Eine Ausstellung über Nonnen zeigt: Sie konnten beten und befehlen

Das Landesmuseum erzählt mit «Nonnen. Die starken Frauen des Mittelalters» ein Kapitel Frauengeschichte überraschend anders. Fromme und Feministinnen dürfen sich gleichermassen freuen.

Sabine Altorfer
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Selbstbewusst schaut uns die Ordensgründerin Marie von Oignies an. Sie ist eine der starken Frauen des Mittelalters, die es im Landesmuseum Zürich zu entdecken gibt.

Selbstbewusst schaut uns die Ordensgründerin Marie von Oignies an. Sie ist eine der starken Frauen des Mittelalters, die es im Landesmuseum Zürich zu entdecken gibt.

Danilo@danilo.tv

Im Spielfilm «Zwingli», der uns letztes Jahr den Zürcher Reformator und die verworrene Religionsgeschichte näherbrachte, gab es eine Überraschung. Die Figur der Fraumünster-Äbtissin Katharina von Zimmern. Wir, die wir uns im 21. Jahrhundert so fortschrittlich dünken, weil heute in der Regierung oder in einem Verwaltungsrat wenigstens einzelne Frauen vertreten sind, sahen hier eine Frau um 1500 mit so viel politischem und wirtschaftlichem Einfluss, wie es nicht zu unserem Bild des Spätmittelalters passen wollte. Klug und besonnen half die mächtige Frau, die Eskalation des Konflikts in Zürich zu vermeiden – mit dem Preis, dass sie ihr Kloster auflösen musste.

Ob ihre Vorgängerin 250 Jahre zuvor ebenso kapituliert hätte? Unter Elisabeth von Wetzikon (1235–1298) war das Fraumünster-Kloster auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Äbtissin war die Stadtherrin, sie übte das Münz-, Markt- und Zollrecht aus. Bei seinem Besuch in Zürich empfing sie den Habsburgerkönig Rudolf I, und sie war als Reichsfürstin den wichtigen Adeligen im deutschen Reich gleichgestellt.

Nur im Kloster gab es Bildung für Frauen

Die überraschende Macht einer Frau liess der Spielfilm «Zwingli» nur anklingen, eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich macht sie nun zum Thema: Schon der Titel «Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter» zeigt an, welches Geschichtsbild uns vermittelt wird. Nonnen waren nicht einfach arme, rechtlose Frauen, die man hinter Mauern vom Leben abgeschnitten hat.

Vor allem in der Frühzeit waren die Klöster adeligen Töchtern vorbehalten, oft aus dem Umkreis der Stifterfamilien. Teilweise wurden die Mädchen sehr früh den Klöstern zur Erziehung übergeben. Denn diese Institutionen waren der einzige Ort, wo Frauen zu Bildung und Beruf kamen. Nicht nur Lesen und Schreiben wurden gelehrt, sondern auch Latein, Kirchengeschichte, Naturwissenschaften, Medizin und Kunsthandwerk. Die meisten blieben dann, legten das Gelübde ab.

Verwalterin und Gelehrte

Ob Gesangs-, Garten- oder Kellermeisterin: Die Frauen organisierten sich, sie übernahmen Verantwortung, verwalteten grosse Ländereien und Vermögen. Wertvolle Handschriften, mit Miniaturen illustrierte Gebets-, Lese und Gesangsbücher zeugen von ihren künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen.

Aufwendiger Wandschmuck: Klosterbehang, Hortus conclusus, Basel, 1480, Wolle, Seide, Gold- und Silberlahn.

Aufwendiger Wandschmuck: Klosterbehang, Hortus conclusus, Basel, 1480, Wolle, Seide, Gold- und Silberlahn.

Schweizerisches Nationalmuseum

Agnes von Trüllerey (1429–1460) führte das Kloster Hermetschwil bei Muri durch die Pestzeit und legte eine umfangreiche Bibliothek an. Werke und Heilmittel der deutschen Mystikerin, Komponistin und Naturwissenschafterin Hildegard von Bingen (1098–1179) werden bis heute verehrt. Und Herrad von Landsberg (1125/30–1195) wird als Beispiel einer Universalgelehrten vorgestellt, wie es sie eben nur in einem Kloster geben konnte.

Werke für die weltliche Ewigkeit

Reich bestickte Altardecken, Reliquiare, Altartafeln und hübsche Miniaturen erzählen in der Ausstellung die wechselvolle Geschichte der Klöster. Darstellungen von Nonnen und ihrem klösterlichen Leben finden sich in Büchern oder wir sehen sie klein als in der Ecke kniende Stifterinnen auf Gemälden und Glasscheiben, aber keine protzigen Porträts. Selbstinszenierung schickte sich nicht.

Je nach Orden gestaltete sich das Leben der Frauen recht unterschiedlich. Ein Tagesablauf nach Gebetsstunden war üblich. Armutsgelübde, Klausur, spirituelle Konzentration, Askese und Kasteiung galten nur bei den einen, eher fürstliche Lebensgewohnheiten bei den anderen. Recht weltlich und ohne Gelübde lebten die Beginen – meist in einer Art lockerer Frauen-WG. Kirchlichen wie weltlichen Herrschern waren diese Frauen, die selbstverwaltet und unabhängig lebten, nicht immer genehm.

Braut Christi als Alternative zur Heirat

Für die Frauen bot das Kloster eine Alternative zu einer Heirat und zur Abhängigkeit von der Familie. Voraussetzung dafür war allerdings Vermögen. Erst mit den Bettelorden, etwa dem von der heiligen Klara von Assisi (1193/94–1253) initiierten Klarissenorden, konnten nicht adelige Frauen eintreten. Ein Erfolgsmodell. Im ausgehenden Mittelalter verzeichnete der Orden gegen 400 Klöster.

Christus empfängt seine Bräute: Votivtafel, aus St. Gertrud in Köln, um 1465, Eichenholz.

Christus empfängt seine Bräute: Votivtafel, aus St. Gertrud in Köln, um 1465, Eichenholz.

Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c020465

Die Nonnen waren für die Gesellschaft wie für ihre Familien Mittlerinnen zwischen irdischer und himmlischer Welt. Als Braut Christi sahen sich die meisten, das Zölibat, Gebet und Hingabe waren die logische Folge davon. Nur zwei Dinge durften Nonnen nicht: Messe lesen und die Beichte abnehmen. So sicherten sich die Kirchenmänner das Sagen. Und ja, auch Heiraten war ihnen verboten.

Die Fraumünster-Äbtissin Katharina von Zimmern handelte nach der Übergabe ihres Klosters an die Reformatoren für sich eine sehr gute Abfindung, Privilegien und das Bürgerrecht aus. Und sie heiratete. Dass sie schon im Kloster eine Tochter geboren hatte, gilt heute übrigens als gesichert.

Nonnen. Starke Frauen des Mittelalters. Landesmuseum Zürich, verlängert bis 16. August. Katalog: Verlag Hatje Cantz. virtuell.landesmuseum.ch