Best of November
Die beste Musik des Monats November

Um den englischen Superstar Adele kommt man in diesem Monat nicht herum. Mit dem Album «30» feiert sie den besten Start eines internationalen Solokünstlers seit viereinhalb Jahren. Sie übertrumpft damit auch Ed Sheeran sowie das neue Album von ABBA. Auch auf «30» rührt sie uns zu Tränen. Das Album ist zum Mitweinen gemacht. Taschentücher raus. Im Kollektiv schaffen wir auch diese Krise. Es klingt nicht nach Selbstmitleid, sondern nach Selbstbestärkung.

Stefan Künzli und Michael Graber
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Unser Album des Monats kommt von Adele.

Unser Album des Monats kommt von Adele.

AP

1. Adele: 30

Adele weint. Sie, die sie mit ihren Schmachtsongs Millionen Menschen zum Griff zu den Papiertaschentüchern genötigt hatte, schluchzt nun selber. In «My Little Love» erklärt sie ihrem Sohn, warum sie, Adele, nun nicht mehr mit seinem Vater zusammenlebt. Ihre Geschichte könnte unsere sein. Das war, nebst dieser einzigartigen Stimme, schon immer das Erfolgsgeheimnis von Adele. Sie wirkte stets, als wäre sie eine von uns. Mit einem Kübel voller Liebeskummer. Kennen wir alle. Und wie sie dann diese Kübel zu pathosgeladenen Balladen zimmerte – irgendetwas zwischen Frustbewältigung und Frustabladen –, war schlicht grossartig. Ihr vorletztes Album «21» ist eine Wucht. «30» kommt nicht daran heran. Aber es ist besser als «25», das 2015 erschienen ist. Und es ist mindestens ein Wüchtchen. Gerade im Mittelteil der Platte ist die musikalische Tränendrückmaschine angenehm runtergefahren. Allgemein ist die neue CD sehr vielfältig ausgefallen. Sie erinntert daran, dass nach dem Regen ­irgend- wann auch mal wieder die Sonne scheint. Auch musikalisch berührt sie locker etwas R ‹n› B und gemahnt einmal an Frank Sinatra und öfter an Amy Winehouse. Aber klar, es gibt sie auch, die mit viel Bombast angerührten Balladen. Streicher inklusive. Was diese Songs vor einer Überdosis Pathos rettet, ist die Stimme von Adele. Die voller Soul alles auslotet, was es da auszuloten gibt. Durchaus mutig und von einem beeindruckenden Umfang.

2. Hilke: Silent Violent

Mit minimer Verspätung sind wir über Hilke gestolpert und hängengeblieben. Dunkel pumpender Dream-Pop aus Baden, der mal wuchtig, dann aber wieder fein funkeln kann. Grossartig sind die beiden ersten Songs «Paradoxes» und «Freeze». Aber auch der Rest nimmt uns mit auf eine musikalische Reise, die zwar ein leichtes Gefühl hinterlässt, aber wohl auch gerade darum so einnehmend ist.

3. Kinnship & Pablo Nouvelle: Stones & Geysers

Eine kurze Wanderung, um den Kopf etwas zu lüften, knapp unter der Nebelgrenze, auf den Ohren Pablo Nouvelle und Kinnship. Der Berner und der Brite (Kinnship) spannen für «Stones & Geysers» zusammen und starten verträumt. Zu sphärischen Klavierklängen ruckelt ein karger Beat und die Stimme von Sänger Kinnship dringt wie durch sanfte Nebelschwaden. Die Musik ist wie ein Begleiter. Einer, mit dem man auch mal spricht, aber neben dem man einfach auch schweigend laufen kann. Einer, mit dem man gerne unterwegs ist. Und die Natur scheint mitzuhören: Kaum mischt sich mehr Licht in die Sounds der beiden Musiker, sinkt auch der Nebel. In der Ferne kämpft gar die Sonne gegen die milchige Suppe. Beim Titeltrack «Stones & Geysers» wird der Schritt zum leichten Tänzeln. Beeindruckend vielfältig zeigen sich die Musiker auf ihrer Platte. Mal sind die Landschaften, die sie hier kreieren karg, dann wieder verspielt. Es wirkt aber immer unheimlich locker, nie bemüht und auch nie überladen. Die Nebelgrenze sinkt wieder, die Temperatur auch, die Sonne hat den Kampf verloren. «Frank Miller» heisst der letzte Track. Die Stimme schwebt von links nach rechts, wirkt schwerelos. Langsam schwingen die Töne aus. Nie sucht die Musik den Knalleffekt, bleibt immer entspannt. Kopf gelüftet. Zufrieden daheim. Angekommen.

4. Dino Brandão: Bouncy Castle

Einer der schönsten Tracks dieses nun langsam auströpfelnden Jahres heisst «Bouncy Castle». Er stammt aus der Feder von Dino Brandão und lässt uns bei allem Schwermut glückselig schunkeln. «Life’s a bouncy castle / Filled with tears and laughter». Das Leben, ein Auf und Ab, ein «Gompischloss», eine Hüpfburg. Bis die Luft mal ausgeht. Bei Brandão gibt es aber keinerlei Anlass zur Vermutung, dass dies bald mal der Fall sein könnte. Nachdem seine letzte Band Frank Powers auf Eis gelegt wurde, hat er an eigenem Songmaterial gearbeitet. Herausgekommen ist nun das Album «Bouncy Castle»: 20 Minuten, 5 Songs. Es ist ein wundersamer Gemischtwarenladen. Pop trifft auf Samba, trifft auf Psychedelic Rock, trifft auf afrikanische Musik, trifft auf eine Ballade, die jazzig ausufert. «Es gibt schon Lieder, die ziemliche Kurven machen», sagt er. Ihm selber gefalle Musik, die ein bisschen «gwagglet» und bei aller Schönheit auch etwas Schräges hat. Das hat er unüberhörbar auch in seinen Songs einfliessen lassen. Kaum setzt ein Mitwippen ein, wechselt Tempo oder Intensität. Nur etwas ist immer da: Dino Brandãos Stimme. Zart, manchmal fast zerbrechlich, aber immer klar spürbar und voller Ausdruck. Während er mit seiner alten Band Frank Powers sprachlich aus dem Vollen schöpfte und soeben im Trio mit Faber und Sophie Hunger ein Album auf Schweizerdeutsch veröffentlichte, singt er unter seinem richtigen Namen derzeit nur auf Englisch.

