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Berliner Szene-Chaos

Die ausserordentlich lebendig erzählte und stilvielfältig inszenierte Graphic Novel «Venustransit» von Hamed Eshrat schildert gekonnt Berliner Ambiente. Das ist für Berlinkenner doppelt reizvoll.
Hans Keller
Eindrückliche Szenen in Grau und Anthrazit: Ausschnitt aus Hamed Eshrats «Venustransit». (Bild: Avant Verlag)

Eindrückliche Szenen in Grau und Anthrazit: Ausschnitt aus Hamed Eshrats «Venustransit». (Bild: Avant Verlag)

Der im Iran geborene Hamed Eshrat lebt in Berlin und ist dort Teil des Getriebes und Betriebes, dessen zwischenmenschliche Dynamik samt Fehlzündungen, Desastern, Abstürzen und erneutem hoffnungsvollem Anschmeissen der Motoren die vielgerühmte Turbulenz des Szenelebens der Stadt auszumachen scheint. Das Drunter und Drüber schildert Eshrat anhand einiger untereinander befreundeter Typen und Frauen mit sicherem, aber unkonventionellem Strich. Eindrücklich weiss er mit verwischten Grau- und Anthrazittönen nächtliche Schlafzimmer, Strassen, Discoszenerien oder Brücken im Regen packend in entsprechende Stimmungen zu tauchen, die – gerade auch für Leser, die Berlin ein bisschen kennen – stimmig sind.

Faszinierende Stilwechsel

Da bricht für den Protagonisten Ben, einen sich permanent hinterfragenden Zeichner, auf Grund seiner Selbstzweifel die Beziehung zu seiner Freundin auseinander, was für Ben zu einer ziemlich planlosen Herumtreiberei führt. Kein Problem in Berlin! Ben landet unter anderem in jenem riesigen Gebäude, in welchem auf allen Etagen und in sämtlichen Räumen die angesagtesten Dance-Sounds wummern. Nachdem Ben seinen Kopf an der Garderobe deponiert hat, stürzt er sich in den hirnlosen Bum-Zäg!-Krach – die Zeichnungen rasen von expressivem Körpersalat zu konstruktiv-abstrakten Gebilden und lösen sich schliesslich in minimalistisch phantastisches Gekrakel auf, wie es ein angetörntes Hirn ausspuckt.

Ben erwacht in realistischem Stil mit höllischem Kater und Blick auf eine Unverständliches von sich gebende Kakerlake. Die Stilwechsel machen einen guten Teil der Faszination von «Venustransit» aus.

Quälende Sisyphus-Phantasien

Gleich noch ein Stilwechsel. Ein Freund hat dem verzweifelten Ben einen Talisman mit dem Rilke-Zitat «Du musst dein Leben ändern» geschenkt. Ben, den immer wieder Sisyphus-Vorstellungen quälen und der obsessiv Männer zeichnet, die vergeblich versuchen, einen Stein auf einen Berg zu bugsieren, entschliesst sich zu einem Trip nach Indien. Weg von allem, vor allem von der gescheiterten Beziehung! Alles soll anders werden. Davon künden die siebzig Faksimile-Tagebuchseiten in der Mitte der Novel. Ben liess sich in Indien zu Art-Brut-Kritzeleien und Phantasmagorien à la Paul Klee inspirieren, deren Tohuwabohu von hampelnden Männchen, Gegenständen, Drogen konsumierenden Yogis, Vögeln und anderen Viechern den chaotischen Alltag des Subkontinentes der Armen besser einfängt als realistische Darstellungen.

Als struppig-bärtiger Neo-Hippie nach Berlin zurückgekehrt, ergibt sich für Ben bald einmal eine neue Liebschaft. Und zusammen mit seinen Freunden lanciert man ein multimediales «Piraten»-Projekt. Und Ben versucht, den Sisyphus-Stein mit einem Hammer zu zertrümmern – wodurch sich natürlich das oft fatal und eigenwillig nach allen Seiten hin wuselnde Leben nicht aufhalten lässt.

Hamed Eshrat: Venustransit, Avant Verlag 2015, 256 S., Fr. 31.90

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