Bekenntnisse im Schutz der Rose

Nach zweijähriger Pause kehrt der Tanz der St. Galler Festspiele zurück in die Kathedrale. «Schweigerose» eröffnet eine Trilogie über Sprechen und Schweigen und nimmt Bezug auf eine jahrhundertealte Tradition: Die Beichte.

Bettina Kugler
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«Tanz spricht suggestiv, vieldeutig, weniger offen als Worte», sagt Choreograph Jonathan Lunn. Geprobt wurde in der Lokremise – auf massstabsgetreuen Plattformen. (Bild: Theater St. Gallen/Anna Tina Eberhard)

«Tanz spricht suggestiv, vieldeutig, weniger offen als Worte», sagt Choreograph Jonathan Lunn. Geprobt wurde in der Lokremise – auf massstabsgetreuen Plattformen. (Bild: Theater St. Gallen/Anna Tina Eberhard)

Leo Tolstoi färbt nichts schön. In einer tiefen Lebenskrise legt der Schriftsteller vor sich selbst und für die Nachwelt die Beichte ab. «Ich habe im Krieg Menschen umgebracht, zum Duell gefordert, um zu töten, im Kartenspiel verloren, ich habe die Arbeit der Bauern ausgenutzt, sie bestraft, habe gefehlt, betrogen», bekennt er. «Lüge, Raub, Wollust, Trunksucht, Gewalt, Mord – es gibt kein Verbrechen, das ich nicht begangen hätte.» «Meine Beichte» wird Tolstois wichtigster autobiographischer Text. Er markiert einen Wendepunkt und rettet ihn vor einer weiteren Todsünde: dem Selbstmord.

Die Last der «Beichtpflicht»

Das Schweigen zu brechen, «den ganzen Unrat meiner Seele hervorzukehren», stellt den Bekennenden zurück in die Gemeinschaft «mit allen, welche geglaubt haben und glauben», so formuliert es Tolstoi. «Dass man anderen seine Sünden erzählt in der Hoffnung, Vergebung zu erlangen, ist so alt wie das Christentum selbst», schreibt der englische Kirchenhistoriker John Cornwell. In seiner Kindheit war es noch üblich, jeden Samstagnachmittag zur Beichte zu gehen. Wer beichten möchte, kann das nach wie vor tun, auch in der Kathedrale St. Gallen. Lange Schlangen freilich sind eher selten. Es geht heute nicht mehr um «Beichtpflicht».

«Viele erinnern sich mit unguten Gefühlen an die Zeit, als sie klassenweise zur Beichte geschickt wurden», sagt Dompfarrer Beat Grögli. «Das sitzt oft tief im Bewusstsein. Andererseits gibt es Gläubige, die gezielt Orte aufsuchen, von denen sie wissen: Hier kann ich gut beichten. Es gibt erfahrene Seelsorger, die Zeiten sind grosszügig bemessen – etwa in Einsiedeln.» Als Beichtvater erlebt er selbst immer wieder, welche befreiende Wirkung das Wechselspiel aus Sprechen und Schweigen haben kann: Wenn Menschen Dinge, die sie zutiefst bereuen, aussprechen können. Und Zuspruch erfahren.

Dass dieses Bekenntnis nicht öffentlich stattfindet, sondern in vertraulichem Rahmen, geschützt von der geistlichen Schweigepflicht, geht auf eine kirchenrechtliche Neuerung des 13. Jahrhunderts zurück: das Beichtgeheimnis. Es ist die älteste Datenschutzvorschrift der Rechtsgeschichte. Später, Mitte des 16. Jahrhunderts, wurde der Beichtstuhl erfunden, bis heute fester Bestandteil katholischer Kirchen: ein dunkles, oft mit Schnitzwerk verziertes Möbel.

Dunkelkammer, weisse Wand

Bei manchen löst es schon im Vorbeigehen ungute Gefühle aus; Generationen von Literaten und Filmemachern hat es als Dunkelkammer menschlicher Abgründe inspiriert. Letztes, erfolgreiches Beispiel: der irische Film «Calvary», in dem einem Priester im Schutz der Beichte seine Ermordung angekündigt wird. An seine Schweigepflicht gebunden, wird er die Tat nicht verhindern, sondern sich opfern.