5. Enrico Rava: Edizione Speciale

Trompeter Enrico Rava, 82, ist eine der prägenden Figuren des europäischen Jazz. Kein Kraftmeier, vielmehr einer, der das Unerwartete liebt und die Neugierde bis ins hohe Alter bewahrt hat. Das wird auch am Konzert 2019 in Antwerpen mit seinem italienischen Sextett deutlich. Er und seine grandiosen Musiker sprühen vor Energie. Die Lust, zu musizieren, ist spürbar. Ja, die Musiker haben offensichtlich Spass. Eine Sternstunde des zeitgenössischen Jazz.

6. Makaya McCraven: Deciphering The Message

Überall wird Makaya McCraven gefeiert. Und selbst die Hipster hören seinen Jazz. Er bastelt aus Samples aus dem Blue-Note-Records-Katalog und neu eingespielten Sounds aufregende Collagen. Das klingt mal entspannt, dann wieder forsch, immer aber zeitgemäss, ohne die Wurzeln zu kaschieren. McCraven ist auch ein Türöffner, um in den Jazzsachen zu stöbern und zu wühlen. Vielleicht ist ja bald wieder mehr Zeit.

7. Robert Plant Alison Krauss: Raise The Roof

Das Debüt der Led-Zeppelin-Legende Robert Plant mit der US-Sängerin Alison Krauss war ein Überraschungserfolg: «Raising Sand» (2007) gewann fünf Grammys. Die Coverversionen bekannter und weniger bekannter Folk-, Country-, Blues-und Rocksongs klangen so inspiriert, dass man sich auf eine Fortsetzung des Projekts zweier sehr unterschiedlicher Künstler uneingeschränkt freuen durfte. 14 Jahre danach ist es so weit. Nach den Single-Appetizern «Can’t Let Go» im August und «High And Lonesome» zeigen der immer noch lockenmähnige Brite Plant (73) und die Bluegrass-Spezialistin Krauss (50) mit «Raise The Roof» erneut auch auf Albumlänge, wie gut ihre Stimmen harmonieren: der heiser-libidinöse Kraftprotz-Gesang des Ex-Hardrockers und der klare Sopran der Country-Ikone aus Illinois. Mit wechselnden Lead-Vocals stürzen sich die beiden Top-Stars in alte Lieder von Bert Jansch, Merle Haggard, Allen Toussaint oder The Everly Brothers. Hinzu kommen die Neukomposition «High And Lonesome» von Plant mit Studioproduzent T-Bone Burnett sowie «Quattro (Worlds Drift In)» von der Roots-Band Calexico. Der Überraschungseffekt von damals ist natürlich weg. Ein feines Werk, dem man die Freude am gemeinsamen Singen anhört, ist Plant/Krauss aber in jedem Fall ein zweites Mal geglückt.

8. Deep Purple: Turning To Crime

«Das ist vielleicht unser letztes Album», sagte Roger Glover vor einem Jahr. Jetzt ist alles wieder anders. «Turning To Crime» heisst das neue Werk von Deep Purple. Und schon hat sich die Band wieder zu Songsessions für ein weiteres Album getroffen. Doch das aktuelle zeigt Deep Purple von einer anderen Seite. In den Anfangsjahren Ende der 60er hat die Band auch Songs von anderen Interpreten wie den Beatles, Jimi Hendrix und Ike & Tina Turner interpretiert, ein reines Coveralbum gab’s in der über 50-jährigen Geschichte von Deep Purple aber noch nie. Gehen der Band die Ideen aus? Bassist Roger Glover widerspricht. Das Problem sei ein anderes, wie er im Gespräch in seiner Wohngemeinde Frick ausführt: «Wir schreiben keine Songs. Vielmehr treffen wir uns, jammen ein bisschen und lassen die Songs spielend entstehen.» Dieses Vorgehen war aus den bekannten Gründen nicht möglich, weshalb sie für einmal auf andere Songs zurückgegriffen. Auf der Songliste befindet sich kein Hard Rock. Vielmehr sind viele Rock-‹n›-Roll-Stücke der 1950er-Jahre dabei sowie Songs der Yardbirds, von Love, Fleetwood Mac, Cream aus den 1960er-Jahren. «Es sind Songs, die uns geformt haben und Teil unserer musikalischen DNA geworden sind», sagt Glover. Deep Purple interpretieren die Songs natürlich anders. Auffällig ist aber, dass ein Grossteil ein rhythmisches Swingfeeling hat, die Songs leichter wirken als normale Purple-Songs. Ian Paice, ursprünglich ein Jazz-Drummer, aber auch Don Airey (Piano) und Sänger Ian Gillan fühlen sich auf diesem Parkett hörbar wohl. Überraschend für Schweizer Ohren sind die Songs «Dixie Chicken» und«Battle Of New Orleans». Aus Letzterem, einem Traditional, haben die Les Humphries Singers im Jahre 1972 den Mega-Hit «Mexico» geschustert und «Dixie Chicken», ursprünglich von Little Feat, kennen wir in der Mundartversion «Kiosk», dem grössten Hit von Rumpelstilz mit Polo Hofer. Beide Versionen sind dem Wahl-Schweizer Glover aber nicht bekannt. Und auch mit dem Namen Polo Hofer kann Glover nichts anfangen. «Ganz ehrlich, wir haben uns damals weder für Musik aus Deutschland noch aus der Schweiz interessiert», sagt er. Wir hätten es ja eh nicht verstanden.»

BEST OF Octobre: DIE BESTE MUSIK DES MONATS OKTOBER

1. Basements Saints: Stimulation

Die multinationale Combo Basement Saints um Sänger Anton Delen hat schon im Frühling auf sich aufmerksam gemacht. Coronabedingt wurden die Songs gestaffelt veröffentlicht. Jetzt ist das Trio auf Tour (am Sa 30. Okt im Z7 in Pratteln), weshalb die acht Songs im Album-Paket «Stimulation» zusammenfasst sind: In geballter Ladung. Markenzeichen der Band ist die aussergewöhnliche Stimme von Anton Delen. Eine Stimme wie ein Donnergrollen. Die Songs der langhaarigen Wilden riechen nach Whiskey, Rauch und Schweiss und sind in der Blütezeit des Rock zu verorten. Mehrheitlich sind es kompromisslose Riff-Kracher zwischen Hard- und Blues-Rock. Spürbar sind hierzulande seltene Leidenschaft, Wucht und Feuer. Basement Saints bedienen Retro-Gefühle und deuten an, dass noch viel mehr kommen kann. «Stimulation» ist ein Versprechen.

