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Beunruhigende Poulets

«Alltagsmythen» heisst die neue Ausstellung in der Klubschule Migros. Zu sehen sind lebensgrosse Porträts der St. Galler Künstlerin Claudia Valer. Ihre Mythen werden nicht nur gezeigt, sondern vor allem auch ganz subtil hinterfragt.
Martin Preisser
Claudia Valer zeigt Porträts. Auch die ungewöhnliche Hängung der Bilder trägt mit zu einem intensiven Seherlebnis bei. (Bild: Michel Canonica)

Claudia Valer zeigt Porträts. Auch die ungewöhnliche Hängung der Bilder trägt mit zu einem intensiven Seherlebnis bei. (Bild: Michel Canonica)

Claudia Valer malt Öl-Porträts von ihr bekannten Menschen, praktisch lebensgross. Diese Menschen hängen in der Galerie der Klubschule Migros nicht an den Wänden, sondern sie stehen. Seltsam eindringlich blicken sie den Betrachter an. Diese Porträts, die auf weisser Leinwand aufscheinen, also keinen Hintergrund benötigen, inszeniert die St. Galler Künstlerin, die lange in Peru gelebt hat, auf geheimnisvolle Weise.

Leicht beunruhigend

Die Menschen sind in scheinbar unspektakulären Alltagssituationen festgehalten. Und doch kippt die Situation auf den Bildern auf leise Art in eine Atmosphäre, die etwas leicht Beunruhigendes hat, die die Tür aufmacht für viele Assoziationen über unsere Alltagsmythen, ihren tatsächlichen oder vermeintlichen Wert oder aber auch ihren unheimlichen oder gar bedrohlichen Anteil.

Irgendwie wirken die Personen, die technisch ansprechend gemalt sind, auf den weissen Leinwänden in sich gefangen, jedenfalls für sich und ein wenig einsam. Wie Claudia Valer ihre Figuren inszeniert, das reift lange in ihrem Kopf. Vielleicht ist es eine kleine Irritation im Alltag, die dann das malerische Drehbuch für die Inszenierung von Valers fotografierten Modellen hergibt.

Luftballon für Wissenschafter

Da steht leicht abgewandt der Wissenschafter mit einem gelben Luftballon spielend. Prallgelb fast wie eine Glühbirne bildet der Ballon einen irritierenden Gegensatz zum seriösen Weiss des Arbeitskittels. Ein Ballon kann platzen, ein Schrecken für Kinder. Auch die Ballone der Wissenschaft können platzen. Eindrucksvoll hat Claudia Valer auf einem weiteren Bild die Gestalt der Justitia auf die Leinwand gebracht, mit verbundenen Augen und grünem Kleid. Diese muss abwägen zwischen zwei gerupften Poulets. Auch hier ist vielleicht erst einmal der Gegensatz zwischen «natürlichem» Grün und dem seltsam Fleischfarbenen der toten Tiere, das einen beim Nachdenken über Gerechtigkeit und Justiz auf ganz verschiedene Assoziationsbahnen führen könnte.

Moderne Pandora

Zwei Jungmanager essen einen Burger, ihre Augen sind anonymisiert. Ein anderer kauert mit seltsam zweideutigem Gesicht am Boden. Daneben in der Galerie eine Frau mit leerer Plastikschale, die Pandora darstellend. Hier ist das Plastikteil leer, man vermutet, dass es vorher vielleicht mit Früchten oder anderem Essbaren gefüllt war. Was kann die Pandora heute noch ausgiessen? Unheilvoll wird es auch jetzt eher sein, lässt der Betrachter vielleicht seine Phantasie spielen.

Verkehrte Medienwelt

Wie richtig, wie verkehrt sind heute mediale Informationen? Claudia Valer hat ihre Grossmutter gemalt, die mit altersweisem Blick dasitzt und dabei die Zeitung verkehrt herumhält. Die Künstlerin selbst hat sich auf einem Doppelporträt gleich zweimal nebeneinander gemalt, einmal eigentlich nur als Kleiderständer. Das modisch Angezogensein gerät hier eher zu einer fragwürdigen Qualität.

Claudia Valers Porträts sind mit subtil gesellschaftskritischer Brisanz aufgeladen, aber ganz hintergründig und fein. Der kräftige moralische Zeigefinger fehlt ganz. Die Künstlerin arbeitet letztlich mit schlichten, aber wirkungsvollen Mitteln. Und setzt die Flüchtigkeit von Alltagsmomenten, die sie selbst leise verunsichern mögen, in klaren Symbolen auf ihren Inszenierungen malerisch um.

Die Porträts sind bewusst nicht an klar zuordenbare Kontexte gebunden. Die Menschen, die Claudia Valer in diesen Situationen darstellt, ja stehen lässt, gehen einem nach dem Besuch der Ausstellung nach. Und sie lassen einen die Schatten, die Alltagsmythen oder unsere (scheinbaren) Werte zweifelsohne auch haben, deutlich dunkler spüren.

Bis 26. Juni. Kultur im Bahnhof, Klubschule Migros, 1. OG. Mo–Fr 8–22; Sa 9–16; So 9–14 Uhr

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