«Beim Sterben sind wir alle Anfänger»: Linard Bardill singt in Frauenfeld über die Vergänglichkeit

Der Bündner Liedermacher Linard Bardill geht in seinem Gedichtband «Die Insel» der letzten Lebensphase auf den Grund. Am Samstag liest er in Frauenfeld daraus und singt rätoromanische Lieder.

Roger Berhalter
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Linard Bardill, hier vor seinem Atelier in Scharans, hat in nur zwei Wochen den Gedichtband «Die Insel» geschrieben.

Linard Bardill, hier vor seinem Atelier in Scharans, hat in nur zwei Wochen den Gedichtband «Die Insel» geschrieben.

Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

«Sterben für Anfänger oder die Kunst am Leben zu bleiben»: So heissen die Seminare, die Linard Bardill anbietet. Viele kennen den Bündner Liedermacher durch seine Kinder-CDs und -konzerte. Er schreibt aber auch Bücher und Lieder für Erwachsene und versucht, der letzten Phase des Lebens auf den Grund zu gehen. Bei ihm kann man sozusagen das Sterben lernen.

«Es heisst ‹Sterben für Anfänger›, denn für Fortgeschrittene gibt es das nicht», sagt Bardill am Telefon. «Bei diesem Thema sind wir alle Anfänger.» Wobei der 63-Jährige mit dem Sterben durchaus Erfahrung hat. Er macht Sterbebegleitungen und besucht als Botschafter der Kinderstiftung Sternschnuppe mit der Gitarre Kinder und deren Angehörige im Spital:

«Diese Erfahrungen haben mir gezeigt: Das Leben wird intensiver, wenn man sich mit der Vergänglichkeit beschäftigt hat.»

Deswegen habe er begonnen, in Scharans Seminare zu organisieren. Er lädt etwa Palliativmediziner ein, die von ihrem Beruf erzählen. Agnostiker, die an keine höhere Instanz glauben. Esoterikerinnen, die mit dem Jenseits kommunizieren. «Die Seminare sind sehr offen, es gibt keine Tabus», sagt er. Die letzte Lebensphase komme vielen betroffenen Menschen derart fremd vor, «als wären sie auf dem Mars gelandet».

Die Vergänglichkeit hat etwas Tröstliches

Diesen fremden Planeten möchte Bardill zumindest teilweise erkunden und Zuversicht geben. «Die Schönheit des Lebens erfährt man erst, wenn man die Endlichkeit begreift.» Es gehe nicht darum, den Leuten die Angst vor dem Tod zu nehmen. Vielmehr gelte es, die Sterblichkeit zu akzeptieren. Sie habe auch etwas Tröstliches:

«Ewig leben zu müssen, wäre schrecklich. Man wäre allein auf der Welt.»

Eigentlich wollte Linard Bardill seine Erkenntnisse in einem Sachbuch verarbeiten. Dafür reiste er auf die spanische Insel La Gomera. Doch schon auf der Hinfahrt mit der Fähre zückte er sein Notizbuch und notierte den Anfang eines Gedichts: «Hinter den salzverkrusteten / Scheiben der Fähre / Geht die Sonne unter.»

Ein Gedichtband in nur zwei Wochen

Aus diesen Sätzen entstand in den folgenden Tagen ein ganzes Buch: «Die Insel – Wirf dich den Wolken zum Frass vor». Ein Gedichtband voller fliessender Verse, die an einen unsichtbaren Begleiter gerichtet sind und von der Vergänglichkeit erzählen. «Ich habe das eigene Sterben beschrieben», sagt Bardill im Rückblick. In nur zwei Wochen sei der Gedichtband fertig geworden. «Er ist mir zugefallen», beschreibt er den Prozess:

«Meine Füllfeder tanzte über das Blatt, und ich habe ihr zugeschaut»

«Die Insel» ist voller Anspielungen auf die christliche Religion, auf griechische Götter, auf die indische Mythologie. Und sie ist voller Trost und voller Erkenntnisse wie dieser: «Verloren ist, was wir nicht geben. Gewonnen, was du verschenkst.»

Lieder nach Bildern von Giovanni Segantini

Am Samstag liest Bardill im Eisenwerk aus seinem Buch. Dazwischen singt er rätoromanische Lieder, die von einem dreiteiligen Gemälde von Giovanni Segantini inspiriert sind, das ebenfalls von der Vergänglichkeit handelt. Ist das nicht zu viel des Sterbens für einen Abend? Nein, sagt Bardill und verspricht: «Es wird ganz frühlingshaft und lebendig werden.»

22.2., 20.15 Uhr, Eisenwerk, Frauenfeld