2. Velvet Two Stripes: Sugar Honey Iced Tea

Velvet Two Stripes sind zurück – rockig, rotzig, laut. «Sugar Honey Iced Tea» heisst das dritte Album der St.Galler Rockband. Überzuckert ist darauf nichts. Im Gegenteil: Die neun Songs zwischen Blues- und Garage-Rock sind sperrig, treibend, vielschichtig und dynamisch, versetzt mit ruhigen Parts, welche die verzerrten Ausbrüche umso wirkungsvoller machen. «Es ist unser wütendstes und sozialkritischstes Album», sagt Sängerin Sophie Diggelmann. «Sugar Honey Iced Tea» ist im Eigenvertrieb und ohne Label veröffentlicht worden. Aus der gehypten Nachwuchshoffnung ist eine Band geworden, die weiss, was sie will und wie sie es erreicht.

3. Sam Himself: Power Ballads

Der Basler Popmusiker Sam Himself ist mit seinem Debütalbum, das er grösstenteils in Eigenregie eingespielt hat, auf der Überholspur. «Power Ballads» heisst die Sammlung von zehn ausnahmslos starken Stücken, die mit den als Powerballaden bekannten Schmachthymnen der späten Eighties ¬wenig gemein haben. Der Widerspruch ist Kalkül. «Wer wie ich im Jahr 2021 Rockmusik macht, muss sich der Altlasten des Genres bewusst sein», sagt Sam Himself und führt aus, welche Attribute er von Bord werfen will: «All den Pomp, Pathos und Exzess, deretwegen Rock’n’roll völlig zurecht immer wieder für tot erklärt wird.» Entsprechend hat Sam Himself für sein Album-Debüt die Arrangements weiter entschlackt. Schon auf den bisher veröffentlichten drei EPs bewies er einen Hang zur luftigen Kargheit bei gemächlichem Tempo, auf «Power Ballads» betreibt Sam Himself diese Reduktion jedoch noch konsequenter.

4. James Gruntz: Movement

Ella Fitzgerald war die Königin des Scatgesangs. Dieser Gesangsart des Jazz, bei der Silbenfolgen ohne Wortbedeutung aneinandergereiht werden. Scatman John hat ihn auch zu Pop gemacht und mit Text kombiniert. James Gruntz verzichtet nun in seiner Scatversion völlig darauf. Das heisst auch: Nicht Wörter und Sätze bestimmen den Rhythmus, sondern einzig die musikalische Eingebung des Sängers. Gruntz lässt sich treiben und gibt sich der Musik hin. Himmlisch.

5. Crimer: Fake Nails

Den Rollkragenpulli hat Crimer im Kleiderschrank verstaut, der berühmte Mittelscheitel ist passé. Stattdessen trägt Alexander Frei Vokuhila und falsche Nägel. Es verwundert daher nicht, dass er sein neues Album «Fake Nails»tauft. Sie sind sein neues Markenzeichen. «Ich wollte nicht einfach mein altes Album reproduzieren, sondern Neues ausprobieren», sagt Crimer. 80ies-Sound sind geblieben, für die grosse Wiedererkennung sorgt allein seine Stimme. Doch plötzlich gesellen sich eine Gitarrenmelodie, ein Engelschor sowie ein Glockenspiel zu den glitzernden Synthies und elektronischen Drums. Wir lernen neue Facetten von Crimer kennen. Er habe versucht, das zu machen, worauf er Lust hatte – ohne den Druck, dabei bestimmten Konventionen entsprechen zu müssen.

6. GeilerAsDu: Versus

Meine Damen und Herren, das Rennen ist hiermit gelaufen: «Versus» von GeilerAsDu ist der beste Schweizer Rap-Track des Jahres. Das breitbeinig trabende Lied rechnet wortgewaltig und lustvoll mit dem Hamsterrad des Lebens ab. Zwar läuft grad einiges schief auf dieser Welt, aber Hauptsache: läuft. Systemkritik in witzig, blitzgescheit und doch tanzbar. Grossartig. Auch der Rest der EP der Luzerner ist einmal mehr höchst eindrücklich.

7. The Legendary Lightness: Bis doch froh

Jetzt auch noch Mundart. Die Zürcher von The Legendary Lightness waren schon vorher furchtlos durch die Genregrenzen gewandert und haben so etwas Eigenes kreiert. Auch «Bis doch froh» ist höchst eigenständig. Verkunstet ohne Pseudo-Ochsner-Poesie und musikalisch nie ganz fassbar. Zwischen Holper-Rock und Jazz ist auch noch das folkig-warme «Wett wüsse wo du hii bisch». Musik zum genau Hinhören. Michael Graber

8. John Coltrane: A Love Supreme. Live In Seattle

«A Love Supreme» ist das berühmteste und erfolgreichste Werk des Jazz-Erneuerers John Coltrane. Vom Popmagazin «Musikexpress» wurde es sogar zum besten Jazzalbum aller Zeiten gewählt. Im Dezember 1964 mit seinem klassischen Quartett (McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones) aufgenommen, begründete dieses suitenartige Loblied auf Gott den Allmächtigen, den sogenannten Spiritual Jazz, der heute wieder topaktuell ist. Musikalisch ist die Studioaufnahme aber relativ konventionell, im damals geläufigen modalen Jazz gehalten. Live hat Coltrane das epochale Werk nur selten gespielt. Das macht die jetzt veröffentlichte Live-Aufnahme aus Seattle umso wichtiger. Der rastlose Saxofongott war damals auf der Suche nach einer neuen Intensität und Spiritualität. Coltranes Spiel wurde immer freier und ekstatischer. «Live In Seattle», nicht einmal ein Jahr später im Septett aufgenommen, dokumentiert diesen Prozess eindrücklich. Coltranes Spiel wurde schon zuvor von Kritikern als aggressiv, wütend und hässlich beschrieben. Doch die neuen, jungen Saxofonisten Carlos Ward (ab den 70er-Jahren bei Abdullah Ibrahim) und vor allem Pharoah Sanders spielten auf dieser Version von «A Love Supreme» noch radikaler, expressiver, wilder und freier. Sie haben dem zögernden Bandleader den Weg in neue Sphären gewiesen. Coltrane hob ab.

9. Tony Bennett & Lady Gaga: Love For Sale

Der 95-jährige Tony Bennet muss seine Karriere krankheitsbedingt beenden. Das Album «Love For Sale» mit Pop-Superstar Lady Gaga ist das  Vermächtnis und letzte Lebenszeichen eines grossen Künstlers. Bis zuletzt bleibt Bennett sich treu und interpretiert, unterstützt von einer Big Band, zwölf Songs wie «I Get Kick Out Of You», «Night and Day» oder «Just One Of Those Things» von Cole Porter, dem wohl begnadetsten amerikanischen Songschreiber. Seine Stimme ist noch einmal etwas brüchiger geworden, klingt aber immer noch bewundernswert kräftig und ­ausdrucksstark. Und Lady Gaga bestätigt, dass sie mehr ist als eine knallige Pop-Chanteuse. Auf diesem Parkett bewegt sie sich immer stilsicherer und mutiger. «Love For Sale» ist freilich alles andere als innovativ, nein, tausendfach ­gehört, tausendfach interpretiert. Aber immer noch erstklassig. Und zum letzten Mal gelingt es Tony Bennett, den Zeitbegriff ausser Kraft zu setzen. Thank you for the music, Tony!