«Das Beichtgeheimnis ist absolut», bestätigt Beat Grögli. Dass der Beichtstuhl seit jeher die Phantasien beflügelt, liegt für ihn auf der Hand. «Als Ort der Verschwiegenheit bietet er sich für Projektionen an», sagt er; «man weiss nicht so recht, was dort gesprochen wird, also kann man sich alles mögliche vorstellen. Man kann das vergleichen mit dem Schweigen des Therapeuten in der Psychotherapie; es wirkt wie eine weisse Wand.» Seine Erfahrung zeigt aber auch, gerade bei Kindern und Jugendlichen: wenn sie die Wahl haben, geben sie der Diskretion des Beichtstuhls den Vorzug, und das Gitter bleibt verschlossen.

Es wimmelt von Rosen

Nicht selten ist in den Schnitzereien der Beichtstühle eine stilisierte Rose als Symbol zu finden. «Sub rosa», «unter der Rose» darf gesagt werden, was auf der Seele lastet und nicht nach aussen dringen soll. Die Schweigerose war es denn auch, die Tanzchefin Beate Vollack ins Auge stach, als sie nach einem Zugang für den Tanz in der Kathedrale suchte. Einmal aufmerksam geworden, entdeckte sie das Symbol allenthalben.

Das Schweigen, fand sie, sei «eine männliche Domäne», also sollte ein Mann das Stück choreographieren: der Brite Jonathan Lunn, dessen zeichenhaft-poetische Arbeiten sie schätzt. «Schon in seinem Stück <Reading Room> geht es um Kommunikation und Schweigen», sagt sie, «und das in einer geradezu heiligen Atmosphäre.»

Wir treffen Jonathan Lunn am Rande einer Probe in der Lokremise. Duft, Farben, Weite und Resonanz der Kathedrale müssen sich er und die Tänzer gerade noch vorstellen. «Jede Geste, jeder Ausdruck wird dort durch den Raum, seine Bedeutung, seine Geschichte inhaltlich neu gefüllt, je nach Hintergrund des Zuschauers andere Assoziationen wachrufen», sagt Lunn.

Das fasziniert ihn. Überwältigt war er, als er seine «Bühne» zum ersten Mal sah. Jetzt arbeitet er daran, spezifisch Menschliches in diesem Raum sichtbar und spürbar zu machen. «Er soll die Tänzer nicht klein machen. Aber sie in einer Welt und Dimension zeigen, die grösser ist als sie, und anders.»

Tanz und Religion

Beate Vollack freut sich, dass der Tanz nach zwei Jahren Pause, bedingt durch die Umgestaltung des Altarraumes, in die Kathedrale zurückkehrt. «Sie ist, verglichen mit St. Laurenzen, der schönere, wesentlich spannendere Raum», sagt sie; «eine Kirche mit grosser Strahlkraft. Die Menschen gehen dort ein und aus, um Gottesdienste zu feiern, still zu beten, ein inneres Zwiegespräch zu führen.» Auch dies «sub rosa», in der Gewissheit, in geschütztem Rahmen Gehör zu finden. Tanz und Religion: Für die Tanzchefin berühren sie sich darin, dass sie ohne Worte auskommen, sich in der Stille oft am intensivsten äussern.

Dass in der Kathedrale nicht alles möglich sei, mache sie noch reizvoller als Spielort. Beate Vollack fühlte sich herausgefordert, vom Raum ausgehend ein Konzept zu entwickeln, und hat es als Trilogie angelegt. An «Schweigerose» werden sich in den kommenden Jahren «Rosenkranz» und «Kranzrede» anschliessen – und ebenfalls an geistliche Traditionen anknüpfen.

Premiere 24.6., Kathedrale, 21 Uhr

Beat Grögli (Bild: Urs Bucher)

Beat Grögli (Bild: Urs Bucher)

Jonathan Lunn (Bild: Anna Tina Eberhard)

Jonathan Lunn (Bild: Anna Tina Eberhard)