toten Haustier erwacht, aufsteht und – wohlweislich nicht in Grossaufnahme, sondern im Bildhintergrund – flennend an der Hecke steht. Zu Tränen rühren kann diese Szene, denn sie macht bewusst, was dieser Mann mit Willi verloren hat.

Ohne Übergang kann Winfried folglich auch schon in der nächsten Einstellung bei seiner Tochter in Bukarest auftauchen. Doch der toughen Unternehmensberaterin, die ständig am Handy hängt oder Präsentationen vorbereitet und nur an wichtige Geschäftspartner und Termine denkt, ist ihr Alt-68er-Vater nur peinlich.

Falsches kaltes Leben

Gleichzeitig weitet sich der Blick über die Vater-Tochter-Beziehung, wenn Maren Ade über den Job der Tochter bissig mit der männlich dominierten Unternehmerwelt, aber auch mit der Ausbeutung Rumäniens durch den Westen und der Arroganz der Mitteleuropäer abrechnet. Jede Emotionalität und Natürlichkeit scheint diesen Geschäftsleuten längst abhanden gekommen; wie Maschinen agieren sie auf Knopfdruck, sind sich selbst fremd geworden, interessieren sich nur für ihre «Performance».

Winfried durchschaut, dass das Leben seiner Tochter pure Fassade ist, verlässt scheinbar Bukarest, kehrt dann aber mit falschen Zähnen und Perücke als Lebenscoach Toni Erdmann zurück und beginnt mit abweichendem Verhalten und diversen Scherzartikeln die Tochter und ihre Umwelt zu irritieren und zu provozieren. Was nach einer Familienfindungs-Geschichte klingt, ist dann eben doch etwas ganz anderes, ganz Wunderbares. Weil Maren Ade völlig befreit erzählt und sich dabei auf zwei herausragende Schauspieler verlassen kann.

Traumduo Hüller–Simonischek

Hinreissend zugeknöpft und steif spielt Sandra Hüller die Tochter; sie wird aber noch übertroffen von Peter Simonischek, dem das Kunststück gelingt, in jeder Szene überzeugend einen Mann zu spielen, der wiederum jemand anderen spielt.

Nie wird der Handlungsverlauf dabei vorhersehbar, sondern «Toni Erdmann» überrascht immer wieder mit neuen Wendungen – bis das Finale eine Rückkehr zum Beginn und zur Frage nach dem Zentralen im Leben bringt. Nur kurz wird letztere direkt thematisiert, im Kern aber ist dieses ganze grosse Meisterwerk ein Plädoyer, sich von der gesellschaftlichen Überanpassung und der Orientierung an fremden Erwartungen zu lösen. Die Masken fallen zu lassen und wieder zu seinen Gefühlen, seiner Identität zu finden.