10. Zaz: Isa

Sie hat die Popwelt mit ihrer unbekümmerten Art erobert und verzaubert. Sie war der Sonnenschein und Wirbelwind der des französischen Pop zwischen Chanson und Jazz. Doch seit ihrem grossen Durchbruch vor zehn Jahren ist viel passiert. 41-jährig ist Zaz inzwischen. Sie, die eigentlich Isabelle Geffroy heisst, hatte viel Zeit, sich mit sich selbst und der Welt zu befassen. So ist es nur logisch, dass sie sich auf ihrem neuen Album auf sich selbst besinnt und «Isa» nennt. «Isa» klingt melancholische und weniger unbeschwert als das, was wir von ihr kennen. Aber auch das Nachdenkliche und Besinnliche steht ihr gut. Und vor allem: Der Charme ist geblieben.

11. Yes: The Quest

Nach mehreren enttäuschenden Alben und dem Tod von Gründungsmitglied Chris Squire sah es schlecht aus für die Prog-Rock-Veteranen von Yes. Doch nun zeigt die Band auf einer gelungenen neuen Platte, dass mit ihr auch nach gut 50 Jahren noch zu rechnen ist. Steve Howe hat keine Lust, sich zu wiederholen. Der langjährige Yes-Gitarrist hat auf «The Quest», dem 22. Album seiner Band, deshalb neue musikalische Wege eingeschlagen. «Wir strengen uns an, Yes neu zu erfinden, etwas Frisches zu liefern. Es geht auf "The Quest" darum, vorgefasste Meinungen über Yes in Frage zu stellen.» Das neue Werk ist ein Sammelsurium verschiedener Musikstile. Nach dem E-Gitarren-lastigen Start entpuppt sich «The Quest» als ein recht entspanntes, fast sanftes Album, das der Akustikgitarre sehr viel Raum gibt. Tatsächlich sind die elf neuen Songs um Klassen besser als das, was Yes auf den drei oder vier vorherigen Alben abgeliefert hat.

BEST OF SEPTEMBRE: DIE BESTE MUSIK DES MONATS SEPTEMBER

1. Krokodil: Another Time

Krokodil, die erste Schweizer Rockband von internationalem Format und Ruf, ist zurück. 50 Jahre danach. Mit neuer Formation und dem neuen Album «Another Time». Von der Ur-Formation sind noch Düde Dürst und Terry Stevens dabei. Der erste Schweizer Rockmusiker, Gitarrist Walty Anselmo, hat Parkinson und kann nur noch als Gastmusiker mitmachen. Ihn ersetzt der Niederdörfler Adrian Weyermann (49). Der ehemalige Frontmann von Crank und The Weyers ist nicht nur der Wunschgitarrist von Düde Dürst, sondern auch von Anselmo. «Wir verstehen uns menschlich und musikalisch prächtig», sagt Weyermann, und Anselmo ist begeistert von der Arbeit seines Nachfolgers. Dazu kommt Erich Strebel, 50, ein geschmackvoller Keyboarder, der dem Krokodil eine neue Note gibt, sich gleichzeitig mit viel Musikalität und Gespür in den Kosmos von Psychedelia einfügt.

Trotz neuer Formation und neuer Instrumentierung gelingt es dem neuen Krokodil, ans alte Krokodil anzuknüpfen. Noch immer ist alles möglich, noch immer gibt es den Freiraum, Breaks und Rhythmuswechsel. Die Stücke können schon mal bis acht Minuten lang sein, der Sound ist psychedelisch. Aber die Pionierzeit ist natürlich längst verflogen, «Another Time». Aber auch das neue Krokodil setzt auf die Kraft des Kollektivs. Oft gibt Dürst das rhythmische Grundgerüst vor, Weyermann fügt eine Idee dazu, das Stück wird aber zusammen in der Band erarbeitet. Jeder gibt sich in den kreativen Prozess ein. Krokodil-Groove.

So ist zwar Adrian Weyermann der erste und beste Sänger der Band, doch auch Strebel, Stevens und Anselmo haben ihre Parts als Leadsänger. Der Song «Shadow Blues» hat Weyermann dem Sänger Anselmo auf den Leib geschrieben. Umwerfend! Unnachahmlich hinter dem Beat singt Terry Stevens auf «Better Slow Down». Eine Kiffer-Hymne für das ewige Lächeln. Zum Schmunzeln schön und ein potenzieller Hit – wenn der Song nicht acht Minuten lang wäre. Das Krokodil ist mehr als ein Nostalgie-Projekt aus der Gründerzeit des Schweizer Rock. Die Band ist ambitioniert, und gebucht sind Konzerte auch schon in Deutschland. Ist «Another Time» vielleicht sogar das beste Album von Krokodil? Dürst lächelt verschmitzt und meint im breitesten Züritüütsch: «Scho no mögli.»

2. Pablo Infernal: Mount Angeles

Die Zürcher Rockband Pablo Infernal gehört zu jenen jüngeren Schweizer Rockbands, die ihren Sound erfrischend unverfroren hinbrettern. Auf ihrem dritten Album «Mount Angeles» bedient sich das famose Quartett in der Pop- und Rockhistorie. Mehr als einmal klingen die Beatles durch, Elvis und Ravel werden augenzwinkernd zitiert und immer wieder überrascht die Band mit originellen Wendungen und Brüchen. Das ist ein grosser Spass und grosse Klasse.

3. Lea Lu: I Call You

Zuletzt prodzierte die Schweizer SingerSongwriterin Lea Lu noch im Alleingang. Für ihr neues Album «I Call You» hat sie nun aber Könner aus dem Schweizer Jazzlager wie Claudio Strüby (Schlagzeug) und Shems Bendali (Trompete), die Sängerin Daniela Sarda sowie den kreativen Kanadier Mocky um sich geschart. Sie bleibt dabei dem Folk-Pop treu und serviert 13 luftige und geschmackvolle Köstlichkeiten mit jazziger Schlagseite. Vor allem die Beiträge mit den Posaunisten Andreas Tschopp und Nils Wogram sowie dem Bassklarinettisten Rafael Schilt, geben den Songs eine spezielle Note.

