Zurich Film Festival
Belgrader Pendeln zwischen gestern und morgen

Der Film «A Woman With A Broken Nose» dringt tief in die kriegsversehrte, serbische Seele ein.

Sven Zaugg
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Der Krieg ist seit zehn Jahren vorbei, doch die Wunden sind noch lange nicht verheilt in der weissen Stadt an den Ufern der Save, in Belgrad. Dass jemand ungefragt Gutes tut, daran glaubt niemand mehr, am wenigsten der mürrische Einzelgänger Gavrilo (Nebojsa Glogovac). Bis zu jenem regnerischen Tag, als eine junge Frau mit ihrem Baby und einer gebrochenen Nase in sein Taxi steigt, keine Minute sitzen bleibt, fluchtartig das Auto verlässt, sich über das Geländer der Branko-Brücke hievt und springt. Gavrilo bleibt zurück und mit ihm das Baby auf dem Rücksitz.

Der Selbstmordversuch bleibt auch von Anica (Anica Dobra) und Biljana (Branka Katic) nicht unbemerkt. Für die drei, die fortan eine lose Schicksalsgemeinschaft bilden, evoziert das Ereignis auf der Brücke eine existenzielle Krise. Gavrilo sieht sich mit der Verantwortung für ein Baby konfrontiert, Anica erinnert sich ihres bei einem Autounfall getöteten Sohnes und Biljana wird unvermittelt klar, dass sie den Tod ihrer grossen Liebe nie überwunden hat.

Ersaufe in Selbstmitleid

Srdjan Koljevic inszeniert mit «A Woman With A Broken Nose» ein tragisches Theater über das Leben und Dahinvegetieren in Belgrad. Zwar haben die Figuren ihre schmerzliche Vergangenheit hinter sich gelassen, doch wirklich in der Gegenwart angekommen sind sie nie. Zu schwer wiegt, was nie ausgesprochen wurde, zu schwer wiegt der Groll über den Verlust eines geliebten Menschen.

Koljevic zeigt Figuren, die sich ihrer Lethargie zu entledigen versuchen, jedoch unweigerlich in Selbstmitleid ersaufen. Er lässt sie auf der Brücke, deren Sinn es wäre, Lebensmittelpunkte zu verbinden, wieder und wieder im Stau stehen. Es ist die Metapher für eine Stadt, die sich scheinbar vom Krieg erholt hat; doch die Lebensumstände der Figuren lassen anderes erahnen. Der Film dringt tief in die geschundene, serbische Seele ein, und in eine Stadt, in der die Menschen zwischen gestern und morgen pendeln.

Woman With A Broken Nose (SRB 2010). 101 Min. Regie: Srdjan Koljevic.