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Bertolt Brechts «Antigone» mit Nazi-Chor

Regisseur René Pollesch verlustiert sich im Schauspielhaus Zürich mit «Bühne frei für Mick Levcik» an einem Musicalfilm und an der Brecht'schen «Antigone»: Die Neuschöpfung als ewige Weiterbearbeitung vorhandener Kulturleistungen – und ein grosser Auftritt von Sophie Rois, des Stars der Berliner Volksbühne.
Julia Stephan
Lustvoll und frech: René Polleschs «Bühne frei für Mick Levcik». (Bild: Schauspielhaus Zürich/Matthias Horn)

Lustvoll und frech: René Polleschs «Bühne frei für Mick Levcik». (Bild: Schauspielhaus Zürich/Matthias Horn)

Wie zitiert man richtig? Eine Theaterfachfrage. Sie zielt ins Herz des sechsten René-Pollesch-Abends im Zürcher Pfauen. Pollesch hat – wir sind es uns von seinem ironischen und komischen Diskurs-Theater nicht anders gewohnt – für «Bühne frei für Mick Levcik» wieder wild in der Kulturgeschichte geräubert. Neben dem Musical «The Producers» waren diesmal die Sprechakttheorie in der feministischen Färbung Judith Butlers und vor allem Brechts «Antigone»-Inszenierung die Zitatlieferanten.

Brechts Bühnenbild kopiert

Er hat sie 1948, weil das Zürcher Klima für seine modernen Spielereien noch nicht passte, am Theater Chur uraufgeführt. Einer der «grössten Flops der neueren Theatergeschichte», wie das Programmheft verrät. Weil diese Inszenierung (und das Drumherum ihrer Entstehung) bis ins Detail dokumentiert ist, konnte Polleschs 2015 verstorbener Bühnenbildner Bert Neumann diese merkwürdige ovale rote Binsenwand von Brechts Bühnenbildner Caspar Neher für die Pfauenbühne rekonstruieren. Vor ihr untersuchte das Zürcher Ensemble, auf Holzbänken sitzend und um das mit Pfählen aus Pferdeschädeln eingegrenzte Spielfeld, das epische Theater auf seine Gegenwartstauglichkeit. Diesem Versuch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts also, der dramatischen Handlung mit epischem Ton und Requisiten-Entrümpelung jede Illusion zu nehmen.

Brecht, dessen Name Pollesch zu Mick Levcik verfremdet hat, denkt da nach über Brecht. Aber ebenso scharf denkt Pollesch da nach über Pollesch und über seine Verwandtschaft mit diesem Theaterklassiker. Man fühlt sich erinnert an Polleschs Hang zum Kulturschatz-Recycling, wenn Darsteller Jirka Zett deklamiert: «Wir müssen zitieren, damit wir weiterkommen.» Das ist sie, die Neuschöpfung, verstanden als ewige Weiterbearbeitung vorhandener Kulturleistungen.

So theorielastig das klingt – die Frage «Worum geht es eigentlich in diesem Stück?» wurde wie ein Mantra wiederholt –, der Abend war doch mehr eine Probe auf Praxistauglichkeit.

Kaninchen und Frauenbeine

Volksbühnenschauspielerin Sophie Rois durfte bei ihrem Zürcher Début im Brecht'schen Vorspiel aus ihrem Berliner Winterkriegsmantel vom Kaninchen bis zu nackten Frauenbeinen allerlei absurde Zitate hervorzaubern. Das unglaubliche Organ dieser Helene Weigel des Jahres 2016 kiekste, überschlug sich dabei derart oft, dass die Rois zur Kippfigur des Abends wurde, an der sich die ganze postmoderne Verunsicherung abzeichnete: Darf man vom Original abweichen? Können Brechungen Prinzipien beleben, oder hat man nur das Prinzip nicht verstanden? Entstehen Schöpfungen aus sich selbst heraus, oder schöpft man Zitate immer von anderen ab? Eine Wonne, dieser Frau, die Nils Kahnwald, Marie Rosa Tietjen und Jirka Zett mühelos an die Wand spielte, beim lauten Denken zuzuhören.

Alte Frauen? Lieber Nazis!

Genauso lustvoll und frech brach auch das gesamte Ensemble mit Brechts Distanzierungsgebot. Distanz zur Rolle? Nur in der Theorie! Auf ein zitiertes «Ich liebe dich» fielen die Schauspieler wie eine wilde Horde übereinander her. Und Polleschs Herrensprechchor wollte nichts wissen von alten Frauenrollen, schwang in aus dem Musicalfilm «The Producers» entlehnten SS-Uniformen revuehaft (oder ironisch?) die Beine zum lockeren Stechschritt und warf die Arme verspielt zum Hitlergruss.

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