4. Baze Fabian M. Müller: Kraake

Irgendwo zwischen Lebensturbulenzen, Gefühlsstürmen und Gewitterwolken am Himmel. Jazzmusiker Fabian M. Müller und Rapper Baze nehmen uns mit auf eine Schifffahrt ins gefühlte Bermudadreieck. Kraake heisst die Band, die sie ins Leben gerufen haben, um in unsere Leben etwas Unruhe zu platzieren. Baze brummelt seine Texte, manchmal nuschelnd, manchmal entschlossen. Müller lässt sie klingen. An den Tasten und Effekten. Mal klingt es wie ein Gurgeln, mal wie ein nervöses Zucken. Nicht alles ist deprimierend auf dieser Platte. Und manchmal hat es genau durch die Traurigkeit eine tröstende Kraft. Der Kraake schafft es zwar, unser Schiff in bedrohliche Lagen zu bringen, ganz hinunterziehen kann er den Kahn aber nicht. Kurz vor Ende der Platte reisst der Himmel auf, die Sonne kommt, die Wellen verebben. «Wenn i ehrlech bi, isch es viu schöner aus i mrs je vorgsteut ha», sagt Baze. Zu sich, zu uns. Es ist nicht nur schöner, es ist sogar «viu, viu, viu, viu» schöner.

5. Lindsay Buckingham: Lindsay Buckingham

Als Sänger, Gitarrist und Songwriter prägte Lindsey Buckingham den Sound von Fleetwood Mac. Nach seinem überraschenden Rauswurf und gesundheitlichen Problemen veröffentlicht der 71-Jährige jetzt ein hervorragendes Soloalbum, das klanglich an seine Ex-Band erinnert. Der Bruch mit seiner Ex-Freundin Nicks führte allerdings dazu, dass er 2018 gefeuert wurde. Ein Jahr später musste er sich einer Operation am offenen Herzen unterziehen. Nun meldet er sich musikalisch zurück und zeigt, dass seine Ex-Kollegen vielleicht einen Fehler gemacht haben. Zehn Jahre nach «Seeds We Sow» präsentiert der 71-jährige Buckingham auf seinem selbstbetitelten neuen Soloalbum zehn Songs, die sehr frisch und trotzdem zeitlos klingen. Das war schon immer eine seiner Stärken. Harmonischer Background-Gesang, treibende Rhythmen und Buckinghams markantes Gitarrenspiel prägen die Songs.Wie sehr der radiotaugliche Fleetwood-Sound der 70er und 80er Jahre und der Stil von Buckingham miteinander verwoben sind, wird auf dieser Scheibe wieder deutlich. Eigentlich fehlt nur die Stimme von Stevie Nicks oder Christine McVie. Buckingham hat Sängerinnen mit ähnlicher Klangfarbe engagiert. Fast jedes Lied hätte so auch auf ein Album der britisch-amerikanischen Supergroup gepasst, die seit 2003 keins mehr veröffentlicht hat. Während Fleetwood Mac nur ihre grössten Hits runterspielen, überzeugt Buckingham solo mit neuer Musik.

6. Odd Beholder: Sunny Bay

Was gestern noch lustig war, wird plötzlich ernst. Odd Beholder, wie sich die Badener Musikerin und Sängerin Daniela Weinmann nennt, besingt Jugendliche, die früher Katastrophenfilme schauten und nun mitten in der Klimakatastrophe sind. Die Strassen geflutet, wenig Rettung. Weinmann singt über Dunkles und macht dazu träumerischen Pop. Es lohnt sich, auf die Texte zu hören und dann beim Tanzen zusammenzuzucken.

7. Kush K: Your Humming

Wie schnell die Welt dreht, ist erst durch komponierte Langsamkeit deutlich zu spüren. Kush K bremsen ihre Songs zuweilen bis zum Stillstand runter. Darum nehmen wir die Lieder auch so intensiv auf. Sie fliessen in die Ohren und lassen uns weg schweben. Gemächlich driftet man über die Landschaften, verfolgt Bäche, die zu Flüssen werden, und geniesst den Space so nahe über dem Boden. «Your Humming» heisst das sanft gleitende Raumschiff, das Kush K gebaut haben. Es ist nach «Lotophagi» (2020) ihre zweite Platte. Die fünf Musikerinnen und Musiker machen träumerischen Pop, der auch mal in psychedelische Gefilde abdriftet, aber die Erdung nie verliert. «Euphoria» ist von schön schlurfender Glückseligkeit. Plötzlich schlängeln sich noch Bläser in die karge Melodie, und in Gedanken taucht am Horizont langsam die Sonne auf. Das Titelstück «Your Humming» dauert fast elf Minuten. Es passiert wenig, doch bei jedem Hören gibt es in der scheinbaren Gleichförmigkeit neue Facetten zu entdecken. Da singt ein leises Chörlein, es rasselt, dann setzt der Gesang ein. Längst ist man gefangen im dunklen Sog dieses Songs. Catia Lanfranchi, Nicolas Habegger, Pascal Eugster, Paul Amereller und neu Lorraine Dinkel lassen die Klänge ineinanderfliessen, lassen sie passieren. Es wirkt improvisiert und doch immer strukturiert. Fast schon hypnotisch sind die sieben Songs. Wohltuend entschleunigt und wunderbar unkonkret. Und vor allem Lanfranchis Stimme strahlt Ruhe und Wärme aus. 41 Minuten und elf Sekunden, in denen die Zeit etwas langsamer tickt.

8. Steve Gunn: Another You

Steve Gunn scheint seine innere Ruhe gefunden zu haben. Völlig locker schlängelt sich seine neue Platte «Other You» voran. Der Gitarrist ist immer noch hoch virtuos, verliert sich aber deutlich seltener in seiner Virtuosität als früher. Auch die Schwermut hat er offenbar abgeschüttelt und scheint zufrieden mit sich und der Welt. Das tut den Songs gut. Anspruchsvoller Folk, der den Pop manchmal umarmt und wieder wegstösst.

9. Jake Bugg: Saturday Night, Sunday Morning

Wer Jake Bugg bislang als Retro-Gitarrensongschreiber kannte, wird umdenken müssen. Der 27-jährige Engländer macht jetzt Pop. Er war der führende Retro-Singer-Songwriter einer neuen Generation. Doch begann er sich in der Nische zu langweilen, die Musik war nicht mehr spannend. Deshalb will er sich auf dem fünften Album «Saturday Night, Sunday Morning» ganz neu kalibrieren. Was das heisst? Jake Bugg hat mit inzwischen 27 Lebensjahren die am jüngsten klingende Platte seiner Karriere gemacht. Die persönliche Hochstimmung hat der Engländer auf die frische neue Songsammlung «Saturday Night, Sunday Morning» übertragen. Jake Bugg hat das leicht nölige Element in seiner Musik abgelegt und ist plötzlich jemand, zu dessen Songs man sogar tanzen kann. «Lost» zum Beispiel lässt sich, ohne zu übertreiben, als Discosong beschreiben. In diesem Lied verarbeitet er seine tiefe und lebenslange Liebe zu ABBA.

