Saisonauftakt: Bergwärts in der Tonhalle

Wetterbedingt spielte das Sinfonieorchester St. Gallen am Freitagabend im Trockenen. Für das  Gipfelkonzert vom Sonntag auf dem Chäserrugg gibt es ein Ersatzprogramm. Leider ohne den neuen Chefdirigenten – und ohne die wunderbare Nadja Räss.

Bettina Kugler
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Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Worte braucht sie nur zum Moderieren: Die Jodlerin Nadja Räss bringt frische Bergluft und herzhafte Stimmkunst auf die Tonhalle-Bühne. (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Worte braucht sie nur zum Moderieren: Die Jodlerin Nadja Räss bringt frische Bergluft und herzhafte Stimmkunst auf die Tonhalle-Bühne. (Bild: Anna-Tina Eberhard)

Bier, Bratwurst, Beethoven, bei lauer Sommerbrise draussen auf der grünen Wiese? So hätten es die meisten wohl gern gehabt am Freitagabend: vor, nicht in der Tonhalle. Aber das Wetter zeigte dem Sinfonieorchester St. Gallen, seinem neuen Chefdirigenten Modestas Pitrenas und Nadja Räss als Moderatorin und Botschafterin in Sachen Jodellust die kalte Schulter. Wegen der düsteren Prognosen wurde schon tags zuvor entschieden, dass das Klassik-Open-Air, seit Jahren der legere, niedrigschwellige Saisonauftakt, für einmal indoor stattfinden muss. Die Seitentüren des Konzertsaals freilich blieben ­offen – für die vielen, die keinen Sitzplatz fanden. Am Ende standen dann alle, vom Stimm- und Klangfeuerwerk euphorisiert. Als seien auch Bier, Bratwurst und sommerliches «Easyliving» mit im Spiel gewesen.

Aus Zuhörern werden Mitjodelnde

Dabei hätte das Programm so trefflich ins Freie gepasst, erst recht auf den Chäserrugg, wo heute Sonntag die zweite Auflage der «Gipfelwerke» stattfinden sollte. Vor zwei Jahren war das Sinfonieorchester dort dem Himmel näher, bei guter Sicht und Traumwetter. Doch auch dieses Konzert wird so nicht stattfinden können; zu kalt ist es für die empfindlichen Instrumente und für die Stimmbänder der Jodlerin.

Muss eben die Vorstellung genügen, wie wohl der Strauss-Walzer «Aus den Bergen» op. 292 oder Smetanas «Die Moldau» auf über 2000 Metern gewirkt hätten oder im Pärkli vor der Tonhalle. Mag es auch schade sein ums Picknick und die fröhlich herumtollenden Kinder beim Open Air: Im Trockenen jedenfalls hatte das Sinfonieorchester beste Voraussetzungen, sich mit Verve und Finesse für die kommende Saison zu empfehlen.

Allen voran der neue Maestro Modestas Pitrenas.

Dass es gefunkt hat zwischen ihm und den Musikern, war sicht- und hörbar; es übertrug sich im Überschwang der ersten Takte von Franz Liszts «Ungarischer Rhapsodie» sogleich aufs Publikum.

Leidenschaft, ein bisschen Schmäh und reichlich Gewürz, doch nicht auf Kosten des präzisen, differenzierten Zusammenspiels, das alles versöhnte mit der Schlechtwettervariante. Erst recht die Frau mit dem sprechenden Namen und den geschmeidigen Stimmbändern: Nadja Räss.

Worte brauchte sie nur, um auf ihre herzhafte Art von Stück zu Stück zu führen – oder die ­Zuhörer zu Mitsingenden zu machen. Ansonsten ging es ohne, in Naturtönen oder einem Toggenburger Jödeli, entdeckt auf einer Schellackplatte aus dem Jahr 1928. Stéphane Fromageot hat diese musikalischen Grüsse aus der Volksmusik für Orchester arrangiert. Das ist mehr als Begleitung. Im hellwachen Miteinander zweier Musikkulturen kann sich da jede selbstbewusst von ihrer besten Seite zeigen und grosse Kunst klingender Lebensfreude zum Blühen bringen.

Sonntag, 2. September, 14 Uhr, Gipfelrestaurant Chäserrugg: Ersatzkonzert des Brass Quintetts St. Gallen.