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«Beste Art, mich zu entwickeln»

Der britische Regisseur Peter Greenaway dreht in der Schweiz seinen neuen Film «Walking to Paris». Er erzählt im Gespräch, was ihn am Bildhauer Constantin Brancusi interessiert. Und warum er Filme macht, obwohl das Kino «tot» sei.
Andreas Stock
Peter Greenaway: «Das Kino hat sich in seinen 120 Jahren noch gar nicht richtig entwickelt.» (Bilder: Hanspeter Schiess)

Peter Greenaway: «Das Kino hat sich in seinen 120 Jahren noch gar nicht richtig entwickelt.» (Bilder: Hanspeter Schiess)

Dass der bekannte britische Künstler und Filmemacher (siehe Kasten) einen Grossteil seines neuen Spielfilms «Walking to Paris» neben Italien und Frankreich in der Schweiz filmt, ist bemerkenswert. Erstens scheint Greenaway, der sich in den letzten Jahren vorwiegend mit installativen Ausstellungen beschäftigt hat, wieder Freude am Medium Kino gefunden zu haben – obwohl er noch immer nicht müde wird, das Kino als «tot» zu erklären. Erst vergangenes Jahr hat der Filmemacher mit «Eisenstein in Guanajuato» an der Berlinale Aufsehen erregt – seinem ersten Kinofilm seit acht Jahren.

Österreich ist in Zürich

Der Schweizer Produzentin Susann Rüdlinger von Cobra Films bot der niederländische, langjährige Produzent von Greenaway, Kees Kasander, die Zusammenarbeit an. Eine «einmalige Gelegenheit», wie die Produzentin sagt, die sie sich nicht entgehen lassen wollte. Drei Wochen wird derzeit in der Schweiz gedreht, unter anderem im Safiental auf über 2000 Meter – weil man auf Schnee angewiesen ist. Was der Produzentin und dem Regisseur ob der aktuell bescheidenen Schneeverhältnisse Kopfzerbrechen bereitet.

Beim Drehbesuch benutzt das kleine, knapp 30köpfige Schweizer Filmteam von Greenaway den Weiler der Aumüli bei Stallikon am Albis als Kulisse. Eines der schönen alten Gebäude wird zur Pfandleihstelle in Österreich. Der 73jährige Greenaway, im dunkelblauen Nadelstreifenanzug mit Hut und Halsschleife, wirkt entspannt. Susann Rüdlinger ist beeindruckt, wie eingespielt seine Arbeit mit dem Kameramann Reinier van Brummelen ist. Und wie viel Freiheit der Regisseur seinen Schauspielern lässt; Hauptrollen spielen die Schweizer Schauspielerin Carla Juri («Feuchtgebiete»); der Schotte Emun Elliott («Game of Thrones») verkörpert Brancusi.

Ein 18monatiger Fussmarsch

«Walking to Paris» erzählt aus dem Leben des rumänischen Künstlers Constantin Brancusi (1876–1957). Er verliess als 27-Jähriger das ärmliche Elternhaus und wanderte – ohne Kompass, Karten und Geld – via Österreich, Deutschland und die Schweiz nach Paris. Er entwickelte sich zu einem der prägenden Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Seine gut 18monatige Reise zu Fuss ist Thema des Films.

Mister Greenaway, was hat Sie an Constantin Brancusi interessiert?

Peter Greenaway: Ich bin überzeugt davon, dass Brancusi die Weise der Bildhauerei komplett veränderte. Er war einer der ersten, der künstlerisch den modernen Satz «Das Medium ist die Message» umsetzte. Dass ein Material immer dieses Material sein sollte. Also eine Bronze ist Bronze und nicht Federn. Und Marmor ist Marmor und nicht Fleisch.

Brancusi wurde in Paris berühmt und reiste später viel. Doch Sie wollen sich auf seinen Fussmarsch nach Paris fokussieren?