BEST OF AUGUST: DIE BESTE MUSIK DES MONATS AUGUST

1. Billie Eilish: Happier Than Ever

Das, was unter dem schweren Gucci-Hoodie, den Billie Eilish mit dem neuen Album “Happier Than Ever» abgelegt hat, zum Vorschein kommt, klingt ziemlich verletzlich. Die Texte erzählen vom Wachsen und Entwachsen, von Brüchen in dem Teenagerleben, das seit dem Durchbruch 2016 von der medialen Öffentlichkeit gespiegelt wird. Im neuen Album begegnet man Stalkern, verletzenden Ex-Freunden. Man hört weniger Bass als im Hit «Bad Guy», die Songs klingen gesetzter, zeitweise so melancholisch, dass man an Lana Del Rey oder Lorde denken muss. Der «Billie Bossa Nova» oder der futuristische, bissige Drive in «Oxytocin» funken diesem Klang dazwischen. Und spätestens in «My Future» hält Billy Eilish dagegen: «I, I’m in love / With my future / Can’t wait to meet her» – Ich liebe meine Zukunft, ich kann es nicht erwarten, ihr zu begegnen. Für diese Zukunft hat sie sich «entblösst», der grungige Look mit den Codes der Subkulturen der Elektro- und Hip-Hop-Szene hat sich aufgelöst. Die grünen Streifen in den schwarzen Haaren sind einer blonden Marilyn-Monroe-Mähne gewichen. Statt übergrossen Pullovern mit Markenprint schmiegt sich Eilish auf dem Album-Cover in einen beigen Kaschmirpullover. Die Farbe ist so erwachsen wie das neue Auftreten. Billie Eilish ist kein Wunderkind mehr, sondern eine Künstlerin, die sich zu vermarkten weiss. Jede Zeile ist bewusst gesetzt, zu den Musikvideos führte sie selbst Regie. Es ist eine Selbstbestimmung, die im Album hörbar ist, und vor allem Mut stiftet, es ihr gleich zu tun und die Fäden selbst in die Hand zu nehmen. Schliesslich scheint es zu funktionieren, zumindest Billie Eilish ist «Happier Than Ever» – glücklicher denn je.

2. Inga Rumpf: Universe Of Dreams & Hidden Tracks

Inga Rumpf zählte in der Gründerzeit des Rock zu den wenigen Sängerinnen, die sich in dieser Männerwelt durchsetzten. Ihr Markenzeichen war aber die aussergewöhnliche Stimme, die nicht nur einfach kräftig war, sondern auch dunkel, verraucht und etwas verrucht. Jetzt, zum 75. Geburtstag meldet sie sich zurück und gleich mit einem Doppelalbum. Auf dem neuen Album «Universe Of Dreams» mit alten und neuen Liedern beweist Rumpf, dass sie nichts an Ausdrucksstärke und Intensität verloren hat. Dazu kommt das Album «Hidden Tracks» mit unveröffentlichtem Material: Die deutsche Sängerin hat Ende der 80er-Jahre in London Songs eingespielt mit den Rolling-Stones-Musikern Keith Richards, Ronnie Wood, Mick Taylor sowie zwei Flaschen Jack Daniel’s und einer Kiste bayrischem Bier. Das passt.

3. Lorde: Solar Power

Lorde ist die Meisterin der kreativen Verknappung. Die in Auckland geborene und dort noch immer überwiegend ansässige Neuseeländerin hat in den letzten drei Jahren kaum von sich hören lassen. Über die gesunde Balance in ihrem Leben hat die heute 24-Jährige nun ein Album aufgenommen, von dem es eine Vinyl-Ausgabe gibt, aber keine CD. Eine Zurück-zur-Natur-Platte. Hier zirpen die Zikaden, hier wird in bester Hippiemädchenmanier Cannabis konsumiert. Hier schwebt über allem dieses angenehm leichte, unbelastete Sommerbrisen-Gefühl. «Solar Power», an dem Lorde wieder mit ihren Stammkollaborateuren Jack Antonoff (The Bleachers) und Malay arbeitete, ist kein schweres Album. Sondern ein entspannendes, tiefes und bewusstes Ein- und Ausatmen, wie man es vom Yoga kennt. Musikalisch hat sich Lorde mit «Solar Power» noch weiter aus dem Rattenrennen um Chartrekorde und die meisten Clicks verabschiedet. Die Songs sind subtil, die Melodien zart. Die elektronische Ausrüstung hat sie bis auf einen alten Synthesizer aus dem Studio verbannt und verlässt sich ganz auf die akustische Gitarre und ihre wundervolle Stimme.

4. Brandee Younger: Somewhere Different

Die Harfe und der Jazz stammen aus zwei verschiedenen musikalischen Universen. Und doch haben zwei Harfenistinnen in der Vergangenheit bewiesen, dass das Engelsinstrument im Jazz kein Fremdkörper sein muss. Die eine ist Dorothy Ashby, die die Harfe im modernen Jazz eingeführt und mit ihrem rhythmischen Spiel unter anderem auch Andreas Vollenweider stark beeinflusst hat. Die andere ist Alice Coltrane. Die 2007 verstorbene Witwe des Saxofonisten John Coltrane erlebt gerade eine Art Revival. Eben sind unveröffentlichte Aufnahmen mit mantrischen Gesängen von ihr erschienen. Weit interessanter ist aber ihr Beitrag als Harfenistin und Vertreterin des sogenannten Spiritual Jazz. Auf die Göttin des Spiritual Jazz, die ihre Harfentöne netzartig über die atmosphärische Musik legte, beziehen sich heute viele Musikerinnen und Musiker des jungen Londoner Jazz, aber auch die 38-jährige US-Harfenistin Brandee Younger. Sie führt das Erbe von Dorothy Ashby und Alice Coltrane weiter, erneuert und aktualisiert es auf ihrem neuen Album «Somewhere Different» auf himmlische Art und Weise. Mit Gastsolist Ron Carter würdigt sie die Jazztradition, mit der Vokalistin Tarriona «Tank» Ball von Tank und den Bangas zeigt sie ihre zeitgenössische Seite. Mit Anklängen an R’n’B und Hip-Hop überschreitet sie Grenzen und erweitert das Harfen-Vokabular.

