Beschatten ist beherrschen

J. Edgar Hoover war fast 50 Jahre Chef des FBI. Er hasste Linke, Schwarze und Homosexuelle, obwohl er selbst schwul gewesen sein dürfte. Clint Eastwood hat über ihn einen Film gedreht: «J. Edgar».

Philippe Reichen
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Er schaute notfalls auch unter Bettdecken: Der junge J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) in Clint Eastwoods Biopic «J. Edgar». (Bild: Warner Bros. Entertainment Inc.)

Er schaute notfalls auch unter Bettdecken: Der junge J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) in Clint Eastwoods Biopic «J. Edgar». (Bild: Warner Bros. Entertainment Inc.)

Um das Begräbnis von J. Edgar Hoover kümmerte sich der Präsident persönlich. Richard Nixon organisierte einen Staatsakt und fand in seiner Grabrede für J. Edgar Hoover (1895–1972), der im Schlaf an einem Herzversagen gestorben war, nur lobende Worte. Er rühmte ihn als «nationales Symbol des Mutes, des Patriotismus und granitartiger Ehrlichkeit und Integrität». Nixons engste Vertraute unter den Trauergästen dürften dabei giftig gelächelt haben. Denn privat soll sich Nixon weniger vornehm über den ehemaligen Chef des Federal Bureau of Investigation (FBI) geäussert haben. Kolportiert wird, er habe den Chef des Staatssicherheitsdienstes «diesen alten Schwanzlutscher» genannt – eine Anspielung auf Hoovers angebliche Homosexualität.

Akten als Machtinstrument

Macht paart sich nicht gerne mit Macht. Sie fürchtet sie. Sie flieht. Darum hielt Nixon zu Hoover Distanz, so gut das eben ging. Und das mit gutem Grund: J. Edgar Hoover wusste mehr über Amerika und die Amerikaner als irgendjemand sonst im Land.

Hoover übernahm das Bureau of Investigation, das spätere FBI, mit 29 Jahren. Acht Präsidenten erlebte er im Amt. Er pflegte zu sagen: «Mir ist egal, wer unter mir Präsident ist.» Geheimakten waren sein Machtinstrument. Wen Hoover im Verdacht hatte, er könnte ihm zu mächtig werden, über den wollte der FBI-Chef umfassend informiert sein. Ihm Verdächtige liess er beschatten, abhören, aushorchen. Er wollte sie beherrschen. Hoover, dessen Karriere während der Weltwirtschaftskrise begann und bis in die Zeit des Kalten Krieges dauerte, entwickelte geradezu paranoide Charakterzüge: Der Jurist hasste Linke, Schwarze, Homosexuelle.

Hoover beschattet Kennedy

Je älter Hoover wurde, desto radikaler seine Aversionen, desto virulenter seine Zwänge. Martin Luther King, Marilyn Monroe, Frank Sinatra, Charles Chaplin oder Albert Einstein liess er ebenso observieren wie die Black Panther Party oder andere linke Gruppierungen. Eine besondere Abneigung aber empfand er gegenüber dem Präsidenten John F. Kennedy und seinem Clan. Über Bobby Kennedy und seine ausserehelichen Affären soll er alles gewusst haben. Ihn wollte er im Würgegriff haben.

Kommunisten ins Gefängnis

Hoover warnte das Weisse Haus, wenn er eine Gefahr für die nationale Sicherheit zu erkennen glaubte. Und er scheute sich nicht, Bürger fertigzumachen und Lebensläufe zu ruinieren. Wer Kommunist war, landete sowieso im Gefängnis.

Hoover, der bei seiner Mutter lebte, hatte bis zum Lebensende nur zwei engste Vertraute: seinen Vize Clyde Tolson, zu dem er eine homoerotische Beziehung gepflegt haben soll, und seine Assistentin Helen Gandy, die nach dem Tod des FBI-Chefs sämtliche Geheimdokumente vernichtete. Auch darum bleibt Hoover ein Mysterium. Daran ändert das Filmporträt «J. Edgar» von Regisseur Clint Eastwood nichts. Gerade weil Hoover eine so geheimnisvolle Person sei, habe er sich seine eigene Meinung bilden können, sagt Eastwood in einem Interview mit der Westschweizer Zeitung «24 heures».

FBI: Ein gigantischer Apparat

Hoover bleibt aktuell. Er sorgte in den 1960er- und 70er-Jahren dafür, dass der Kriminologie Techniken zur Identifikation und Authentifikation von individuellen Körpern, heute Biometrie genannt, zur Verfügung standen. Recherchen am Lausanner Institut für Forensische Wissenschaften und Kriminologie zeigen: Im Jahr 1970 verwaltete das FBI rund 175 Millionen Fingerabdrücke, wobei jeden Tag 25 000 neue Abdrücke hinzukamen und allein in Washington 1000 Leute mit der Identifikation von Fingerabdrücken beschäftigt waren. Diesen gigantischen Kontrollapparat hatte J. Edgar Hoover aufgebaut. In der Zeit nach dem 11. September ist der Apparat nicht kleiner geworden – und die Biometrie beherrscht den Menschen im Alltag.

«J. Edgar» läuft ab heute in den Schweizer Kinos.

J. Edgar Hoover (1895–1972) (Bild: ap)

J. Edgar Hoover (1895–1972) (Bild: ap)