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BERTOLT BRECHT: Auch eine Menschenkritik

Seine Stücke werden jetzt wieder häufig gespielt. Sie treffen den Nerv unserer Zeit. Besonders eindrucksvoll in «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny», das am Sonntag in Zürich Premiere hat.
Rolf App
Willy, der Prokurist (Michael Laurenz), und Jenny, die Hure (Annette Dasch), in der Zürcher «Mahagonny»-Inszenierung. (Bild: Tanja Dorendorf)

Willy, der Prokurist (Michael Laurenz), und Jenny, die Hure (Annette Dasch), in der Zürcher «Mahagonny»-Inszenierung. (Bild: Tanja Dorendorf)

Rolf App

Es war eine der wildesten Uraufführungen der Theatergeschichte. «Es roch stark nach mitgebrachtem Unwillen», wusste der Theaterkritiker Alfred Polgar zu berichten. «Hier, dort, oben, unten im elektrisch geladenen Raum zuckten Widersprüche auf, riefen Widersprüche gegen die Widersprüche wach. Kriegerische Rufe, an manchen Stellen etwas Nahkampf, begeisterte Erbitterung, erbitterte Begeisterung im Durcheinander.»

Mitten in der Wirtschaftskrise, mitten im Aufstieg der Nationalsozialisten (die an der Uraufführung besonders rührig lärmten), erblickte 1930 im Neuen Theater Leipzig die Oper «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» von Bertolt Brecht und Kurt Weill das Licht der Welt: Die Geschichte einer fiktiven, von drei Gaunern in einem mythischen Wilden Westen gegründeten Stadt, in der alles erlaubt ist. Ausser eines: dass einer kein Geld mehr hat. Darauf steht jene Todesstrafe, die dann auch an der Hauptfigur vollzogen wird.

«Da fällt der Blick rasch auf Bertolt Brecht»

Nicht nur das Opernhaus Zürich, wo Sebastian Baumgarten gerade dieses mit schmissiger Musik unterlegte Mahagonny in Szene setzt, hat Brecht auf dem Spielplan. Schon diesen Frühling war Baumgarten in Zürich, um am Schauspielhaus, wo er 2012 schon «Die heilige Johanna der Schlachthöfe» herausgebracht hat, Brechts «Herr Puntila und sein Knecht Matti» zu inszenieren. Und in dieser Saison hat dort bereits unter der Regie von Tina Lanik «Die Dreigroschenoper» Premiere gehabt, die erste Gemeinschaftsproduktion von Brecht und Weill. An ihr wird sich im Februar am Theater Basel auch Dani Levy versuchen.

Sebastian Baumgarten überrascht diese Renaissance nicht. «Im Moment rücken die gesellschaftlichen Fragen wieder in den Vordergrund», sagt er. «Da fällt der Blick rasch auf Brecht.» Und obwohl er munter zwischen Sprechtheater und Oper pendelt und an vielerlei Stoffe Hand anlegt, ist es doch Brecht, der ihm stets von neuem anvertraut wird.

Das Theater als anregende Anstalt

Das hat Gründe. Geboren 1969 in Ostberlin, aufgewachsen in der DDR, Assistent von Ruth Berghaus, für die die Begegnung mit Brecht prägend war, hat Baumgarten zu ihm eine enge Beziehung. Und er verteidigt ihn gegen zwei gängige Vorurteile: Brecht, das sei Kapitalismuskritik und das sei Belehrungstheater. «Ich glaube, dass die Leute keine Ahnung haben, was Brechts Theater ist», sagt er. «Es gibt bei ihm immer eine Meinung und die Gegenmeinung, manchmal in derselben Figur. Das ist nicht belehrend.» So habe Brecht sich das Theater selber gewünscht, als einen Ort, an dem Gegensätze aufeinanderstossen, und zwar auch die Gegensätze zwischen Bühne und Publikum. «Als gebürtiger Ostdeutscher gehe ich von der Vorstellung eines Volkstheaters aus und erhoffe mir ein gemischtes Publikum», sagt Baumgarten.

Allerdings entdecke er heute in den Grossstädten, wo es viele Theater gibt, «ein Spartentheater für ein Spartenpublikum, das sich vom Geschehen auf der Bühne in seinen Ansichten bestätigen lässt. So aber wird Theater zur Dekoration.» Die Oper sei nicht so, erklärt er. «Noch nicht.» Dabei könnte diese Kunstform aber durchaus «mehr wagen, als sie real tut». Natürlich tragen zum Vorurteil gegenüber Brecht die sogenannten «Lehrstücke» bei, «die allerdings nie für die öffentliche Aufführung gedacht waren – und die in einer Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus eine Haltung vertraten, die heute obsolet ist», sagt Baumgarten. «Aber am Dystopischen und Nihilistischen von Mahagonny sind wir viel näher dran, als wir uns das zugeben wollen.»

Auch die Musik entwickelt sich aus Gegensätzen

Und wie das Brecht’sche Theater selber, so folgt auch Kurt Weills Musik einem dialektischen Duktus. Auch sie entwickelt sich aus Gegensätzen heraus. «Es ist eine seltsame Vermischung von Popmusik jener Zeit, zeitgenössischer Musik – und Kirchenmusik. Wie Weill das gegeneinander schneidet, das ist beeindruckend», sagt Baumgarten.

Ihren Brecht kennt auch die Sängerin Annette Dasch. «Meine Mutter hat mir seine Stücke früh nahegebracht», erzählt sie. Als sie die Rolle der Jenny angenommen hat, war ihre Überlegung: «Es wäre schön, mal wieder etwas zu machen, was meine schauspielerische Seite belebt.» Sie hat zuerst das Textbuch gelesen. «Oh, das ist aber trocken», war der erste Gedanke, dem die Musik aber entgegenwirkt. Durch sie bekommt die Hure Jenny ein Gesicht. «Sie ist eher Figur als Mensch, man wird ihrer nicht wirklich habhaft. Und interessant ist, dass man gerade von ihr erwartet, sie solle Paul retten.»

«Man kann ja danach mit sich ins Gespräch gehen»

«Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» beschreibt eine Welt, in der alle so tun, als gäbe es kein Morgen. Ist das ein Bild unserer Welt? Annette Dasch denkt nach. «Wir gehen ja nicht mehr davon aus, dass wir mit dem Theater gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen können. Aber wenn man sich das Stück anschaut, kann man danach mit sich ins Gespräch gehen.» Und sich fragen, «was das mit einer Gesellschaft macht, wenn man sagt: Es gibt keinen Gott mehr, es gibt keine Regeln. Die einzige Regel ist: Du darfst. Wie viel Genuss darf sich der Mensch gönnen, und auf wessen Kosten?» Und als Mutter fragt sie sich auch: «Was gebe ich meinen zwei Kindern mit?»

Brecht, das ist eben nicht nur Kapitalismuskritik. Das ist auch Menschenkritik.

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