5. Annakin: The Light Before Love Disappears

Annakin war schon lange fasziniert vom Anblick dieser Musikdosen. Die fragile Musik, und oben das Püppchen, das sich stoisch im Kreis dreht, bis die Energie ausgeht und man sie wieder aufziehen muss. Nun hat sie die Erfindung des Genfer Uhrmachers Antoine Favre aus dem Jahr 1796 in ihre Musik übersetzt. Der englische Produzent Ed Harcourt zeichnete für das ganze Album mitverantwortlich. Seine Versiertheit mit feisten organischen Klängen (auffällig: die Glocken!), aber auch mit Synthesizer-Sounds und pfundigem Schlagzeug geben Annakins schwereloser Stimme und herrlichen Refrains Gewicht, aber auch Wärme.

6. Bleachers: Take The Sadness Out Of Saturday Night

Der gerade extrem gefragte Sänger, Songschreiber und Produzent Jack Antonoff ist Experte für den sensiblen Superstarpop. Aber auch alleine kann er glänzen, wie «Take The Sadness Out Of Saturday Night», sein drittes Album unter dem Namen Bleachers, beeindruckend belegt. Seine Spezialität ist geschmackvolle, etwas dezente, aber doch effektive Popmusik, gern mit Geigen, akustischen Gitarren, einer feinen Melodie und authentischem Text. Seit geraumer Zeit ist er der Mann für die Superstarproduktionen. Mit Taylor Swift arbeitete Jack an «1989» und «Folklore», mit Lana Del Rey konzipierte er das tolle «Norman Fucking Rockwell»-Album, für St. Vincents «Masseduction» bekam er einen weiteren Grammy (insgesamt sind es inzwischen fünf), und auch an Lordes Werk «Solar Power» (siehe oben) arbeitete er intensiv mit. Auf «Take The Sadness Out Of Saturday Night» verstreut er seinen Zauber jedenfalls grossflächig. Das Album ist ein bisschen wie Antonoff selbst – schwer zu durchschauen, aber genial. Er hat ein paar sehr zackige, von Bläsern vorangetriebene und euphorisierende Popsongs wie «How Dare You Want More» und «Stop Making This Hurt» im Angebot. Aber auch reichlich nachdenkliches, ja trauriges Material wie «Secret Life», auf dem Lana Del Rey mitsingt. Einen besseren Duett-Partner als Bruce Springsteen hätte er sodann nicht finden können. Gemeinsam singen sie eine Strophe auf «Chinatown», einem klanglich hübsch intimen Lied über die Fahrt mit der neuen Freundin heim nach New Jersey, um sie dort den Eltern vorzustellen. «Bruce ist mein Kindheitsidol und meine grösste Inspirationsquelle», so Antonoff, «seine Musik hat mich stets begleitet und bestärkt.» Nur folgerichtig also, dass sich das ganze Album angenehm Spring­steen-nah anhört.

7. Peter Schärli Trio featuring Glenn Ferris: Give

Im schnell sich drehenden Karussell der musikalischen Neuheiten und Trends ist Peter Schärli ein sicherer Wert. Seit über 40 Jahren steht er auf der Bühne, veröffentlicht Alben, schreibt Musik und macht die Menschen, die daran teilhaben, glücklich damit. Jetzt bringt uns das bunte Cover mit der untrüglichen grafischen Handschrift von Niklaus Troxler ein neues Schärli Album, und es gehört zu seinen Allerbesten. Das mit dem langjährigen Stammgast Glenn Ferris erweiterte Trio ist in beneidenswerter Form. Zur Erinnerung für die Big Name-Fetischisten: Das ist jener Glenn Ferris, der mit Frank Zappa, Don Ellis, Tim Buckley, Quincy Jones oder Stevie Wonder gespielt hat. Das neue Album heisst «Give», enthält sieben Kompositionen und klingt wie aus einem Guss. Die Musik strahlt in Gelassenheit, schmeichelt unsere Sinne, stimmt uns fröhlich. Neben Schärli haben auch seine Mitmusiker Glenn Ferris, Hans Peter Pfammatter und Thomas Dürst Stücke geschrieben. Jeder der Musiker bekommt Platz, um sich mit seinem Sound und Handwerk unprätentiös in Szene zu setzen. Die melodische Freiheit von Schärli, der luftige Swing von Ferris, die fein artikulierende Pianokunst von Pfammatter und die zuverlässige Herzlinie von Bassist Dürst fliessen im Kollektiv zu einem bezwingenden Ganzen. Der sichere Wert von Schärli heisst nicht Zeitgeist oder Innovation auf Biegen und Brechen. Seine Qualität ist, das hervorzubringen, was im Jazz, in der Musik immer schon zählte, und es in raffinierter Schlichtheit neu erlebbar zu machen.

BEST OF JULY: DIE BESTE MUSIK DES MONATS JULI

1. Tedeschi Trucks Band: Layla Revisited (Live At LOCKN’)

Das Album «Layla and Other Assorted Love Songs» markierte einen Höhepunkt im Schaffen von Gitarrengott Eric Clapton. Im Dezember 1970 mit seiner damaligen Band Derek & The Dominos veröffentlicht, ist der Titelsong «Layla» ein Rock-Klassiker. Das Doppelalbum selbst gehört zu den «500 besten Alben aller Zeiten» der Zeitschrift «Rolling Stone». Eigentlich kann man ja nur scheitern, wenn man sich heute, 50 Jahre danach, an ein solches Meisterwerk wagt. Trotzdem stürzte sich die Tedeschi Trucks Band in das Abenteuer, das ganze Doppelalbum Song für Song an einem Konzert des LOCKN’ Festivals in Arrington/Virginia zu interpretieren.

«Layla Revisited» ist mehr als eine Verbeugung vor diesem Meisterwerk der Rockgeschichte. Es ist ein Fest der Musik, gefeiert von einer der besten Bands der Gegenwart. Im Mittelpunkt steht natürlich die grandiose Gitarrenarbeit von Derek Trucks. Kongenial und gefühlvoll sekundiert wird er vom Gitarrenkollegen Trey Anastasio, bekannt von der amerikanischen Band Phish und selbst ein grosser Gitarrenmeister. Er übernimmt auf dem Remake die Rolle von Duane Allman und singt auch. Die Interaktionen der beiden Gitarristen, die Gitarrenduelle, die sich ins Ekstatische steigern, sind die Höhepunkte auf diesem feinen Remake. Der soulige Gesang von Co-Leaderin Susan Tedeschi setzt dem Ganzen noch die Krone auf.

