BEUYS: «Ich bin gar kein Künstler»

Dokumentarfilmer Andres Veiel stellt den Jahrhundertkünstler Joseph Beuys in seinem umfassenden, biografischen Porträt als Provokateur und Visionär vor und nutzt dabei virtuos Archivmaterial.

Geri Krebs
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Joseph Beuys mit Studenten an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, Winter-Semester 1967/68. (Bild: Zeroonefilm)

Joseph Beuys mit Studenten an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, Winter-Semester 1967/68. (Bild: Zeroonefilm)

Interview: Geri Krebs

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Andres Veiel, Joseph Beuys starb vor 31 Jahren, und man hat den Eindruck, dass seine grosse Zeit sehr weit zurück liegt. Warum jetzt ein Film über Josef Beuys?

2008 fand im Hamburger Bahnhof in Berlin eine grosse Beuys-Ausstellung statt. Sie umfasste auch viel Archivmaterial. In diesem Material sprach für mich ein Beuys, den ich so nicht kannte. Ich entdeckte einen Mann, der sich in den 70er- und 80er-Jahren intensiv mit Geldströmen auseinandergesetzt hatte, sich fragte, was es heisst, wenn Geld sich aus sich selbst heraus vermehrt. Er sprach schon damals von Blasenbildung und stellte die Frage, wer dafür haftet, wenn diese Blasen platzen. Das Timing der Ausstellung war perfekt, es fiel genau in den Beginn der Finanzkrise.

Es war also der Visionär Beuys, der Sie faszinierte?

Das machte einen wichtigen Teil meiner Faszination aus, aber mindestens so wichtig war mir sein Begriff der Fähigkeit, den er jedem Menschen unterstellt hat. Joseph Beuys ging immer davon aus, dass man Menschen nicht nach ihren Defiziten, sondern nach ihren Fähigkeiten beurteilen soll. Ich bin ja ursprünglich ausgebildeter Psychologe, und ich habe während meiner Ausbildung einige Zeit in Gefängnissen gearbeitet. In den Akten über Insassen war stets von unterentwickeltem, defizitärem Verhalten die Rede – nie davon, dass man bei dem ansetzen sollte, was jemand kann.

Damit sind wir bei Beuys’ berühmtestem Satz: Jeder Mensch ist ein Künstler.

Ja, aber dieser Slogan, an dem Beuys immer wieder hochgezogen wurde, ist verkürzt. In Wirklichkeit lautet er: ‹Ich bin gar kein Künstler. Es sei denn unter der Voraussetzung, dass wir uns alle als Künstler verstehen, dann bin ich wieder dabei. Sonst nicht.› Damit wollte Beuys ja nicht sagen, dass jeder ein Maler, Bildhauer oder Komponist sein kann, sondern: Jeder Mensch ist potenziell in der Lage, Gesellschaft zu gestalten. Wenn dem so ist, leistet jeder Mensch einen Beitrag. Dies unabhängig davon, ob jemand dafür entlohnt wird oder nicht. Denkt man das zu Ende, sind wir beim bedingungslosen Grundeinkommen – noch so ein visionärer Gedanke von Beuys, der heute aktueller ist denn je.

Das alles könnte man verkürzt unter den Schlagworten ‹erweiterter Kunstbegriff› und ‹soziale Skulptur› sehen. Er war aber bei weitem nicht der einzige, es gab beispielsweise in den USA die Fluxus-Bewegung. Warum sieht man davon gar nichts im Film?

Weil ich keinen Film über Zeitläufe der Kunst machen wollte. Mir war klar, dass ein Film über Beuys nur dann funktioniert, wenn er nicht verschwindet hinter den Ideenräumen und seiner Kunst. Es war extrem wichtig, dass ich mich mit seiner Biografie als Mensch auseinandersetzte, mit seinem Humor, mit seiner Fähigkeit, auch über sich selbst zu lachen. Und dann auch mit seinen schmerzlichen Erfahrungen wie etwa die Depressionen, die er in den 50ern hatte oder der Rauswurf bei den Grünen 1983. Das alles sind Dinge, die ihn uns näher bringen.

Und wie stehen Sie zum Vorwurf, dass Sie Beuys’ Verbundenheit mit der Anthroposophie, und damit einhergehend, seine Nähe zu «völkischem» Gedankengut unterschlagen hätten?

Es gibt heute Leute, die noch viel weiter gehen und Beuys unterstellen, er habe, metaphorisch ausgedrückt, in seinem Keller Nazi-Devotionalien gehortet. Dies, weil er sich als Zwanzigjähriger, 1941, freiwillig für zwölf Jahre zu Hitlers Luftwaffe gemeldet hatte. Das mache man nicht, ohne sich mit dem NS-Regime zu identifizieren. Er wurde dann ja bekanntlich abgeschossen und schwer verletzt, worüber er später sagte: ‹Ich bin im Krieg zurechtgeschossen worden.› Für mich ist dieser Satz ein Schlüsselsatz. Mein Film erzählt diese Verführung, aber auch die Erkenntnis. Und diese Erkenntnis ist echt, ich habe jahrelang darüber recherchiert. Der Vorwurf, Beuys habe sich im Grunde genommen nie vollständig von dem gelöst, was er in seiner Jugend glaubte, ist für mich total absurd.

Fr, 9.6., 18.45 Uhr: Regisseur Andres Veiel ist zu Gast im Kinok St. Gallen