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Bestsellerautorin Christine Nöstlinger pfiff auf den Gurkenkönig

Sie zählte zu den bedeutendsten Kinderbuchautorinnen Europas. Mit ihren witzigen, aufmüpfigen Geschichten traf die Österreicherin den emanzipatorischen Zeitgeist der 70er-Jahre. Nun ist sie 81-jährig gestorben.
Hansruedi Kugler
Die Schriftstellerin Christine Nöstlinger in einer für sie typischen Pose des unverblümten Schalks.. (KEYSTONE/APA/GEORG HOCHMUTH/6.9.2016)

Die Schriftstellerin Christine Nöstlinger in einer für sie typischen Pose des unverblümten Schalks.. (KEYSTONE/APA/GEORG HOCHMUTH/6.9.2016)

«Speziell kinderlieb» sei sie nicht, betonte Christine Nöstlinger immer wieder. Mehr noch: «Mir sind manche Kinder wahnsinnig unsympathisch», sagte sie etwa in der österreichischen Satiresendung «Willkommen Österreich». Als Beispiele nannte sie «solche Streber, die in der Schule immer so eifrig aufzeigen. Aber so eine gewisse Art von Hässlichkeit finde ich wieder charmant», liess sie das Magazin «Profil» wissen. Und meinte damit abstehende Ohren: Den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz jedoch, den möge sie trotz seiner abstehenden Ohren nicht.

Speziell kinderlieb bin ich nicht. Mir sind manche Kinder wahnsinnig unsympathisch, vor allem solche Streber, die in der Schule immer so eifrig aufzeigen.

Grad heraus und unverblümt, so äusserte sich die berühmte Autorin gerne in Interviews. Und von dieser Haltung leben auch ihre Kinderbücher. Mit Figuren wie «Die feuerrote Friederike» oder «Gretchen Sackmeier» hat sie internationale Klassiker erfunden. Mit ihren rund 150 Büchern zählte sie kommerziell zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Kinderbuchautoren. Als der Astrid-Lindgren-Gedenkpreis 2003 geschaffen wurde, bekam Nöstlinger – zusammen mit Maurice Sendak – als erste den «Nobelpreis für Kinderliteratur».

Resulute Dame und «Anti-Oma»

Ihre Geschichten über starke Mädchen, zankende Eltern und sympathische Aussenseiter wurden zu Schullektüre. Mit ihrem Erstlingswerk «Die feuerrote Friederike» schuf sie den Prototyp eines emanzipatorischen Kinderbuches mit aufmüpfigem Ton. Damit traf sie 1970 einen Nerv und legte den Grundstein ihrer weltweiten Karriere.

Die Frau hinter den Büchern hatte so gar nichts mit der lieben Grossmutter zu tun, die man sich vielleicht vorstellt. Sie trank gerne Wein und rauchte viel. Ihren zwei Töchtern hat sie nie vorgelesen. Auch öffentliche Lesungen machte die «Anti-Oma» kaum. Aktivitäten im Freien mied sie: «Mit Natur hab ich nix am Hut.» Ihren 80. Geburtstag feierte sie nicht, wie ihr Verlag Beltz damals mitteilte. Körperlich machte ihr das Alter zusehends Probleme. Ihr resolutes Auftreten mit viel trockenem Wiener Humor verlieh der Witwe Authentizität. Ihr 2009 verstorbener Mann Ernst Nöstlinger war ein mässig erfolgreicher Schriftsteller.

Eine Anhängerin der 68er Bewegung

Sie selbst war Mitglied der 68er-Studentenbewegung und sprach jeweils offen über die sexuelle Befreiung der Frauen durch die Einführung der Pille. Sie hielt nichts von der neuen politischen Korrektheit, die etwa in Pippi Langstrumpf den «Negerkönig» zum «Südseekönig» machte. Eine Erläuterung auf der Seite sei viel sinnvoller.

Widerborstig, aber ehrlich gegenüber Kindern Kinder müssten nicht verklärt oder belogen werden, war einer ihrer Leitsätze. Diskussionen über Krieg sollte man nicht verheimlichen, sagte sie: «Kinder wissen viel mehr, als man oft denkt», so Nöstlinger, die zwei Krebserkrankungen überstanden hatte.

Als Arbeiterkind im Nationalsozialismus aufgewachsen

Christine Nöstlinger wurde 1936 in eine Wiener Arbeiterfamilie geboren. Ihr Vater war Uhrmacher, ihre Mutter Erzieherin in einem Kindergarten. Beide hatten als Sozialisten unter dem Nationalsozialismus zu leiden. Ihre Mutter liess sich krankheitshalber frühpensionieren, um die Kinder nicht mit nationalsozialistischem Lied- und Gedankengut indoktrinieren zu müssen.

Insgesamt schrieb Nöstlinger über 150 Bücher, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden. Etwa «Wir pfeifen auf den Gurkenkönig», «Nagle einen Pudding an die Wand!» oder die Serien «Geschichten vom Franz», «Mini» und «Dani Dachs». Sie handeln in der Regel von Aussenseitern, die gerade dadurch besonders werden.

Generationen wuchsen mit ihren Figuren auf

In Österreich sind Generationen von Kindern, kaum recht des Lesens mächtig, mit ihnen gross und stark geworden: Mit dem Franz, der Gabi und dem Eberhard. Ob es nun um Pferde ging oder Liebe, um Fernsehen oder Fussball, die Klassenfahrt oder Kranksein, immer hatte die Autorin Christine Nöstlinger verschmitzte Vertrautheit mit kindlichen Alltagsnöten und Hirnwindungen bewiesen.

Chaotische Familien, Schulangst, erste Liebe

Viele der Handlungsstränge in Christine Nöstlingers Kinderbüchern drehen sich im heiteren Ton um die Scheidung der Eltern aus Kinderperspektive, um chaotische Familien, Schulängste oder die erste Liebe. In den 1970er-Jahren wurden erste Geschichten verfilmt. 2016 kam ihr autobiografisches Buch «Maikäfer, flieg!» ins Kino. Darin verarbeitete sie Erinnerungen an das zerbombte Wien 1945. Bis vor kurzem brachte Nöstlinger ihre Bücher mit dicker Füllfeder zu Papier. Doch ihr fortschreitendes Alter mache das Schreiben für über Zehnjährige nicht mehr möglich, bekannte sie: «Die Vorlieben von zwölf-, dreizehnjährigen Kindern verstehe ich nicht mehr.» Sie bezeichnete sich als «nicht praktizierende» Feministin. Und bedauert, dass sich viele junge Menschen heute nicht mehr politisch engagieren. Literatur könne die Welt zwar nicht verändern, aber: «Bücher können trösten.»

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