Besessen von der Kriegsvergangenheit

Miljenko Jergovic hat ein bewegendes Vater-Buch geschrieben, das zugleich ein Buch über seine ex-jugoslawische Heimat ist. Hat sein Vater ihn geliebt? Auf diese drängende Frage findet er keine einfache Antwort.

Bernadette Conrad
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Miljenko Jergovic: Vater. Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert, 200 S. Schöffling & Co. Fr. 28.90 (Bild: Berger Claudia)

Miljenko Jergovic: Vater. Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert, 200 S. Schöffling & Co. Fr. 28.90 (Bild: Berger Claudia)

Miljenko Jergovic hat ein bewegendes Vater-Buch geschrieben, das zugleich ein Buch über seine ex-jugoslawische Heimat ist. Hat sein Vater ihn geliebt? Auf diese drängende Frage findet er keine einfache Antwort. Stattdessen breitet Jergovic ein Bündel widersprüchlicher Geschichten aus, alle geprägt vom übermächtigen politischen Drama Ex-Jugoslawiens. «Nah standen wir uns nicht», das legt der 49jährige Autor klar. Es war eine Vater-Sohn-Beziehung, in der Entfremdung und Hilflosigkeit im Vordergrund standen. Jergovics Eltern hatten sich bald nach seiner Geburt getrennt, als einziges Kind blieb er bei der Mutter. Der Vater, 1928 in Sarajevo geboren, wurde später zum Leukämie-Spezialisten. Zwar nahm ihn der Vater zu Krankenbesuchen mit, zahlte Unterhalt, machte kleine Geschenke.

Kein Verzeihen für Terror

Was es nicht gab, war das Gespräch über jene Dinge, die den Vater geprägt hatten – und die nur unterschwellig ihre Beziehung prägten. Sein Vater sei ein «schwacher Mann» gewesen. Woher dieses fast verächtliche Urteil? Die Erklärung liegt in jener Vergangenheit, von der er besessen sei. Die Tatsachen des eigenen Lebens seien für ihn unwirklicher als die Geschichte seiner Vorfahren. Die Mutter des Vaters war eine «verbitterte Katholikin», begeisterte Nationalistin und Anhängerin der faschistischen Ustascha. Als ihr Sohn 1945, 17jährig, von Partisanen auf der Strasse rekrutiert wurde, kämpfte er auf der «falschen Seite». Er kehrte typhuskrank aus dem Krieg zurück, seine Mutter verweigerte ihm Wasser und liebevolle Fürsorge. Für Miljenko, ihren Enkel, folgen aus dieser erschütternden Geschichte zwei Dinge: Sein Vater hätte seiner Mutter nie verzeihen dürfen, sondern hätte sich persönlich und politisch positionieren müssen. Zweitens fühlt er sich noch als Enkel wie von einer Erbsünde betroffen. Der faschistische Terror der Ustascha – allein im KZ Jasenovac sind knapp 100 000 Serben, Juden, Roma und Kommunisten ermordet worden – geht als konkrete und diffuse Sünde durch die eigene Familiengeschichte. Für Miljenko zerstört dies die Grundlage seiner Beziehung zum Vater, und er fühlt er sich in die Kollektivschuld seines Landes hineingenommen.

Konflikte spalten Familien

So ist dies Buch auch eines, das den Schmerz über viel Versäumtes bekennt. Denn sein Vater, der Atheist, der pflichtbewusste und moralisch der Gleichheit aller Menschen verpflichtete Arzt, hat ja eigentlich viel mit ihm selbst gemeinsam gehabt. Jergovics Bilanz ist Abrechnung, Gedenken und Würdigung in einem. Im letzten Telefongespräch aus dem Krankenhaus hatte der Vater ihm seinen Dank für sein Schreiben und seine Aufrichtigkeit ausgedrückt. Wie als Antwort darauf zeigt Miljenko Jergovic in seinem beeindruckenden Text, in welchem Masse die Konfliktlinien der jugoslawischen Tragödie durch intimste Beziehungen gehen und diese prägen.