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Lucerne Festival: Berliner Philharmoniker und Petrenko –
das passt

Die Berliner Philharmoniker eroberten unter ihrem designierten Chefdirigenten Kirill Petrenko Luzern im Sturm. Ein Standardprogramm und ein Programm mit Raritäten setzten ein deutliches Zeichen für eine weiterhin glorreiche Zukunft des Eliteorchesters.
Fritz Schaub
Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko begeisterten das Publikum im KKL. Bild Priska Ketterer/Lucerne Festival (Luzern, 29. August 2018)

Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko begeisterten das Publikum im KKL. Bild Priska Ketterer/Lucerne Festival (Luzern, 29. August 2018)

Als im Juni 2015 die Berliner Philharmoniker den heute 46-jährigen, aus dem westsibirischen Omsk stammenden Kirill Petrenko, der damals Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München war (und noch immer ist), zum neuen Chefdirigenten und zum Nachfolger von Sir Simon Rattle wählten, herrschte allgemeine Verwunderung in der Musikwelt. In der breiten Öffentlichkeit war der Russe, der als 18-Jähriger nach Österreich kam und dort sein Musikstudium aufnahm, kaum bekannt.

Wie konnte ein eher bescheiden auftretender Dirigent ohne besonderes Charisma, der noch nie an der Spitze eines Konzertorchesters gestanden hatte, das vielleicht beste Orchester der Welt übernehmen, das heuer sein 60. Bühnenjubiläum in Luzern feiert? Allerdings war man auch in Luzern hellhörig geworden, als Petrenko «sein» Münchner Orchester am Lucerne Festival 2016 dirigierte – mit einem Wagner-­Richard-Strauss-Programm.

Beethovens Siebte – ein Ereignis

Das Standardprogramm, mit dem er vor ein paar Tagen die neue Saison der Berliner Philharmoniker eröffnete, brachte er nach Berlin und Salzburg jetzt auch im Sinfoniekonzert 12 am Mittwochabend im KKL Luzern zu Gehör. Und wie! Nach dem Finalsatz der siebten Sinfonie von Ludwig van Beethoven brach im ausverkauften KKL-Konzertsaal ein Begeisterungssturm los, und mit einer gewissen Verzögerung kam auch die Standing Ovation. Petrenko bedankte sich freundlich, auch beim Orchester, doch Musiker und Dirigent brachen schnell auf. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass es Petrenko nur auf die Musik und nur auf diese ankommt.

Ja, hier hörte man wieder einmal eine Siebte, in der der viel besprochene Rhythmus wirklich alle Sätze bestimmte. Selbstverständlich beachtete Petrenko dabei alle vorgeschriebenen Wiederholungen und breitete das Werk in seinen gewaltigen Proportionen aus. Das Tänzerische deutete er schon im Kopfsatz an, führte es weiter im gemäss den Metronom-Angaben Beethovens nur mässig langsameren zweiten Satz, den er nicht als Trauermarsch, sondern leicht, flüssig und differenziert nahm.

Steigerung bis zur Raserei

Die «Apotheose des Tanzes, von der Richard Wagner sprach, kündigte sich im rasch und beflügelt daherkommenden Scherzo an, das attacca leitete in den Finalsatz über, dessen Rhythmus völlig entfesselt zum Ausbruch kam und sich bis zur Raserei steigerte.

Schon bei den zwei frühen Tondichtungen von Richard Strauss vor der Pause war man völlig gebannt. Eigentlich eine Tollkühnheit, diese zusammen mit der Beethoven-Sinfonie gleich im ersten Konzert mit den Berlinern zu bringen, waren doch «Don Juan» und «Tod und Verklärung» allesamt besonders bevorzugte Kompositionen von Petrenkos berühmten Vorgängern. Aber er bestand den Vergleich mühelos und legte damit bereits ein klares Bekenntnis ab zur deutsch-österreichischen Klassik, die Rattle anfänglich zum Missfallen vieler Beobachter zu wenig gepflegt hatte. Der drahtige Dirigent beherrschte seinen Klangkörper auch in Grossbesetzung souverän, behielt selbst in scharfem Tempo die Übersicht, markierte klar die Abschnitte. Dabei fühlte sich das Orchester keineswegs in einer Zwangsjacke, atmete mit und musizierte frei aus dem Vollen heraus.

Fesselnd, wie der Russe im «Don Juan» einen durch das explosionsartige Aufleben des ewigen Verführers, seine schwindende Vitalität und das endliche ­Abserbeln führte, an das die folgende, nur zwei Jahre später entstandene Tondichtung «Tod und Verklärung» logisch anknüpfte. Grossartig, wie sich hier das zentrale Verklärungsthema stufenweise aus dem Orchester schälte, wie die Solovorträge – ­allen voran seien erwähnt der Oboist Albrecht Mayer und der Flötist Emmanuel Pahud – sich völlig mit den Orchesterfarben amalgierten und wie prachtvoll ausbalanciert der Klangkörper selbst in den grössten dynamischen Steigerungen blieb.

Hohe Virtuosität - tiefe Emotionen

Auch den zweiten Auftritt der Berliner am Donnerstag durfte man als Bekenntnis auffassen, und zwar eines zu Nischenwerken. Denn neben dem populären dritten Klavierkonzert von Sergej Prokofiew, bei dem die chinesische Pianistin Yuja Wang ihren Erfolg von 2009 (damals unter Abbado) wiederholen, ja im Ausdruck und in der Virtuosität noch steigern konnte, standen zwei aus der Mode gekommene Werke, die unverdientermassen vergessen wurden. Das 1912 entstandene Ballett «La Péri» von Paul Dukas gehört in den Umkreis des Impressionismus und war eine Ansermet-Spezialität. Er dirigierte die bisher einzige Aufführung. Im Gespräch mit einem Mitglied der Berliner Philharmoniker deutete Petrenko an, neben dem russischen würde er gerne das französische Repertoire in Berlin pflegen. Wenn man gehört hat, wie behutsam und fein er die Klangfarben behandelte und das orientalische Märchenkolorit bis hinein ins Pianissimo aushorchte, kann man dies nur begrüssen.

Eine absolute Neuentdeckung war die vierte Sinfonie von Franz Schmidt (1874–1939), die überhaupt noch nie in Luzern erklang. Es ist Petrenko hoch anzurechnen, dass er diese am Vorabend der Machtergreifung durch die Nazis entstandene Sinfonie wieder zu Gehör brachte. Hier war nicht mehr der Erzähler Petrenko wie bei den zwei Strauss-Tondichtungen am Vorabend gefragt, sondern der überlegene Former einer zum Teil überwucherten spätromantischen Sinfonie, die eigentlich ein Requiem ist für die bei der Geburt ihres Kindes verstorbene einzige Tochter Emma des Komponisten. An den Kulminationspunkten, etwa beim verzweifelten Ausbruch des Orchesters im Trauermarsch, drohte die Aufführung beinahe zu überborden. Aber in den lyrischen und weniger schweren Abschnitten des 50-minütigen Werks, etwa wenn das Cello den elegischen Solopart spielte oder in den fugierten, durchsichtig genommenen Passagen drückte die Wiedergabe tiefe Emotionen aus. Eine rätselhafte Aura lag irgendwie über dem ganzen Werk, das mit einem berührend einsamen Trompeten-Solo begann und endete. (FS)

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