Greenaway: Nun, wie alle langen Reisen, denken Sie an Odysseus, ermöglichen sie es, sich selbst zu finden. Brancusi war erst 27 Jahre alt, niemand kannte ihn. Der Marsch wurde in gewisser Weise seine Reise des Suchens und Findens. Er wollte herausfinden, was der Unterschied zwischen zwei und drei Dimensionen ist; wie kann man Material direkt von der Natur für Kunst verwenden? Darum wird es auch ein Film über die europäische Landschaft, die damals im Vergleich zu heute komplett anders aussah. Und ich werde mich bemühen, das alles sehr schön darzustellen.

Sie sind Filmemacher und Künstler, das dürfte keine Probleme bereiten?

Greenaway: Ich mag die Idee vorzutäuschen, dass dies kein Film eines Filmemachers ist, sondern der eines Skulpteurs. Mit einer dreidimensionalen Darstellung des Themas, ohne dass ich dafür 3D verwende – was eine Zeitverschwendung wäre. Brancusi hat auf seinem Weg überall und immer wieder mit vorgefundenem Material gearbeitet. Wie dort hinten (er zeigt auf einen kleinen Turm mit aufgestapelten, dicken Ästen).

Finden Sie selbst beim Wandern Inspiration?

Greenaway: Mein Vater war Ornithologe und schleppte mich im Alter von acht Jahren durch Nordeuropa, um Vögel zu beobachten. Vielleicht war es mit ein Grund, wieso ich zunächst Maler werden wollte. Die Natur ist ständig in Bewegung, man kann sie nicht einfangen oder festhalten. Aber als Maler kann man sie im Bild fixieren. Die holländischen Maler im 16. und 17. Jahrhundert waren die ersten, welche die Landschaft als Gegenstand für die Malerei entdeckten. Es ist ein bisschen wie mit den Briten, nicht wahr. Bevor die Briten eure Alpen erklommen, seid ihr Schweizer ja nicht wirklich auf die Idee gekommen, dass man aus purem Vergnügen auf Berge klettern könnte.

Aber wir haben es schnell gelernt. Was interessiert Sie an Land-Art?

Greenaway: Ich finde sie aus verschiedenen Gründen interessant. Sie schafft eine Kunst, die sich nicht verkaufen lässt. Der schottische Künstler Andy Goldsworthy macht Werke, die manchmal nur wenige Sekunden dauern. Für manche Leute, die mit Galerien oder diesen lächerlich hohen Rekordpreisen bei Auktionen ihr Geld verdienen, wohl schwer zu verstehen. Aber in Anbetracht von Sterblichkeit und Endlichkeit, kann man sich ja fragen, warum man eine Kunst schaffen sollte, die 3000 Jahre Bestand haben soll. Es ist Teil der Kunst eines Goldsworthy oder Richard Long, dass sie das Bewusstsein für die Vergänglichkeit aufzeigt.

Und wie steht es um die Kunst von Peter Greenaway?

Greenaway: Ganz ehrlich, mein Publikum wird kleiner und kleiner. Aber ich geniesse es immer noch, mit dem Vokabular des Kinos zu spielen. Ich gehe zwar nur noch selten ins Kino, Aber ich liebe die Aktivität des Filmemachens, den andauernden Prozess der Möglichkeiten, mit Licht, Farben und Formen zu spielen, was die Maler seit Jahrhunderten auch tun. Das Kino ist im Vergleich zur Malerei sehr jung. Ich meine, es hat sich in seinen 120 Jahren noch gar nicht richtig entwickelt.

Und wie entwickelt sich Ihre Kunst?

Greenaway: Ich möchte weiterhin Filme machen. Aber ich kann nicht so schnell vorwärtsgehen, dass mir niemand mehr folgen will. Darum muss man weitermachen und es weiter versuchen. Die Produktion eines Filmes ist für mich die beste Art, mich weiterzuentwickeln.

Entspannte Dreharbeiten zu «Walking to Paris» in der Aumüli. (Bild: Hanspeter Schiess)

Entspannte Dreharbeiten zu «Walking to Paris» in der Aumüli. (Bild: Hanspeter Schiess)

Darsteller Emun Elliot (links). (Bild: Hanspeter Schiess)

Darsteller Emun Elliot (links). (Bild: Hanspeter Schiess)

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