Dabei werden die Originalsongs gar nicht gross verändert. Ergänzt durch Bläsersektion und Backing Vocals, bleibt das Grundgerüst bestehen. Doch das Remake lebt von der Instrumentalkunst der Exponenten und deren Individualität. Sie erlaubt eine Ausdehnung des Werks von ursprünglich 75 auf fast 100 Minuten. Von diesem inspirierenden, begeisternden Feuerwerk können wir einfach nicht genug kriegen.

2. Emma-Jean Thackray: Yellow

Dancefloor trifft abgespacten Spiritual-Jazz, Afro Beat und englische Brassband. Die Musik der 31-jährigen Emma-Jean Thackray klingt so, wie wenn sich Sun Ra, Alice Coltrane mit Fela Kuti und den Hip-Hop-Soundtüftlern DJ Dilla und Madlib zu einer Jamsession treffen würden. «Yellow» heisst das Debüt der gefeierten Musikerin, Bandleaderin, Komponistin, Sängerin, Keyboarderin und Trompeterin, Radiomoderatorin und Labelchefin, das in ihrer Heimat als «next hot shit» gehandelt wird. Emma-Jean Thackray ist die «Supernova im Biotop des hippen britischen Nu Jazz» («Guardian»). Umso spannender ist Emma-Jean Thackray, als sie sich allen klischierten Vorstellungen eines hippen, jungen und neuen Crossover-Stars widersetzt. Statt Rastazopf trägt sie Brille. Ihre Vorfahren kommen nicht aus Afrika oder der Karibik, wie man aufgrund ihres Sounds vermuten könnte. Sie ist weiss, klein, pummelig und stammt aus Yorkshire, dem ländlich geprägten Norden Englands, dort wo Blaskapellen eine lange und reiche Tradition haben. Sie arbeitete mit dem London Symphony Orchestra, spielt Free Jazz, vermählt Digitales und Akustisches, um jetzt wieder in poppige, tanzbare Gefilde einzutauchen. Party und Spiritualität sind bei ihr keine Gegensätze. Die Ernsthaftigkeit von Emma-Jean Thackray macht Spass, grossen Spass.

3. David Crosby: For Free

Mit seinen alten Bandkollegen Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young will er sich nicht versöhnen und hält eine letzte Wiedervereinigung von Crosby, Stills, Nash & Young für unrealistisch. Umso versöhnlicher klingen die Lieder, die der bald 80-jährige Barde zusammen mit seinem Sohn dem 59-jährigen Filmkomponisten James Raymond geschrieben und produziert hat. „For Free“ ist ein meisterhaftes, betörend schönes und entspanntes Spätwerk eines legendären Musikers, der sich und der Welt nichts mehr beweisen muss. Crosbys Stimme hat sich erstaunlich gut gehalten. Höhepunkte sind die beiden Duette mit Doobie Brother Michael McDonald und der Titelsong mit der wunderbaren Sarah Jarosz.

4. Jackson Browne: Downhill From Everywhere

Im Duell der beiden Pioniere des kalifornischen Westcoast-Sounds hat der sechs Jahre ältere David Crosby gegenüber Jackson Browne die Nase vorne. Doch auch Brownes Alterwerk lässt sich sehr wohl hören. Die Stimme des 72-jährigen Troubadours verströmt eine wohlige Wärme, der Sound ist entspannt wie eh und je und Songs wie «Minutes To Downtown», «Love Is Love» klingen wie Heimkommen.

5. Prince: Welcome 2 America

«Welcome 2 America» ist ein grosses Fest vor allem für Pop-Fans, die Prince über Hits wie «1999» oder «Purple Rain» kennen. Wie der mit 57 Jahren gestorbene Prince auch hier wieder Soul, Rock, Funk-Jazz und Hip-Hop zu einem ambitionierten und tanzbaren Mix verrührt, ist eine Meisterleistung. Der Auftakt des «neuen» Albums, der Titelsong «Welcome 2 America», lässt sofort alle Fehlentscheidungen und Schlampigkeiten dieses begnadeten Musikers vergessen: Ein cooler Bass-Groove, Triangel, Fingerschnipsen, weibliche Soul-Chorstimmen, dann der unnachahmliche Sprechgesang, irgendwann kommt dessen typische Funk-Gitarre hinzu. Nicht nur musikalisch erinnert dieses Stück an seinen vielleicht grössten Song, das wütende «Sign O’ The Times» von 1987. Die Botschaft des Stücks weist Prince abermals als scharfsinnigen Beobachter der bitteren Realitäten in seinem Heimatland aus. Der zynische US-Kapitalismus, Ungleichheit, Rassismus, öffentliche Lügen, die unsozialen Medien – all das klingt an. «Die Welt ist voller Desinformation. George Orwells Vision der Zukunft ist schon da», sagte Prince 2010. Auch später hört man Gesellschaftskritik in den musikalisch sehr abwechslungsreichen, zugänglichen Liedern – und muss manchmal an die wichtigen Polit-Soul-Alben der 70er-Jahre von Curtis Mayfield oder Marvin Gaye denken. Ein erotisch aufgeladener Falsett-Schmachtfetzen und Groove-Granaten finden sich auf dem Album. Keines der bisherigen Posthum-Alben begeistert so wie das brandneue «Welcome 2 America» aus den Tiefen eines Prince-Tresors.

6. Cha Wa: My People

Zur vielfältigen Musiktradition von New Orleans gehört auch jene der Mardi Gras Indians. Sie geht zurück auf die Zeit als flüchtende Sklaven aus der Karibik in New Orleans bei Native Americans Unterschlupf suchten und sich mit ihnen vermischten. Die ursprüngliche Musik bestand aus Gesang und Perkussion und wurde nur auf Strassen aufgeführt. Die Musiker und Musikerinnen kleideten sich in den farbigen Federkostümen der Native Americans. Die Band Cha Wa um Joe Gelini und Joseph Boudreaux jr. hat diese Tradition mit aktuellen Instrumenten der Pop- und Rockmusik weiterentwickelt, auf die Bühne gebracht und ins Hier und Heute überführt.

7. John Mayer: Sob Rock

Seine Absicht ist klar: Nach den Monaten der Entbehrung und des Verzichts will der amerikanische Superstar John Mayer mit seiner Musik trösten und aufmuntern. Sein neues Album «Sob Rock» ist ein Trip in eine Wohlfühloase. Der schluchzende Softrock plätschert manchmal bedrohlich Richtung Belanglosigkeit. Zum Glück ist da sein grandioses Gitarrenspiel. Es macht auch John Mayers achtes Album zu einem musikalischen Hochgenuss.

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